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verlässest. lebe' wohl.

Fussnoten

1 Milesische Mährchen hiessen die kleineren Erzählungen und Romane jener zeiten, deren Gegenstand die Liebe, und nicht immer die platonische war.

4. Agatokles an Phocion.

Rom, im Jänner 301.

Ich bin in Rom. Dass ich dir seit meinem Aufentalte von vierzehn Tagen noch nicht geschrieben, mag die Neuheit der Dinge, die mich umgibt, und ihre Einwirkung auf mich entschuldigen. Dass ich aber hier jene Heiterkeit und Fröhlichkeit nicht gefunden habe, und nicht finden werde, die man sich in Nikomedien für mich versprachdas fühle ich. Auch ist Rom vielleicht unter allen Orten der Welt gerade derjenige, wo ich am wenigsten genesen werde. – Bin ich denn aber krank? Man bildet es sich ein, weil ich nicht leben kann, wie die Uebrigen um mich herum. Ihre Verkehrteit macht mich seltsamihre Torheiten mich streng und unverträglich erscheinen. Nicht, dass ich das Ungeheure, das Unmögliche fordere; aber dass Wahrheit und Tugend, Zucht und Sitte ihnen unmöglich scheint, das ist der eigentliche Grund unseres Streites. Das Jahrhundert ist krank, nicht der, der kühn genug ist, mit voller Kenntniss der bessern Vergangenheit es so zu nennen. Wie soll ich es unter diesen Menschen aushalten!

Mit der Beschreibung meiner Reise zu wasser und zu Land will ich dich, aus achtung für deine Zeit, und mit recht heitern offenen Sinnen in der Hauptstadt der Welt ankam. Der Genuss der unbeschränkten natur, die Unendlichkeit des Meeres, die Freiheit meiner Musse hatte mich froh und für jeden guten Eindruck empfänglich gestimmt. Dir, dem Lehrer meiner Jugend, dem keine meiner Empfindungen fremd ist, darf ich gestehen, dass ein seltsames Gefühl mich ergriff, als unser Schiff in die Mündung der Tiber einlief, und nun bald der Schauplatz jener grossen würdigen Scenen, die mein Gemüt von Kindheit an ergriffen hatten, vor mir erscheinen sollte. Es glühte in mir, meine Brust schlug stärker. So kam ich in Rom an. Von der Höhe des Kapitols schienen die Manen der grossen Vorfahren herabzuschweben. Rund umher war heiliger Boden. Ueberall Erinnerung, – Würde, – Hoheit. Durch die menschenvollen Strassen führte mich mein Wegweiser in das Haus unsers Gastfreundes Lucius Piso. An manchem Denkmal ehrwürdiger Vergangenheit, an manchem Weiser auf einen hellen Punkt der geschichte, ging ich mit hochschlagendem Herzen vorüber, mit dem festen Vorsatz, sie alle nächstens zu besuchen. Am Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven. Man führte mich in's Atrium1. Die Bildsäulen des Pisonischen Hauses, viel merkwürdige Gestalten, dem Geschichtskundigen wohlbekannt, standen hier. Ihre erhebende Gegenwart hatte die Länge der Zeit getäuscht. Ich sah erst am Sonnenzeiger im Hofraume, dass man mich eine ziemliche Weile hatte warten lassen. Jetzt erschien ein zierlicher Sclave, der vorzüglich schön griechisch sprachund führte mich durch viele kostbar geschmückte Gemächer, voll Vasen, Gemälden, Bildsäulenzum Lucius Piso. Er ist ein würdiger Mannan der Gränze des Greisenalters, kräftig, verständig, edelweit edler aber ohne den Prunk, der ihn umgibt, und seinen inneren Wert verhüllend mindert. Der Vater gefiel mirminder die Söhne. Es sind Jünglinge, nicht ganz so von allen Vorzügen entblösst, wie die übrigen, die ich hier und zu haus kennen gelernt habe; aber die Farbe des Zeitalters hat sich ihnen zu stark mitgeteilt, um sie wahrhaft achtungswert zu lassen. Vor dem Abendessen stellte mich Piso seiner Tochter vor. Bei den Göttern, ein reizendes geschöpf! Das Gerücht hatte mich bereits auf sie aufmerksam gemachtich fand dennoch in jedem Sinne mehr, als ich erwartet hatte. So viel Schönheit, so viel unaussprechliche Anmut des Körpers und Umgangs, und so viel Leichtsinn und Verkehrteit der Gesinnungen! Die Tochter eines der ersten römischen Häuserdie Abkömmlingin so edler Matronen, im Anzug und den Umgebungen einer griechischen Hetäre2, und dennoch in Reden und Handlungen vollkommener Anstand und edle Weiblichkeit!

Besser als alle übrigen Menschen, die ich in Rom kennen gelernt habe, würde mir Sectus Sulpicius, ein Römer aus einem altadeligen Geschlechte, gefallen, wenn nicht ein Zug von Härte, und ich fürchte zu sagen, Eigennutz, diesen Charakter befleckte. Eine liebenswürdige Tochter hat er, ohne auf ihr Glück Rücksicht zu nehmen, seinen Planen geopfert. Sulpicia soll schön, tugendhaft, und in der Verbindung mit einem armseligen Weichling aus dem Anicischen haus sehr unglücklich sein. Ich freue mich, sie bald kennen zu lernen. Unser Freund Tiridates ist auch der ihrige. – Ob er ihr noch mehr ist, mag ich nicht erforschen, weil ich mir die achtung für sie gern rein erhalten möchte.

Meinem Vater habe ich bereits zweimaleinmal aus Corint mit einem zurückgehenden Schiffe, und vor mehreren Tagen aus Rom geschrieben. Die Ehrfurcht, die ich ihm als Sohn schuldig bin, will ich wissentlich nie verletzen. Uebrigens kann ich leider von dem, was er wünscht, nichts tun. Ich kann nicht leben und handeln wie er; denn ich kann nicht denken und fühlen wie er, und eines festen Gemütes gänzliche Umstimmung ist nicht das Werk der Ueberredung oder des Zwanges. Umstände, Zeit, Verlockung könnten etwas tun; aber wo die überzeugung des Rechts so unerschütterlich gegründet ist, wie in mir, ist auch von dieser nichts für mich zu fürchten, für ihn nichts zu hoffen. Er hat mich aus Nikomedien fortgeschickt, um in andern Ländern durch Erfahrung