unsere Bedürfnisse, unsere Ueppigkeit sollen sie zuerst kennen lernen; die christliche Religion soll vorher in ihren noch unverdorbenen Herzen Wurzel fassen, ihre rohen Tugenden veredeln, ihre Wildheit zähmen, damit, wenn sie, wie er vorher zu sehen, vorher zu w i s s e n glaubt, einst über die gebildete Welt hereinbrechen werden, die Menschheit nicht so viel zu leiden habe, und das Christentum, von reineren einfacheren Gemütern aufgefasst, siegend mit den Siegern sich über die Welt verbreite.
Noch kann ich nichts als den erhabenen Entschluss bewundern, der ihn alle Beschwerlichkeiten, alle Gefahren, ja den Tod verachten lehrt, um in unbekannten Wildnissen den Barbaren die heiligen Lehren des christentum zu bringen; aber ich sehe weder seine notwendigkeit ein, noch einen guten Erfolg bevor. Indessen ist Heliodor ganz durchdrungen von seinem Vorhaben, und sein glühender Eifer kann kaum den Augenblick erwarten, wo die Anstalten zu seiner Reise getroffen sein werden. Er geht jetzt nach Nikomedien, wo er sich einzuschiffen, und über den Euxin zu seiner künftigen Bestimmung zu eilen denkt. Vielleicht siehst du ihn in Trachene.
Noch eins habe ich dir mitzuteilen, das ich dir lieber schreiben, als Apelles anvertrauen wollte. Es gehört nicht unmittelbar zu dem, was er zu wissen braucht, um dich zu trösten, und in deinem Gemüt den Frieden herzustellen, und betrifft zu unbekannte Personen, um ohne Prüfung Mehreren mitgeteilt zu werden. Man sagt – aber ich bitte dich, wohl zu bedenken, liebe Larissa! dass ich dir nur Gerüchte schreibe – man sagt, dass Agatokles nicht nur in Rom im haus jener Calpurnia gelebt habe, dass sie ein sehr schönes, sehr geistreiches, aber ziemlich leichtsinniges Mädchen sei, sondern auch, dass sie sich beide nicht gleichgültig geblieben wären, und dass Agatokles nur auf Befehl seines Vaters, und sehr wider seinen Willen, ihre reizende Gesellschaft verlassen habe. Dass sie sich schreiben, weisst du, vielleicht aber nicht, dass ihr Vater das Proconsulat von Bytynien erhalten hat, und nächsten Frühling mit seiner ganzen Familie dahin kommen wird. Können diese Nachrichten beitragen, dein Gemüt in eine ruhigere, Verfassung zu bringen, indem sie einen Verlust, den du für unersetzlich hieltest, in deinen Augen etwas mindern: so bin ich froh, und der Eifer, mit dem ich jeder Spur seines Verhältnisses nachforschte, ist belohnt. Sollte es sich fügen, dass ich Gewissheit erhielte, so werde ich nicht säumen, sie dir mitzuteilen. Wenn sie dich auch im Anfange schmerzet, so denke, dass es unsere Pflicht ist, überall Wahrheit zu suchen, Alles zu prüfen, und nur nach richtiger erkenntnis zu handeln, wenn auch darüber ein schöner Traum zerstört werden sollte; bedenke ferner, dass es der Anfang deiner völligen Genesung sein kann, und wenigstens ein sicherer Weg, um auf eine schnellere und ruhigere Art aus dem Labyrinte zu kommen, in welches dein Herz und die Umstände dich verflochten haben. lebe' wohl!
33. Larissa an Junia Marcella.
Trachene, im Nov. 301.
Da bin ich nun, geliebte Freundin! auf unserm stillen Landgütchen. Die natur verliert nach und nach ihre Reize, die Bäume streuen ihr welkes Laub auf den unbeblümten Boden nieder, kältere Winde regen die stillen Fluten des Bosphorus auf, und in trüben Tagen, wo der Nebel die gegenüber liegenden Ufer verbirgt, unterbricht nichts die düstere Stille, als der Schall der stärkeren Brandung, die lautseufzend an das Gestade schlägt. Stundenlang sitze ich da oft am Meeresufer, sehe dem Spiel der Wellen zu, betrachte ihr heftiges Treiben, ihr unruhiges Emporstreben, und wie zuletzt jede wieder zurücksinkt in den dunkeln Schooss des Meers, wo keine Spur von ihrem Dasein bleibt, das mit allen seinen Anstrengungen auf ewig versunken ist. Kann man nicht das Menschengeschlecht mit diesen Wogen vergleichen? Ach so unruhig, so bewegt, so rastlos streben sie nach einem fernen Glücke, das Jeder anders nennt, und im grund Keiner kennt; sie bemühen sich, sie matten sich ab, und versinken zuletzt alle im Schooss der Erde; keine Spur bleibt zurück, sie sind dahin, wie ein Schatten – wie Gras auf dem feld, das am Morgen grünt, und am Abend ver
Meines Mannes Laufbahn ist nun aus. Vierzig Jahre sind unter Waffen, Gefahren, und mancherlei Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden, wenige Tage der Erholung, selten ein Augenblick von Freude! Und was ist sein Lohn? Und was ist mein los? Obgleich meine Jahre lange nicht an die Hälfte der seinigen reichen, was habe ich nicht ertragen, gekämpft, verloren! Einsam, freudenlos, selten so geliebt, wie mein heisses Herz es wünschte, floss, seit ich denken kann, mein Leben hin. Der, für den mein Wesen gebildet schien, ward durch das Schicksal von mir gerissen; der, dem ich angehöre, hat keinen Sinn für das, was ich bin, und ihm sein möchte. So schwindet mein Dasein zwecklos hin. Still, vergessen, unbedauert wird es endlich verlöschen, und Niemand darnach fragen, Niemand darum wissen, dass einst eine unglückliche Larissa lebte.
Ach wenn ich nur sagen könnte: Dazu war ich auf der Welt! Aber ich weiss ganz und gar keinen Zweck, warum ich geboren ward, als – einst die Wärterin eines kränklichen, gebeugten Greises zu werden, der meine Dienste noch meist verkennt, und fast immer ungütig aufnimmt. Dazu ward mir dies heisse Herz? Dazu