1808_Pichler_085_48.txt

nicht tadeln. Was die Welt sagen mag, kümmert mich nicht. lebe' wohl! Sie war also fort. Sie hatte eingewilligt. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder betrüben sollte. Wenn ich auf der einen Seite den Trost hatte, ihre Lage geändert, und ihr Herz beruhigt zu wissen, so erschreckte mich auf der andern die sorge für ihre Gesundheit auf einer solchen Reise, in einer solchen Jahreszeit, und die Furcht vor ihrer Zukunft, da sie nun in der weiten Welt keinen andern Schutz, keine Stütze hatte, als die Liebe und Treue eines so leidenschaftlichen, leichtsinnigen Menschen, von dessen Wankelmut wir schon Proben genug haben. O was ist die Liebe, wenn sie einen solchen Grad erreicht, für ein schreckliches Feuer, das überlegung, Ruhe, Leben, Alles verzehrt, was dem Menschen sonst lieb und teuer ist.

Ohne Zweifel wird sie Tiridates nach Nikomedien führen; du wirst sie vielleicht selbst sehen, oder doch leicht Nachricht erhalten. Lassdies ist der eigentliche Zweck meines briefes, die dringende Bitte der Freundschaftlass dir meine Sulpicia empfohlen sein. Wache über sie, wo ihre eigene leidenschaft oder fremder Leichtsinn sie schutz- und wehrlos lässt. Sei ihr Freund, ihr Beschützer, ihr Ratgeber. Ja, wenn es dein verhältnis zu Larissen gestattet, dessen wahre Beschaffenheit mir freilich der Ruf nicht ganz getreu mag berichtet haben, so versuche es, Sulpicien die Bekanntschaft und vielleicht den Schutz dieser Frau zu verschaffen. Könntest du dies, so wäre mein Herz eines grossen Teils seiner Sorgen für diese missleitete und bedauernswürdige Freundin los. Ich weiss, du wirst meine Bitte nicht übel deuten, und der Gedanke, einem hülflosen Wesen so viel zu sein, als du Sulpicien jetzt in Asien werden kannst, ist reizend genug für dein Herz, um deine ganze Tätigkeit aufzufordern.

Es wäre möglich, dass ich selbst bis nächsten Frühling nach Nikomedien käme. Man spricht davon, dass mein Vater das Proconsulat erhalten soll. Doppelt wichtig ist mir diese Aussicht jetzt, und ich werde mich sehr freuen, sie erfüllt, und mich mit so werten Freunden, als du und meine Sulpicia sind, wieder vereinigt zu sehen. lebe' wohl.

31. Sulpicia an Calpurnien.

Corint, im Nov. 301.

Zum ersten Mal nach einer pfeilschnellen Reise von acht Tagen geniesse ich einige Stunden Erholung, und sie seien dir geweiht, dir, du treue Freundin, du meine Wohltäterin, meine Retterin! Ja, das bist du, Calpurnia! und mein Herz erkennt es mit dankbarer Rührung, und wird nie aufhören, dich zu lieben, und seine Verpflichtungen zu fühlen, selbst wenn Zufall und Umstände uns jede Hoffnung auf künftiges Wiedersehen rauben sollten.

Meine Abreise von Bajä, welche die stimme der Welt nicht unterlassen wird, Entführung, Flucht zu nennen, war so schnell beschlossen und ausgeführt, dass mir keine Zeit übrig blieb, dich weitläuftiger zu unterrichten, und dir die Unruhe der Ungewissheit zu ersparen. Alles, was ich dir senden konnte, waren ein Paar flüchtige Zeilen. Jetzt, da ich dies schreibe, wirst du bereits mehr wissen; denn ich zweifle nicht, dass Serranus und mein Vater nicht gesäumt haben werden, bei meiner Mitverschwornen, wie sie dich nennen, genauere Erkundigungen über eine Begebenheit einzuziehen, von der sie dich gewiss vollkommen unterrichtet glauben. Es wird nicht auf die schonendste hung anflehen, obwohl ich dir nicht ungern eine kleine Busse für den warmen Schutz gönnte, den du vor einiger Zeit dem Serranus angedeihen liessest, als du sogar fandest, dass er ein recht erträglicher Mann sei, mit dem du ganz gut hättest leben können.

Doch lassen wir Serranus, und Alle, die ihm beistanden. Meine Ketten sind zerbrochen. Ich bin frei; und es ist nicht die Hand des ernsten Genius, der, seine Fackel senkend, mitleidig meinem Leiden ein Ende machtein schönerer fröhlicherer Gott hat die Fesseln gelöset, und seine hellleuchtende Fackel führte, wie das Gestirn der Dioscuren, unser Schiff dem sichern Zufluchtsorte zu. Und diese namenlose Seligkeit danke ich den drei Wesen, die mir auf der Welt am teuersten sind, dir, dem edlen Agatokles, und ihmihm, der aus der düstern Nacht der Zweifel und des Misstrauens, schön und glänzend wie das Gestirn des Tages, hervortrat, alle Schatten verscheuchte, alle Tränen trocknete, und mich zur höchsten Wonne erhob. O wer nicht unglücklich war, wie ich, weiss einen solchen Uebergang nicht zu schätzen. Nur der befreite Sclave kennt das Glück, fessellos zu sein, und ich war Sclavin, Sclavin im engsten, drückendsten Sinne des Wortesdenn auch mein Geist war gebunden. Jetzt bin ich frei, frei, meine Calpurnia, und im arme der Liebe fühle ich die Seligkeit meines Daseins!

Doch ich soll dir ja erzählen und berichten, was mit mir vorging. Zehn Tage sind es jetzt, als ich am Morgen nach einer halbdurchweinten Nacht, matt und krank, auf meinem Bette lag. Da trat meine Chromis ein. Ein fröhlicheres Gesicht, als ich seit langer Zeit nicht an dieser treuen Seele sah, erweckte mich zuerst aus meinen düstern Gedanken. Eine Botschaft von dir, vielleicht Hoffnung auf deine Ankunft war das erste, das mir einfiel. – Was hast du? gute Nachrichten aus Rom, von Calpurnien? "Mitunter, aber auch von Weitem her, auch aus Asien." Aus Asien rief ich heftig,