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so tiefe Spuren in meinem Gemüte hinterlassen haben, genau schildern soll. Der schwerste aus allen war der gegen Valeriens Liebe und rücksichtslose Aufopferung. Ihre Pflegeeltern sahen die Gefahr, sie fürchteten von Valeriens allzuheftiger leidenschaft vielleicht kühne Schritte, oder zitterten vor denn Zorn des AugustusGott weiss, was die Ursache wargenug, vor fünf Monaten verschwanden sie sammt Valerien plötzlich aus Eboracum, und sehr wahrscheinlich auch aus der ganzen Insel. Wenigstens waren alle meine Nachforschungen, durch deines Vaters Ansehen unterstützt, vergeblich, und ich habe mehr als Einen Grund zu glauben, dass sie Britannien verlassen haben. Ich wende mich nun an dich. Ich habe alle Hoffnung aufgegeben, aber ich wünschte Valeriens Schicksal zu kennen. Du bist am hof des Augustus: o so suche nur zu erfahren, ob bloss Besorgniss der Eltern, oder ein unmittelbarer Befehl des Kaisers die Ursache dieser eiligen Flucht war.

Ich bin versichert, dass ich Nachrichten erhalten werde, wenn du selbst dir welche verschaffen kannst. Ich weiss, dass sie zu nichts führen werden, denn ich habe entsagt: aber es stört meine Ruhe, nichts von einem Wesen zu wissen, das so innig mit mir verbunden war, das ich als einen teil meiner selbst betrachte, und an dessen Unglück ich vielleicht die grössere Hälfte der Schuld trage. Das ist es, was mich quält. lebe' wohl, Constantin, und erfreue mich bald mit einem Brief! Wenn er auch nichts von Valerien entält, so finde ich doch dein Herz darin.

Fussnoten

1 In Eboracum, dem heutigen York, war der kaiserliche Palast. 2 Lustrum, ein Zeitraum von fünf Jahren.

42. Constantin an Eneus Florianus.

Nikomedien, im April 302.

Es gibt Verhältnisse im menschlichen Leben, besonders in den höheren Regionen desselben, die, wie die Flügel des Schmetterlings, von weitem mit schönen Farben prangen, die man aber nicht kräftig anfühlen und untersuchen muss, wenn nicht der Glanz verschwinden, und ein trübes unscheinbares Gewebe übrig bleiben soll. Von dieser Art, mein väterlicher verehrter Freund! ist mein verhältnis an dem hiesigen hof zu den Menschen, die den nächsten und unmittelbarsten Einfluss auf mein Schicksal haben. Schon lange fühle ich das, und dass ich es weder dir, noch meinem geliebten Vater entdeckte, warvielleicht Stolz, vielleicht die erkenntnis, dass diese Entdeckung zu nichts führen könnte, als Euch am fernen Ufer der Tamisis über Umstände zu beunruhigen, die nur der Gegenwärtige mit Bestimmteit durchschauen, und mit Kraft zu seinem Vorteil lenken kann. Dein Brief, in welchem du so Manches von meinem Einflusse zu hoffen scheinst, bläst die Asche vom der verborgenen Glut, und ich zeige dir nun mich selbst, und meine Verhältnisse, wie sie sind. Mein Vater hat mich dem Schutze, der sorge des Cäsar Galerius übergeben, und leidliche Jahre verstrichen, in welchen er so ziemlich die Rolle eines zwar strenge, aber besorgten Vaters gegen mich behauptete. Auf die Länge wurde ihm entweder die Rolle zu lästig, oder er fand den Pflegesohn nicht ganz so geschmeidig, als er sich im Anfang den unerfahrnen, im Schatten des Privatlebens aufgewachsenen, brittannischen Jüngling gedacht haben mochte. Die sorge verschwand, die Strenge blieb, und aus dem Vater würde nach und nach ein despotischer Herr geworden sein, wenn nicht zu diesem verhältnis zwei Wesen erforderlich wären: ein Gebietendes, und Eines, das sich gebieten lässt. Der Sohn des abendländischen Cäsars fühlte sich durch Geburt, natur und Glück nicht so tief unter dem morgenländischen; er sah eine ruhmwürdigere Aussicht vor sich aufgetan, als sein Leben im Sonnenschein fremder Hoheit zu verflattern, und sich mit dem hohlen Ansehen, und kindischen Schimmer zu begnügen, mit dem ihn Galerius so schlau als verschwenderisch umgab. Das erzeugte Furcht, und Furcht gebiert den Hass. Galerius hasst mich, aber er fürchtet mich auch. Er umgibt mich mit Spionen, es kostet manchmal Nachsinnen und gespannte Aufmerksamkeit, einen Brief von hier aus durch die weiten römischen Provinzen, die seinem Scepter gehorchen, bis nach Eboracum unentdeckt, unerbrochen zu bringen. Dieser ist einer von den glücklichen, der seinen Spähern entgehen wird, und darum entalte er, was viele seiner Vorgänger nicht entalten konnten.

Du hast in dieser treuen Schilderung meiner Lage zugleich die Ursache, warum es mir nicht möglich war, in deiner Angelegenheit tätig zu sein. Diocletians vorzüglichste Tugend ist Verschlosseuheit; indess soll die Kaiserin Prisca mit der ehemaligen Königin des Olymps nicht bloss die Eigenschaft gemein haben, die Gattin des Weltgebieters zu sein, und der Augustus soll sich öfters gezwungen gesehen haben, manche seiner Freuden vor dem Blicke seiner Juno geheim zu halten. Unter diesen Verhältnissen ist es schwer, Erkundigungen über eine so verborgene geschichte einzuziehen, besonders dort, wo jeder Schritt belauscht, und jeder entdeckte zu den unangenehmsten Verwickelungen führen würde. Ich kann nur mit der grössten Vorsicht zu Werke gehen, und Alles, was ich bisher erfahren konnte, ist, dass Asinius Ponticus mit zwei Frauen, die man nicht kannte, bei den letzten Saturnalien in Coloniä Agrippinä gesehen wurde. Von dort soll er sich nach Mantua gewendet haben. Sobald ich mehr erfahre, wird es mir das teuerste Geschäft sein, dich zu benachrichtigen, wo ich mich auch immer befinden möge; denn wir brechen in drei Tagen auf, um uns zu dem Heere zu begeben. Dein Vertrauen hat mich sehr geehrt, ich werde desselben würdig zu bleiben streben, und jede gelegenheit ergreifen, um dir