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Larissen getrennt! Der Wunsch, den meine Vernunft seit jenem Zufall, der uns vereinigte, meinem Herzen aufgedrungen hat, ist erfüllt, meine Fesseln sind zerbrochen, ich bin frei. Keine verführerische Gegenwart macht die stolzen Vorsätze, die ich in einsamen Stunden fasste, zu nichte, kein mildes, herzliches Betragen fordert meine Seelenkräfte zum Kampfe auf, es ist nicht mehr die schreckliche Wahl zwischen Tod und Verrat, die vor mir liegt. Der Weg der Pflicht steht offen, ich habe ihn mir zum Teile selbst gebahnt, ich habe ihn mutig betreten, und dennochdennoch fühle ich mich sehr unglücklich. Dass ich nicht mehr beim Heere bin, wird dir der Anfang meines briefes gezeigt haben. Die Kabale hat gesiegt, Demetrius ist vom Commando entfernt; das, was auf Schleichwegen nicht zu erhalten war, ist nun durch einen Machtspruch ertrotzt worden. Die Feinde des redlichen, vielleicht nur allzu gewissenhaften Demetrius haben selbst den hellsehenden Diocletian diesmal zu überlisten verstanden. Man hat ihm die Sache aus dem falschesten Gesichtspunkt gezeigt, und er hat getan, was sie ihn tun lassen wollten, er hat dem folger ist auf dem Wege. Demetrius gereiztes Ehrgefühl erlaubte ihm nicht, eine Würde langer zu behalten, die nichts mehr als ein hohler Name ohne Einfluss und Wirksamkeit war. Er hat seine Entlassung auf der Stelle gefordert, erhalten, und sich mit seiner Gemahlin in die Ruhe des Privatlebens zurückgezogen. Aber noch ehe sie Nisibis verliessen, war der Plan, den ich, ohne zu ahnen, was das allzugefällige Schicksal für mich tun würde, entworfen hatte, zur Reise gekommen. Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die erlaubnis bewirkt, mich zu sich zu rufen. Ich erhielt den Brief nur um acht Tage später, als Demetrius den seinigen. Er war nun vergeblich, denn die Trennung von Larissen stand wir ohnedies bevor. Indessen, so weh es mir tat, die letzten schönen Tage meines Lebens verkürzen zu müssen, so rief doch eine heilige Pflicht, die Pflicht der Menschlichkeit gegen eine Unglückliche, und die Gefahr eines Freundes, der am rand des Abgrunds stand, mich eilig nach Nikomedien. Zwei Tage war es mir noch vergönnt, bei Larissen zuzubringen. Ich genoss sie mit eifersüchtigem Geize, ich war den ganzen Tag um sie, ich labte mich in den letzten Strahlen der scheidenden Sonne meines Glückes, ich wich nicht von Larissens Seite, ich verbannte den schmerzlichen Zwang, der mich so lange Zeit von ihr entfernt gehalten hatte, ich wollte noch einmal ganz glücklich seinund sie verstand die heissen Wünsche meines Herzens. Mit dem Zutrauen einer Schwester, mit der Innigkeit einer Freundin behandelte sie mich, so offen, so gütige so schonend! O Phocion! Was ist sie für ein Wesen! Hingegeben mit aller Wärme einer ersten unglücklichen leidenschaft, und doch so rein, so streng! Die Engel, die sie glaubt, können nicht sanfter, nicht unschuldiger lieben. Was bin ich gegen sie! Auf welcher Höhe erscheint der stille Frieden dieser Seele, die ergebene Geduld, mit der sie ihr schweres Schicksal trägt, der Reichtum ihres Herzens, das, von eigenen Leiden zerrissen, doch noch Trost und Schonung für den Freund, noch zärtliche achtung und kindliche Sorgfalt für einen mürrischen, kummervollen Greis hat!

Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen. In diesem Bewusstsein haben wir uns getrennt. Demetrius entliess mich mit väterlicher Liebe, mit Tränen; ich empfing knieend seinen Segen. Er gab ihn mir als Vater, als Christ, und ich konnte mich nicht entalten, die Hand, die das Zeichen des Kreuzes (dies Symbol der Christen) über mein Haupt machte, mit kindlicher, dankbarer Rührung zu küssen. Es ist keine Täuschung. Das Christentum erhebt den Menschen zu einer bisher unbekannten Würde, und in diesem selbstsüchtigen Zeitalter, wo alle höheren Gefühle abgestorben, und die einzige Tugend, die einst die Menschen über den Staub erhob, die Vaterlandsliebe, ein nichtiges Gespenst geworden ist, scheint alle SeelenGrösse, alle Fähigkeit sich über das Sinnliche emporzuschwingen, in den kleinen Kreis der Christen sich zurückgezogen zu haben. Sie verzeihen ihren Feinden, sie beten für ihre Verfolger, indessen der grösste teil der Menschen Wiedervergeltung für erlaubt hält, und einige philosophische Secten Zorn und Rachgier als erhabene Aeusserungen unserer Seelenkräfte preisen und empfehlen.

Ich habe hier in Nikomedien sogleich Geschäfte gefunden, die mich auf eine unangenehme Art von der wehmütig süssen Beschäftigung mit Larissens Andenken abriefen. Tiridates allzuweicher Sinn hat nicht vermocht, den Lockungen der Wollust zu widerstehen. Er war tief, tief gefallen. Es hat mich geschmerzt, ihn so zu finden. Doch sah ich auch mit Vergnügen, wie viel Kraft in diesem geist ist. Die stimme der Tugend hat noch Macht über ihn; er hat sich ermannt, er hat entehrende Fesseln gesprengt, und wird zu seiner Pflicht zurückkehren. Es ist seltsam, wie in manchen Seelen die widersprechendsten Eigenschaften, die sich einander aufzuheben scheinen, Platz finden können. Tiridates ist eine von diesen schwankenden, oder reichen Naturen. Noch eben mit dem Plan zu einem Feldzug, mit würdigen Unternehmungen für seine künftige Herrschergrösse beschäftigt, achtet er es nicht zu gering, mit eben so viel Ernst und Eifer den Plan zu einem üppigen Feste zu entwerfen, liegt jetzt von Salben duftend, bekränzt, auf Persischen Teppichen ein verächtlicher Weichling, und springt beim Schalle der Tuba auf, sich zu waffnen, stürzt in die Schlacht, und fordert den gemeinsten Krieger heraus