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zu lernen, dass meine Denkart abenteuerlich, meine Forderungen an die Menschheit überspannt, meine Begriffe von öffentlichem Wohl töricht seien. Ich habe ihm gehorcht. Lass mich gestehn, dass mich dieser Gehorsam nichts kostete; denn in meinem inneren war eine stimme, die mir sagte, dass Vater und Sohn nicht so von einander denken, und wenn sie so denken, nicht beisammen leben sollten. Meine Ansicht aber wird ewig dieselbe bleiben. Rom wenigstens wird nichts daran ändern. Wie widerlich mir diese Stadt mit ihren Einwohnern ist, kann ich dir nicht sagen. Auch glaube ich gern, was schon Tiridates (mit dem ich allein hier in diesem Sammelplatze von Lastern und Torheiten leben und reden mag) gegen mich behauptete, dass gerade der scharfe Gegensatz des Einst und Jetzt, der in diesen verächtlichen Nachkommen würdiger Väter so grell in die Augen springt, meine Abneigung gegen sie noch vergrössert. Nein, wahrlich, Phocion! mein Vater hätte mich nicht nach Rom schicken sollen!

Indess bin ich, im Ganzen genommen, doch nicht ungern hier. Ich lerne viel, sammle Erfahrungen, sehe manches Denkmal der Kunst und bessern Zeit, und gehe mit vielen unterrichteten Männern um. Meine Stunden sind regelmässig unter Geistes- und Körperübungen, Genuss und Anstrengung geteilt. Du weisst, ich brauche nur Musse, und Freiheit, um zufrieden zu sein. Zufrieden! Mehr kann und soll ja der Mensch nicht verlangen. Und ist nicht jeder nur so glücklich, als er sich selbst dafür hält? Wenn auch manchmal trübe Gedanken in meiner Seele aufsteigen, so ist es Uebung der inneren Kraft, sie zu bekämpfen. Der Mensch ist nicht zum Glück geboren, seine Bestimmung ist, gut zu sein. Zur Güte führt die Weisheit, zur Weisheit Freiheit von Bedürfnissen. Das lass uns nie vergessen, daran lass uns festalten, und was dann über uns ergehen mag, mit mutigem Sinn und heiterer Stirn erwarten.

Fussnoten

1 Atrium war eine Art Vorhaus oder Vorsaal, in welchem bei den adeligen Familien die Bildnisse der Vorfahren aufgestellt waren. 2 Hetäre, ein griechisches Wort, das so viel als Freundin oder Gefährtin bedeutet, und eine anständige Benennung für eine unanständige Lebensart war.

5. Derselbe an Denselben.

Rom, im Februar 301.

Mein Vater war krank, schreibst du mir, aber er ist wieder auf dem Wege der Besserung. Dank den himmlischen Mächten, die unser Schicksal leiten! Es würde Mich sehr geschmerzt haben, ihn in den letzten Augenblicken nicht gesehen, und seinen Segen, seine volle Verzeihung nicht erhalten zu haben. Er ist doch mein Vater, und was auch zwischen uns obwaltet, so behauptet die natur in ernsten Momenten ihre vollen Rechte, und ich fühle an der Freude, welche mir seine Genesung verursacht, was für Bitterkeit sein entfernter einsamer Tod durch mein Leben gegossen haben würde.

Sein Betragen während der Krankheit ist dir so sehr aufgefallen? Mir nicht. Seine Philosophie ist, wie bei vielen Menschen unsrer Zeit, nie wirkung von grundsätzen, sondern Folge der Bequemlichkeit gewesen. Er hat dem Tempel zu Delphi einen Dreifuss gelobt, und dem Aesculap einen Hahn geopfert1, er, der sonst Götter und Götterdienst als leere Schattenbilder verachtete, hingestellt, um einen blinden Pöbel in Hoffnung und Furcht zu erhalten? Was er getan hat, werden Tausende tun. Das ist das Verderben der war, und nichts hat, den ungeheuren Verlust zu ersetzen. Was auch die Meinung des Pöbels von seinen Göttern istlass sie ihm, wenn du ihm nichts Besseres zu geben hast. Und wer hat das? Das Licht, das uns in den eleusinischen Geheimnissen leuchtete, ist Etwas; aber immer wenig für den dürstenden Geist, der hier an der Quelle zu trinken sich sehnt und ängstet. Es ist kein kleiner teil des Kummers, der oft meine einsamen Stunden verdunkelt, hier so ganz in Nacht zu tappen. Ich sinne und strebe und kämpfe meinen Geist müde; und versinke ich in eine Art von Betäubung, dann ist der Gedanke, dass so viele grosse Männer der Vorzeit nicht mehr wussten, dem ermatteten Sinn Beruhigung, bis eine neue Anregung meine Zweifel auf's Neue stürmisch emportreibt, und die Stille meiner Seele stört.

Wenn nur irgend eine leidenschaft, ein würdiger Gegenstand des Ehrgeizes, der Liebe oder Freundschaft meinem unstäten Willen eine bestimmte Richtung, meinen Kräften einen angemessenen Zweck darböte! Du bist entfernt, du, der allein mich versteht. Hier bin ich ganz einsam. Tiridates ist unstreitig liebenswürdig, und ich glaubehätten wir uns jünger gekanntwir wären v i e l l e i c h t Freunde geworden. Das, was uns jetzt trennt, und unsre vollkommene Vereinigung hindert, liegt nicht sowohl in unserm inneren, als es von Aussen angebildet worden ist. Denn über Alles, was dem Menschen, als solchem wert, unschätzbar, heilig ist, denken wir ganz gleich. Aber der frohmütige Königssohn, am orientalischprächtigen Hof Diocletians, in der Gunst des Cäsar Galerius, in Hoffnungen auf den Tron seiner Väter erzogen, kann niemals mit dem unberühmten Sohn des Privatmannes, den Erziehung und Umstände auf einen ganz andern Standpunkt gestellt haben, die Dinge der Welt in einem gleichen Lichte sehen. Wir lieben uns, das ist viel, aber nicht genug für mein Herz, nicht genug für seines, das ausser mir noch Manches bedarf, und auch gesucht und gefunden hat. Er liebt Sulpicien, das unglücklicheaber bis dahin tugendhafte Weib