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der, den ich jetzt gesehen hatte, nur ein Bild, ein Schatten von ihm. Mir ward so weich um's Herz, wie wenn man nach dem Verlust einer geliebten person an einem Orte, wo man sie sonst oft gesehen hatte, nun ihre kalte Bildsäule fände. Diese Aehnlichkeit im Aeussern, und diese Verschiedenheit von Innen, jener warme Anteil und diese Kälte! Es ergriff mich schmerzlich. Ich fühlte, dass ich mich in dieser Stimmung nicht vor ihm sehen lassen konnte. Als ich nach einer Weile wieder hinein ging, war er bereits fort, und hatte versprochen, bald wieder zu kommen. So hatte ihn also mein Weggehen nicht gekränkt, wie ich im ersten Augenblick fürchtete, als ich meinen Vater allein fand! So hatte er gar nichts an mir bemerkt, nichts zu deuten gefunden? natürlich, ich bin ihm nichts mehr, als eine alte Bekannte, und einer solchen nimmt man es ja nicht übel, wenn sie sich entfernt, und den guten Freund in einer Gesellschaft zurücklässt, die ihm wenigstens eben so lieb ist, als die ihrige!

Seit dem Augenblick ist ein wunderbarer, aber wahrlich nicht angenehmer Kampf in meinem inneren. Mitleid mit Agatokles Unglück, Wunsch, seinen Kummer zu erleichtern, und ein bitteres Gefühl des gewaltigen Abstandes zwischen jener Zeit in Rom, und diesem kalten Wiedersehen wechselt unaufhörlich in mir. Was wird hieraus entstehen? Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben? Du, meine teure Freundin! könntest hierin mir den wesentlichsten Dienst leisten. Du siehst Agatokles so oft, er vertraut dir, das weiss ich, du wirst ungefähr wissen, wie er von mir denkt. Schreibe mir doch, was er von mir spricht, und besonders in welchem Ton. Daraus lässt sich viel schliessen, und ein sein fühlendes Weib ist im stand, aus der Art, wie ein Mann von einer Andern spricht, zu erraten, was er für diese empfindet. Hierauf verlasse ich mich vollkommen, und erwarte deine Nachricht mit Ungeduld. lebe' wohl!

39. Sulpicia an Calpurnien.

Syntium, im März 302.

Warum kann ich nicht zu dir fliegen, an deine Brust sinken, und dich mit Tränen der Freude willkommen heissen? Ach Entbehren und Entsagen war von jeher der Wahlspruch meines Lebens, und seine Macht bewährt sich fort und fort. Ich bin krank, meine Geliebte! nicht so krank, dass ich nicht allenfalls im haus, und an einem warmen Frühlingstage in dem reizenden Garten unseres Freundes herumschleichen, und ohne zu grosse Anstrengung meines Kopfes, dir, meine Teure! schreiben könnte; aber viel, viel zu schwach, um eine Reise von sechs Stunden zu dir in die Stadt zu unternehmen. Ich habe viel von der Ruhe meiner gegenwärtigen Lage, von Asiens mildem Himmel und am allermeisten von der Erfüllung meines höchsten Wunsches gehofft. Es will sich nicht ändern, ich kränkle immerfort, und so soll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden, und die Welt zu einer Zeit verlassen, wo mein Leben erst eigentlich beginnen, und ich nach so vielen Stürmen an's Ziel gelangen soll. Es war eine Zeit, wo ich den Tod wünschte, wo er mir als das Ende meiner Qualen erschienen wäreaber jetzt? – Jetzt ist der Gedanke, aus Tiridates den Liebe hinabzusteigen in das Reich wesenloser Schattenoder des wesenloseren Nichtsschauderhaft, entsetzlich! Unerfreulich und düster steht die dunkle Welt jenseits vor dem forschenden Blicke, und nach tausend Zweifeln, eiteln Spekulationen und nichtigen Erwartungen bleibt dem grübelnden verstand höchstensder Trost der Ungewissheit. Weiter kann er es nicht bringen, weiter hat es nie ein Weiser gebracht. Was sich wider diese überzeugung in uns empört, ist der Trieb der Selbsterhaltung, dem der Gedanke der Vernichtung unmöglich zu fassen ist. Ich sollte von Tiridates scheiden, ihn der düstern Verzweiflung, oderschreckliche Wahlden Tröstungen einer neuen Liebe überlassen, und hingehen, woher nie Jemand zurückkommt, wo keine Hoffnung des Wiedersehens ist! O nein, nein! nur jetzt nicht sterben! Die ärzte geben mir Hoffnung, und ich ergreife sie begierig; sie sagen, und es ist auch mehr als wahrscheinlich, dass jene traurigen Erschütterungen, die Beschwerden der Reise, die Veränderung des Clima's auf meinen geschwächten Körper nachteilig wirken mussten; sie versprechen mir viel von der wirkung der Zeit, und der inneren Zufriedenheit; und so will ich denn geduldig sein, und alle Gedanken und Zweifel verbannen, die noch zuweilen in mir aufsteigen wollen; ich will recht gelassen, recht ergeben sein, sogar b l i n d und g e f ü h l l o s , wenn es die Erhaltung meiner Gesundheit fordert.

Du fragst mich, was und wie Agatokles von dir spricht? Du willst dein Betragen nach meinen Beobachtungen einrichten? So muss ich ja wohl ganz aufrichtig sein, und nichts als strenge Wahrheit sprechen. Er achtet dich ohne Zweifel, er will dir herzlich wohl, und wenn ich seinen Kummer zu zerstreuen wünsche, kann ich es am besten dadurch, dass ich einige Bilder und Scenen aus seinem römischen Aufentalte vor seine Seele führe. Er erheitert sich dann und spricht mit Vergnügen von jener Zeitaber das Alles sehr ruhig, und ohne dass die geringste Verlegenheit oder höhere Wärme auf eine lebhaftere Empfindung schliessen liesse. Vergiss aber nicht für meine und deine Erwartungen, und für das künftige Glück unsers Freundes, dass die Wunde seines Herzens noch frisch