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von deinem heitern Sinn, von deiner freundlichen Güte, von deinem Verstände, undvon deiner Schönheit. Wie empfindlich das starke Geschlecht gegen äusserliche Reize ist, lerne ich immer mehr und mehr einsehen; es wirkt nichts so schnell, so stark, so bleibend auf sie, und auch die Besten sind hierin bis zum Erstaunen schwach.

Nikomedien wird dir gefallen. Es herrscht hier ein geselliger Ton, man liebt Pracht und Zerstreuung, aber man liebt es mit Geschmack und ziemlichen Anstand. Dies scheint eine wirkung des ceremoniösen Hofes und der Denkart der beiden Kaiserinnen zu sein, die in ihren grundsätzen sehr streng, und, wie Manche glauben, heimliche Christinnen sein sollen. Genug, der Schein wird gerettet, aber im inneren der Häuser hat eine übermässige Ueppigkeit nicht allein auf den Genuss des Lebens, sondern auch auf die Sitten unsers Geschlechts einen nachteiligen Einfluss. Die Weiber des Hofes und der Stadt sind fast alle lokker in ihren grundsätzen und von zweideutigem Rufe; aber sie sind schön! – Ich habe bei einem Feste eine Versammlung von Gestalten gesehen, über deren Reize, durch den sinnreichsten Putz, und die geschmackvollste Pracht erhöht, ich wirklich erstaunte, deren Anblick mirnicht Neid, dessen hält dein Herz mich nicht fähigaber ein Gefühl von Trauer über meine so schnell verwelkte Jugend einflösste. Ich bin nicht mehr, was ich war, und hier ist Alles so bezaubernd, so verführerisch, so zudringlich!

Schreibe mir doch noch, meine Geliebte! ehe du Rom verlässest, und suche deine Reise zu beschleunigen! Mein Herz schlägt dir mit sehnsucht und Ungeduld entgegen. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Die Häuser der Alten, sowohl in Italien, als vorzüglich im Morgenlande, hatten selten Fenster auf die Strasse. Man trat durch den Torweg in den Hof, um welchen herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Türen gleichfalls auf den Hof gingen.

37. Agatokles an Phocion.

Nikomedien, im Februar 302.

Es ist lange, mein Freund! dass du meinen letzten Brief1 erhieltest, worin ich dir meinen unersetzlichen Verlust gemeldet habe. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr bestimmt, was ich dir geschrieben habe. In jener Zeit war es dumpf und düster in meiner Seele. Indessen weisst du, was ich verlor und wie? Dies genügt, um dir eine Vorstellung meiner jetzigen Lage zu machen. Keine Betäubung währt ewig, und so hat sich mein Geist auch aus der emporgerissen, die einige Zeit nach jenem Ereignisse schwer und entnervend auf mir lag. In Trachene unter Gefahren und fremden Sorgen blieb mein Geist und Körper aufrecht; erst in Nikomedien, in der Stille des gewöhnlichen Lebens, im väterlichen haus, erlagen beide, und ich ward im eigentlichen Sinne an beiden krank. Wie ich gewesen bin, und wozu? warum? weiss ich nicht. Aber ich kann wieder schlafen, ich kann Speise zu mir nehmen, und so kann und wird mein Dasein wohl noch lange währen.

So zwecklos, so klein, so nichtsbedeutend, wie dies Dasein mir damals erschien, und noch jetzt zuweilen in seiner ganzen Schaalheit unabsehlich vor mir liegt, nächsten Schlacht verschleudert; aber das sollen, das dürfen wir nicht. – Ein Strahl überirdischen Lichtes senkt sich in meine Nacht, und das Leben bekömmt wieder Gehalt, obwohl nicht für meine Hoffnungen, und nicht für diese Welt.

Ein Pfad öffnet sich mir, um zur Wahrheit zu gelangen. Es ist des Forschers Pflicht, darauf fortzuschreiten, und wenigstens zu sehen, wohin er führt, selbst dann, wenn sicherer Verlust die Folge seiner Forschungen wäre. Könnte er auch anders? Würde sich nicht die schreckliche Wahrheit selbst Bahn zu ihm machen, wenn er auch seine Augen vor ihr verschliessen wollte? O es hat schon so manche traurige Gewissheit den Weg gefunden, um dies Herz unfehlbar zu zerreissen! Jetzt erscheint sie in mildem Lichte, und ich folge dem leitenden Strahl, der mich in eine tröstende Helle zu führen verspricht.

Ein Christ, jener Apelles, den du als den Lehrer und Freund der vorausgegangenen Jugendgespielin aus ihren Briefen kennst, war das erste Wesen, das mir in schrecklichen Augenblicken teilnehmend erschien. Menschenfreundlich und weise behandelte er den Kranken, ihm danke ich zuerst die wiederkehrende Besinnung, ihm später die Kraft, da nicht zu erliegen, wo menschliche Stärke allein bei einem sehr reizbaren Gefühl, wie meines, vielleicht nicht zu stehen vermocht hatte. Seine Tröstungen waren von mehr als gewöhnlicher Art. Er nahm sie aus den innersten Tiefen des verarmten zerrissenen Herzens, er eröffnete ihm den Himmel, liess überirdische Strahlen in dasselbe fallen, füllte es mit Hoffnungen auf Jenseits, und richtete alle Kräfte und Neigungen, denen hier kein würdiger Gegenstand mehr entsprechen konnte, auf grosse Aussichten und Wirkungen in die Zukunft. Meine Seelenkräfte kamen nach und nach zurück, und an ihnen richtete sich der irdische Gefährte auf. Ich genas, und bin wieder fähig zu denken, zu wirken, wenn auch nicht für mich, doch für Andre.

Phocion! Ein weiser Christ ist ein erhabenes Wesen, ist vielleicht das Höchste, was die menschliche natur erreichen kann, die höchste Vollendung, deren sie fähig ist. Sie ganz zu erstreben, ist nicht das los des Sterblichen, aber das erhabenste Ziel hat ihnen ihr mehr als m e n s c h l i c h weiser Lehrer gesteckt: S e y d v o l l k o m m e n , w i e e u