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zu beweisen, wie unauslöschlich das Gefühl ist, das in meiner Brust gegen dich glüht, dem ich die zwei köstlichsten Gaben danke, die der Mensch dem Menschen geben kannfreie Liebe, und Anleitung zum Guten. – lebe' wohl!

43. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso in Rom.

Nikomedien, im April 302.

Wenn der Mensch nur nichts erwartete! Wenn man sich nur abgewöhnen könnte, der Zukunft mehr zuzutrauen, als der Gegenwart! Aber so sind wir nun. Immer blicken wir in die Ferne, vorwärts, und kein Besitz wirklicher Güter dünkt uns so reizend, als die schimmernden Freuden, die uns von Weitem im magischen Lichte der Einbildungskraft entgegenglänzen. Was ich mir mit recht kindischem Sinne für Vorstellungen von diesem Nikomedien und den Freuden machte, die ich hier finden würde! Was ich mir für Geschichten erzählte, für Scenen träumte! Es ist nichts, eitel Nichts. Ich bin hier keinen Augenblick besser daran, als in Rom, schlimmer vielmehr, denn ich bin hier fremd und allein. O wer mir das gesagt hätte, als ich mit fröhlichem Mute in das Schiff stieg, als nur der Abschied von dir mich Tränen kostete, und ich mit hoffnungsreicher Seele die schönen Ufer Hesperiens1 nach und nach verschwinden sah! Ja, das ist's eben, der Mensch ist zur Täuschung geboren. Das wahre Glück ist nirgends als in seiner Einbildungskraft; in dieser geniesst er es voraus, so darf er es denn von her lauen unbedeutenden Gegenwart sten zu sagen pflegen.

Hier gibt es erstaunlich Viele von dieser Secte; selbst die Gemahlin des Cäsar Galerius, Valeria, soll dazu gehören. Das ist auch eine Ursache mehr, die mir den hiesigen Aufentalt verleidet. Es sind kopfhängerische traurige Menschen, die in den unschuldigsten Vergnügungen Gift finden, und sich aus den unbedeutendsten Handlungen ein Gewissen machen. Auch nur ein Körnchen Weihrauch auf den Altar einer unsrer Gotteiten zu streuen, auch nur einen Bissen Opferfleisch zu essen, ist ihnen ein todeswürdiges Verbrechen. Auch leiden ihn Manche lieber, als sie das tun. Ihr Gott muss ein strenges, eifersüchtiges Wesen sein. Da lobe ich mir unsre Götter und Göttinnen. Eine unzählbare Menge dieser harmlosen Wesen bevölkert Himmel, Erde und Meer. Sie streiten nicht unter einander, sie beneiden einander ihre Opfer nicht, sie nehmen gastfrei jeden Fremdling ihrer Art aus den entferntesten Gegenden unter den abenteuerlichsten Gestalten auf, sei es Zwiebel, Sperber, Affe2, ein Ungeheuer mit hundert Brüsten, oder ein Ideal menschlicher Schönheit. Alles dulden sie, jedem gönnen sie ein Plätzchen; dafür duldet man auch sie. Glauben kann sie kein vernünftiger Mensch; aber der Pöbel bedarf dieses Spielwerks. So lasst es ihm, und tut, was euch euer Herz zu tun erlaubt.

Doch was ereifere ich mich um Dinge, die mich nichts angehen, die ich mir eben aus dem Sinne schlagen will? Ach lieber Bruder! das ist die wirkung der nikomedischen Luft. Wenn man von nichts als Religionsstreitigkeiten hört, wenn diese Ideen alle andern verschlingen, jedes Gespräch verderben: so wird man zuletzt selbst mit hineingezogen, und nimmt, so ungern man es auch tut, doch endlich Partei, dafür oder dawider.

Auch Agatokles ist von diesem Schwindel ergriffen, und ich fürchte fast, er ist weit mehr Christ, als er selbst gesteht. Du solltest ihn jetzt für die Reinheit und Erhabenheit dieser Lehre, für die beseligenden Wirkungen sprechen hören, die er sich von ihr für die Menschheit verspricht! Oft muss ich lächeln, noch öfter ärgere ich mich, zuweilen gelingt es aber dem Schwärmer, mich für einen Augenblick hinzureissen. Meinen Vater hat er schon ziemlich auf seiner Seite. Uebrigens hat er nur den Gegenstand gewechselt, und was ihm sonst das alte Rom und die Republik war, ist ihm jetzt das Christentum, von dessen Verbreitung er sich Ersatz für jene verlornen Tugenden, und die Anregung aller bessern Kräfte im Menschen verspricht.

Uebrigens habe ich ihn sehr verändert gefunden, so verfallen, so bleich, dass ich über seinen ersten Anblick erschrak. Das hat die Liebe aus diesem mann gemacht; und sie sollte eine beglückende Empfindung sein? Nimmermehr! Ich habe nur erst kürzlich noch ein trauriges Beispiel von ihren Verheerungen gesehen, und hätte ich sie je für etwas Gutes halten können, so würden Sulpicia und Agatokles meinen Wahn heilen. Es sind nun zehn Tage, als Tiridates zu uns kam. Er sieht blühend und schön aus, schöner als ich ihn je sah, und aus den jugendlichen Zügen strahlt Kraft, Mut und Lebensfreude. Er brachte mir einen Brief von Sulpicien. Ein seltsames Gemisch von anscheinendem Glücke, und geheimer Wehmut sprach aus ihm. Sie bat mich, sie das einzig u n g e t r ü b t e Glück der Freundschaft geniessen zu machen, und sie zu besuchen. Sie schrieb mir, dass sie zu krank sei, um zu mir zu kommen. Mein Entschluss war schnell gefasst. Mein Vater hatte nicht Zeit, mich zu begleiten. Ich sagte dem Prinzen von Armenien, dass ich am folgenden Tage nach Syntium zurückkehren würde; um aber doch nicht ganz allein mit ihm zu sein, bat ich Agatokles, mich zu begleiten. Der seltsame Mensch! Statt sich durch das Vertrauen geehrt zu finden, das ich auf ihn, und die achtung, in der er überall steht, zu setzen schien, wagte er es, einige Bedenklichkeiten gegen die Reise eines jungen Mädchens mit zwei unverheirateten