1808_Pichler_085_53.txt

buch zu verzeihen, das gar keinen Anspruch auf gelehrte Genauigkeit macht, und in welchem die begebenheiten derselben, oder der nächsten Zeit, nur in der Rücksicht gewählt wurden, in welcher sie in den Plan des Ganzen passten.

34. Agatokles an Phocion.

Nikomedien, im Nov. 301.

Wenn du diesen Brief erhältst, ist mein Schicksal unwiderruflich entschieden, und Tod oder Leben über mich ausgesprochen. Larissa ist ermordet oder geraubt. Die Goten haben einen Einfall auf die Ufer des Bosphorus gemacht, wo ihre Villa liegt. Im ersten Schrecken des Ueberfalls hat sich Demetrius mit seinen Sclaven zur Wehre gesetzt. Er soll erschlagen, das Haus geplündert, und Alles, was darin atmete, getödtet, oder in die Knechtschaft geschleppt worden sein. Was an dieser fürchterlichen Nachricht wahr, was Erdichtung, Uebertreibung ist, eile ich mit bebendem Herzen zu untersuchen. Die Pferde sind gesattelt. Morgen bin ich an dem Orte der schaudervollen Entscheidung. lebe' wohl!

35. Apelles an Junia Marcella.

Trachene, im Nov. 301.

Ein kleines Geschäft, welches ich auf dem Wege hierher bei einem Freunde abzutun hatte, verzögerte meine Ankunft um zwei Tage, und setzt mich dadurch in den Stand, dir, meine verehrte Freundin, Nachricht von mir, von dem Schicksale der Gegend umher, und den Personen geben zu können, an denen dein Herz gewiss Anteil nehmen wird. Sehr glücklich würde ich mich schätzen, wenn es dem Himmel gefallen hätte, diese Schicksale so zu leiten, dass ich dir recht erfreuliche Nachrichten geben könnte. Leider aber ist hier Manches vorgefallen, das zu erzählen und mit der gehörigen Schonung und Treue vorzubringen, eine wahrhaft traurige Freundschaftspflicht ist. Bereite dich, höchst unangenehme, ja gewissermassen schreckliche Neuigkeiten zu hören; und vergiss nie den grossen Gedanken, dass ohne Gottes Willen kein Sperling vom dach, kein Haar von unserm haupt fällt, dass unsere Tage gezählt sind, und dass ja nicht diese Erde allein der Schauplatz der Regierung, der Liebe, der Barmherzigkeit Gottes ist. Lege jetzt dies Blatt auf einen Augenblick aus der Hand, fasse dich in Ergebung und Geduld, und dann lies den traurigen Be

Du weisst vielleicht, so wie ich es bei meiner Annäherung in diesen Gegenden erfuhr, dass die Goten seit einiger Zeit wiederholte Ueberfälle auf den Küsten des Bosphorus, auf unserer als der Europäischen Seite gewagt haben. Hie und da erzählte man mir von ihrer Grausamkeit, von ihrer Kühnheit, ihrer Raubsucht sehr fürchterliche Beispiele, und ich kann dir nicht bergen, dass der Gedanke, an einen Ort zu reisen, der so nahe an der Meeresküste und ihren Raubzügen so ausgesetzt ist, mir nicht sehr erfreulich war. Indessen hoffte ich durch meinen Besuch, ausser dem Troste, den ich Larissen überhaupt in ihrem Leiden zu bringen hatte, auch noch vielleicht in der Rücksicht etwas Gutes für sie zu bewirken, dass ich Demetrius zu überreden dachte, diese gefährliche Nachbarschaft zu verlassen, und den Winter an einem sicherern Orte zuzubringen. Ach, meine verehrte Freundin! Was sind die Ratschlüsse und Vorsätze der Menschen vor dem Ratschluss Gottes, der sie wie Spreu vor dem Winde zerstreut! Meine Hoffnungen, mein Vorhaben, meine Ankunft, Alles, Alles war zu spät. Zwei Tage, ehe ich in Trachene anlangte, hatten die Barbaren eine Landung gewagt, waren in der Nacht ausgestiegen und mit wildem Geschrei und Lärmen gerade auf Demetrius Villa zugeeilt.

Demetrius, statt sich und die Seinigen durch eine eilige Flucht zu retten, die vielleicht noch möglich gewesen wäre, ging ihnen mit seinen bewaffneten Sclaven entgegen. Der Kampf begann, aber die Uebermacht war so sehr auf der Seite der Feinde, dass die im haus Zurückgebliebenen keine Zeit hatten, sich vor den Siegern zu flüchten, oder zu verbergen. Demetrius ward ermordet, seine Sclaven starben neben ihm, die Goten drangen in's Haus, die zitternden Sclavinnen, undaller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre unglückliche Gebieterinfielen unter den Streichen der durch den heftigen Widerstand bis zur Raserei erhitzten Barbaren. Das Haus wurde geplündert, ein teil davon in Brand gesteckt, und die Horde entfernte sich am Morgen mit wildem Siegsgeschrei wieder von dem verheerten Ufer. Erst lange nach ihrem Abzüge wagten es die nächsten Anwohner, zu denen sich ein paar Unglückliche aus der Villa gerettet hatten, den Schauplatz der Gräuel zu betreten, und zu sehen, ob vielleicht noch einige hülfe zu bringen wäre. Sie fanden Alles leer, stillausgestorben. Demetrius und seine Sclaven lagen tot auf dem Wahlplatze, aber unter so vielen Leichen von Barbaren, dass man sah, sie mussten heldenmütig gefochten, und ihr Leben teuer verkauft haben. In dem haus fand man noch einige ermordete Sclaven und Sclavinnen, und in Larissens Gemach eine weibliche Leiche, die durch Wunden zwar sehr entstellt, aber durch die Kleidung und einen goldreichen Schleier kenntlich war, der mit Blut bespritzt neben ihr lag. Einige Mädchen und ein paar Sclaven werden vermisst. Wahrscheinlich haben die Barbaren sie mit sich fortgeführt, oder sie sind in dem verbrannten teil des Hauses ein Raub der Flammen geworden. Wie dem immer sei, es ist mehr als wahrscheinlich, ja, meine verehrte Freundin! es ist gewiss, dass Gott sich des langen Leidens unserer unglücklichen Schwester erbarmt, und sie auf einefreilich für die Übriggebliebenen schreckliche Art zu sich genommen hat. Sie hat wahrscheinlicher Weise weniger dabei gelitten, als wenn sie ihr Leben auf einem schmerzlichen Krankenlager geendigt hatte, eine schreckliche