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Stunde vielleicht während des Kampfes, von der sie vorher keine Ahnung hatte, und ein paar schmerzhafte Augenblicke, bis Wunden und Blutverlust ihrem Leben ein Ende gemacht hatten. Nach den Aussagen der Sclaven, die die toten gesehen, und bestattet haben, waren ihrer Wunden so viel, und von solcher Art, dass sie unmöglich länger, als ein paar Minuten, kann gelebt haben. Dies muss bei dieser schrecklichen Catastrophe ihren Uebriggebliebenen zum Troste dienen. Ueberhaupt sind ja selten die zu beklagen, die hingehen, ein schwankendes Glück mit ewigen Freuden zu vertauschen; am wenigsten dann, wenn ihr Dasein ohnedies in steten Kämpfen, und ohne Aussicht auf eine Verbesserung ihres Schicksals dahin floss. Ich will aber nicht unternehmen, dich zu trösten. Ich sehe die Grösse deines Verlustes zu wohl ein; denn ich habe unsere Entrissene gekannt, und die Art, wie wir sie verloren, muss durch ihre Neuheit und Grausamkeit unsere Gemüter erschrecken und tief verwunden. Doch erwarte ich von deiner Standhaftigkeit, deiner Gottesfurcht und Teophrons freundschaftlichem Umgang das Beste für deine Beruhigung.

Ich wäre auf der Stelle wieder umgekehrt, und diesem Briefe gefolgt, den ich bloss in der Absicht anfing, um den Alles vergrössernden und oft so falschen Gerüchten, wo möglich, zuvorzukommen, und dich, meine verehrte Freundin! auf eine schicklichere und bessere Art von dem Schicksale unterrichten; aber den Morgen nach meiner Ankunft fand sich ein Geschäft, eine Bestimmung für mich, in deren Würde und Gehalt ich einen Fingerzeig der Vorsicht zu finden glaubte, warum sie mich gerade jetzt auf diesen Schauplatz der Zerstörung und Trauer geführt hatte. Abends war ich in Trachene angekommen, und hatte von den zitternden Nachbarn die Schrecken der vorletzten Nacht erfahren. Man hatte meinen Anteil an den unglücklichen Bewohnern der Villa gesehen, mir auf mein Bitten den Schleier Larissens ausgehändigt, den ich dir als das einzige Vermächtniss dieser teuren Verklärten zu bringen dachte, und versprochen, mich am Morgen auf die Brandstätte zu führen. Dies geschah auch. Indess wir in dem verödeten haus herumgingen, hörten wir auf einmal ein lautes Getöse, wie von mehreren Pferden. Ich trat an ein Fenster, und sah einen jungen Mann von edler Gestalt, von mehreren Sclaven zu Pferde begleitet, in den Hof sprengen. Die Fremden stiegen ab, es sammelten sich Leute um sie, ich sah den jungen Mann in heftiger Bewegung mit ihnen sprechen, sie befragen. Eine geheime Ahnung sagte mir, wer es sein könnte. Ich eilte hinaus, um ihn selbst zu berichten. Leider kam ich zu spät. Agatoklesdenn du wirst, wie ich, erraten haben, wer der Fremde warlag ohne Besinnung in den Armen seiner Begleiter. Die Leute hatten ihm die traurige geschichte ohne Vorsicht und mit allen Vergrösserungen und Verschlimmerungen erzählt, die solche Menschen dazu zu dichten pflegen. Ich liess ihn in's Haus bringen. Nach einer Weile erholte er sich, aber sein blick war wild, seine Reden unzusammenhängend. Als ich mich genannt hatte, schien ein Strahl von Ruhe in seine Seele zu fallen; er sah mich an, sank an meine Brust, und seine Tränen, die zu fliessen anfingen, erleichterten sein gepresstes Herz. Ich trug ihm nun die Begebenheit so vor, wie ich sie ansah, wie sie eigentlich war, und wie ich sie dir berichtet habe. Das schien ihn etwas zu beruhigen, er fasste die Vorstellung begierig auf, dass seine Larissa nicht so viel gelitten hatte, dass ihr nun besser sei, als ihm. Dennoch blieb eine wilde Schwermut, die an Verzweiflung grenzte, in seinem Wesen. Endlich stand er auf. "Verzeih, dass ich dich verlasse, mein Zustand bedarf der Einsamkeit, der Ruhein ein paar Stunden sehen wir uns wieder." Ich sah ihn zweifelnd an: Fürchte nichts, antwortete er, indem er mit einem wehmütigen Lächeln meine Hand ergriff: was dir deine Religion verbietet, erlauben mir meine Grundsätze auch nicht. Ich schämte mich meines Verdachts, und verliess ihn. Nach einer langen Zeit suchte er mich wieder auf: Er war gelassener als vorhaben und im stand, zusammenhängend über die schreckliche geschichte und seinen Verlust zu sprechen. Dann ordnete er an, dass Larissens Schlafgemach mir und ihm zur wohnung eingerichtet werde. Ich wollte mich anfänglich diesem Vorhaben, aus Schonung für ihn, widersetzen; aber ich sah bald, dass sein Herz nicht wie die gewöhnlichen Herzen war. Die Umgebungen, in denen sie gelebt hatte, die Erinnerung an ihre Tugenden, an ihre Geduld, an ehre Liebe zu ihm, schienen sein Gemüt zu erheben, statt seinem Schmerz zu vergrössern. Er fing am andern Morgen an, mit mir in der Gegend herumzugehen, sich nach Allem was vorgefallen war, zu erkundigen, und tätige, und sehr zweckmässige Anstalten zur Verhütung eines neuen solchen Unglücks zu treffen. Die Einwohner wurden angewiesen, ihre besten Sachen in die nächste Stadt zu bringen. Er liess den Männern Waffen austeilen, ordnete an, wie sie sich üben, und zur Verteidigung vorbereiten sollen. Er veranstaltete Lärmsignale auf den Hügeln, wodurch in wenig Augenblicken die ganze Gegend aufgeschreckt, und unter den Waffen sein kann. Kurz, es schien, als ob sein eigener Verlust vor der allgemeinen Gefahr verschwunden wäre, und er nur für Andere denken, für Andere sorgen könnte. Wenn wir dann allein waren, kehrte die schmerzliche Empfindung freilich mit doppelter Starke zurück; aber ich bin versichert, dass sie seine Tugend