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nie überwältigen, nie seine Kraft zum Guten lähmen wird. Er hat mich gebeten, ihn nach Nikomedien zu begleiten, wohin er morgen abreiset, um noch kräftigere Anstalten zur Abtreibung der feindlichen Einfälle zu machen. Ich konnte ihm diese Bitte nicht versagen, denn ich gestehe dir, dass ich ihn liebe und verehre. Auch Larissens Schleier habe ich ihm gegeben. Er war dieses Vermächtnisses so würdig als du, und seiner vielleicht noch mehr bedürftig. Zwar schauderte er bei Erblickung desselben und der Spuren von Blut, die daran hafteten; seitdem aber, glaube ich, ist er nie wieder von seiner Brust, auf der er ihn verwahrte gekommen. Ich weiss, meine Freundin! dass du mir diesen Raub und mein längeres Aussenbleiben verzeihst. Sage dasselbe auch unserm verehrten Vater Teophron, und erwirke mir von ihm Verlängerung meines Urlaubs.

36. Sulpicia an Calpurnien.

Syntium bei Nikomedien, im Febr. 302.

Ich bin in Syntium, meine Geliebte! auf dem Landhause unsers, deines Freundes Agatokles. Eine angenehme Stille umgibt mich, und wiegt nach einer langen Zeit voll Zerstreuungen und Erschütterungen meine ermüdeten Sinne in eine wohltätige Ruhe. Agatokles besucht uns, so oft es seine Geschäfte erlauben, und mein Tiridates bringt alle Zeit, die er dem hof abmüssigen kann, bei mir zu. Ich bin frei, Galerius hat meine Scheidung bewilligt, und den Befehl darüber an den Senat von Rom und den Serranus Anicius gesandt. So sind denn alle Plane ausgeführt, alle Wünsche erfüllt, und ich kann ruhig dem Zeitpunkt entgegen sehen, wo keine Macht der Welt mich mehr den Armen meines Tiridates wird entreissen können.

Nichts stört den vollkommenen Genuss meines Glücks, als die noch fortdauernde Schwäche meiner Gesundheit, eine Folge den langen Leiden und Kränkungen. Sie sind verschwunden, aber ihre Wirkungen fühle ich noch. Auch die Jahreszeit hatte während der Seereise nachteilig auf mich gewirkte. Ich kam krank in Nikomedien an. Aber, meine Calpurnia! um keinen Preis möchte ich die Erfahrung dieser Krankheit nicht glänzenderem Lichte gezeigt. Ich bin ganz glücklich. En liess mich ohne weitere Vorbereitung, fest auf Agatokles Freundschaft rechnend, gerade in sein Haus führen, er trug mich auf seinen Armen aus der Sänfte in das Zimmer, das uns der freundliche Wirt selbst anwies. Agatokles bewährt sich auch jetzt, wie immer, als einen der besten Menschen, er empfing uns mit rührender Freude, und behandelt uns wie geliebte, Geschwister. Ich finde ihn sehr verändertdoch davon nachher. Jetzt lass mich dir nur erzählen, dass ich seinen Bemühungen für Alles, was er zur Erleichterung meiner Lage dienlich fand, und Tiridates zärtlicher Sorgfalt grösstenteils meine Wiederherstellung verdanke.

Das Geräusch, die Unruhe in der glänzenden Hauptstadt des Orients wurde mir bald zur Last. Agatokles erriet meinen Wunsch, und bot mir seine Villa Syntium, die einige Meilen von Nikomedien liegt, ein Erbteil seiner Mutter, zum Aufentalt an. Ich nahm es mit Vergnügen an. Das einzige, was meine Freude störte, war die Bemerkung, dass Tiridates sich nicht eben so leicht, wie ich, aus der Hauptstadt entfernte; indessen brachte mir seine Liebe auch dieses Opfer, und ich lebe hier ganz nach meinem Herzen. Die Villa liegt einsam und verborgen zwischen waldigen Hügeln, die der Anfang des Gebirges sind, das weiterhin sich zum Berg Olymp auftürmt. Obgleich die Landstrasse nicht weit vor dem Garten vorbeigeht, so fällt doch das Haus, das halb zwischen Pinien versteckt und nicht gross ist, nicht sogleich in die Augen. Die Gärten sind weitläufig, und zeigen in manchen Anlagen Spuren eines düstern Geistes, der hier in der Einsamkeit seinen Gefühlen nachhing. Dieser Ausdruck des Ganzen gefällt mir ungemein, und ich belausche in ungestörter Einsamkeit hier das Erwachen des Frühlings, von dessen Einfluss ich viel für meine Gesundheit hoffe. Tiridates hat mich den Kaiserinnen Prisca und Valeria1 vorgestellt, auch mit dem Cäsar Galerius habe ich gesprochen, und alle haben mich mit Anstand und Guts empfangen. Bei Diocletian allein war es mir noch nicht möglich, Zutritt zu erhalten; er umgibt sich mit so viel persischem Pomp und Ceremoniel, dass der Zugang zu ihm überaus schwer ist. Der Cäsar hat mir seinen Schutz versprochen, und Wort gehalten, wie du weisst; und so ist meine Zukunft freundlich erheitert, und jede sorge verschwunden.

Ich habe dir gesagt, dass ich Agatokles sehr verändert gefunden habe. Der Verlust, den er erlitten, und die Art desselben werden dir bekannt sein, so wie sie es mir waren, noch ehe ich in Nikomedien ankam. Ich war folglich vorbereitet, die Spuren dieser Begebenheit in seinem Aussehen zu finden; dennoch fand ich mit Trauer weit mehr, als ich erwartet hatte. Seine Züge, die nie den Ausdruck der Jugendblüte trugen, sind jetzt tief verfallen, sein blick ist erloschen, und Alles kündigt ein ganz niedergebeugtes Gemüt an. Ich vermeide von seinem Unglücke zu sprechen, und er hat Larissens Namen noch nicht genannt, seit ich hier bin; doch sehe ich vor, dass der Zufall vielleicht einst ein solches Gespräch herbeiführen wird, und zittere dafür.

Auch in dieser Rücksicht wäre mir die Beschleunigung deiner Ankunft, nachdem nun einmal die Bestimmung deines Vaters als Proconsul entschieden ist, sehr erwünscht, nicht als ob ich eine so geringe Meinung von Agatokles Festigkeit hätte, um zu glauben, dass dein blosser Anblick hinreichen würde, diese tiefen Wunden schnell zu heilen, aber ich hoffe viel, und mit der Zeit Alles