nicht ruhig. Die Erschütterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufgehört, in mir nachzubeben, noch drückt ein zu lastendes Gewicht meinen Geist.
O mein Freund! Was habe ich verloren? Larissa! Gespielin meiner Kindheit! Geliebte meiner Jugend! Holdes, sanftes, liebevolles Wesen! Wo bist du jetzt? Wo schwebt dein reiner Geist? Hast du noch Erinnerung vom Vergangenen? Weisst du, dass dein unglücklicher Freund hier verlassen trauert? Oder hört mit dem Leben oder mit der Persönlichkeit, wenn auch der Geist nicht vernichtet wird, alle Erinnerung, alle Liebe auf? Trostloses System, das das menschliche Herz verabscheuen, über dem der Unglückliche verzweifeln müsste, wenn es seinen Anhängern gelingen könnte, es zu beweisen! Was wäre die Unsterblichkeit dann für ein Vorrecht für das denkende Wesen? Würde sie es nicht mit dem Tiere, der Pflanze teilen, deren aufgelöseter Körper auch nicht vernichtet, sondern nach dem Gange der natur in ursprüngliche Elemente zersetzt werden, bis sie endlich nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in organische Teile einer Pflanze oder eines Tieres übergehen? Es ist unmöglich! so kann der Kreislauf des göttlichen Funkens in uns nicht sein.
Auch hierüber hat das Christentum einen erhebenden schönen Glauben, der alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beschämt! Doch hierüber sollst du ein andermal wehr hören. Genug, sie liebt, sie weiss um mich, sie liebt mich, wenn gleich hienieden ihre sanfte stimme verklungen ist, und nie wieder in den kalten leeren Räumen mir die holde Gestalt begegnet, nie wieder ihr seelenvolles Auge mir freundlich strahlen, und kein Herz auf dieser Erde mir das ihrige ersetzen wird. O Phocion! Ich werde sie niemals, niemals hier wiedersehen! In diesem Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz – aber bevor er wieder die innerste Tiefe meines Wesens aufregt, lass mich abbrechen. lebe' wohl!
Fussnoten
1 Er kommt nicht vor, so wie alle, die nichts zum gang der geschichte beitragen, und deren dennoch wegen des Zusammenhangs erwähnt werden muss.
38. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, im März 302.
Hier bin ich, in der grossen, geräuschvollen Stadt, unter dem schönsten Himmel von Kleinasien, und, was noch besser ist, in deiner Nähe, meine teure, geliebte Freundin! Ich wäre wahrlich gern, statt meines Briefes, selbst zu dir in deine Einsamkeit geeilt; aber mein Vater bedarf meiner zu seiner häuslichen Einrichtung, die hier an einem fremden Ort, unter ganz neuen Verhältnissen, nicht ohne grosse Beschwerlichkeit vollendet werden kann. Es ist mir daher unmöglich, dich fur's erste zu besuchen. Könntest denn du nicht auf ein paar Tage in die Stadt kommen? Du bist doch hoffentlich so wohl, dass die kleine Reise von einigen Meilen keinen üblen Einfluss auf deine Gesundheit haben wird. O wie freue ich mich, dich nach so langer Trennung wieder zu sehen, und mit dir über tausend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu sprechen, die trotz aller überlegung mir nie ganz gleichgültig waren, und unter diesen Umgebungen hier erst wieder recht lebendig werden!
Am zweiten Tage nach unsrer Ankunft besuchte uns Agatokles. Dir darf ich es ja gestehen, dass mir sonderbar zu Mute ward, als ich im Nebenzimmer kam. Er begrüsste meinen Vater mit herzlicher Ehrfurcht, und erkundigte sich nach mir und meinen Brüdern. Ich benutzte meine Verborgenheit, um mich in die gehörige Fassung zu setzen, und trat dann, als mein Vater mich rief, ganz gelassen hinein. Ach, es war wieder nichts mit dieser Künstelei! Dieses düstere trübe Auge, aus dem die tiefste Schwermut sprach, die wehmütige Herzlichkeit, mit der er auf mich zuging, und meine Hand fasste, die weiche stimme, mit der er mich in seinem vaterland willkommen hiess, und dann der Gedanke, um wessentwillen diese traurige Veränderung mit ihm vorgegangen war, das Alles bewegte mich so seltsam, dass ich wohl fühlte, wie meine Fassung mich verliess. Er hatte so viel gelitten; wie hätte ich ihn durch abgemessene Kälte kränken können! Und doch war mein Stolz durch eben diese Schwermut, die ich zu zerstreuen wünschte, beleidigt.
Die Feinheit seines Betragens brachte indess bald
wieder einige Ruhe in unsere Haltung. Mein Vater bemächtigte sich seiner mit einem politischen gespräche, in das Agatokles sogleich mit voller Seele einging; und jetzt im Feuer der Unterhaltung, als er auf Augenblicke seiner Lage vergass, schien er wieder derselbe zu sein, der er in Rom war. Dies Bild trat vor meine Seele; ich rief, während die Männer angelegentlich sprachen, die frohen Stunden zurück, die ich damals genossen hatte, und auf einmal war es mir, als müssten zwei Agatokles sein; als könnte jener anziehende Schwärmer, dessen Ernst vor meinem Lächeln so oft gewichen war, dessen blick hundertmal mit Entzücken an mir hing – und dies finstere Bild des Kummers, das mir so fremd geworden war, der eine Andre so heiss geliebt hatte, dass ihr Tod ihn an den Rand des Grabes brachte, unmöglich Eine und dieselbe person sein. Ich schauderte, die Vorstellung war mir höchst peinlich, ich strebte aus allen Kräften, die wunderbare Täuschung zu zernichten. Es gelang nicht. Auf einmal fühlte ich, dass meine Tränen im Begriff waren, hervorzubrechen. Ich stand schnell auf und verliess das Zimmer. Sie strömten heftig, warum? wusste ich selbst nicht, aber ich fand eine Erleichterung darin, sie fliessen zu lassen. Es kam mir vor, jener Agatokles sei tot, und