, ist wohl eben so natürlich. Er hat auch sogleich seinen völligen Abschied begehrt, er will einem staat nicht langer dienen, der ihn so misskennt. Der Vorwand, unter dem ihm das Commando genommen worden, dient ihm eben so, seine Entlassung zu fordern, und wir werden uns in wenig Tagen auf den Weg nach unserer Villa am Ufer des Bosphorus begeben.
So wird es mir denn also von den Umständen selbst sehr leicht gemacht, deinen Rat zu befolgen, und mich von Agatokles zu trennen. Es ist auch in Rücksicht dieses Verhältnisses schon eine Zeit her nicht mehr Alles, wie es war, wie es sein sollte. Ich sah schon vorher mit Schmerz, dass Agatokles meine schöne friedliche Stimmung nicht teilte. Eine unruhige Heftigkeit lag in seinem Wesen. Sein blick, den er selten offen auf mich richtete, hing oft verstohlen mit wilder Glut an mir, und sank scheu nieder, wenn ihn mein Auge traf. Ich sah ihn bei meiner unverhehlten Herzlichkeit bald feurig auflodern, bald sie mit starrer Kälte aufnehmen. Jetzt schien er mich mit heisser Liebe zu suchen, jetzt geflissentlich zu vermeiden; kurz, er war ungleich, launisch, möchte ich sagen, und der stille Frieden entfloh durch dies Betragen auch endlich aus meiner Brust. Ich glaubte indessen nichts darin zu sehen, als die längst gemachte Bemerkung, dass es den Männern so gar nicht möglich ist, eine ruhige sanfte Neigung zu nähren, und sich mit den Rechten und Empfindungen der Freundschaft zu begnügen, wenn ihnen der volle ausschliessende Besitz versagt ist, und es tat mir weh, sogar einen Agatokles nicht frei von den Schwachen seines Geschlechtes zu finden.
Aber seit einigen Tagen bemerkte ich, dass er mehrere Briefe aus Rom und Nikomedien erhielt, und sie sehr angelegentlich beantwortete; auch schien er mir noch düsterer und tiefsinniger als vorher. Einer dieser Briefe nach Rom war an eine gewisse Calpurnia. Das erfuhr ich zufällig. Calpurnia heisst die schöne Tochter des Lucius Piso, bei welchem Agatokles in Rom gewohnt hat, von deren unwiderstehlichen Reizen ich schon öfters von unverdächtigen Zeugen sprechen gehört habe. Gestern kündigte er uns an, dass ihn Tiridates nach Nikomedien beschieden habe, und er Nisibis noch vor uns verlassen müsse. Wie das zusammenhängt, sehe ich wohl nicht ein, aber dass es zusammenhängt, das fühle ich, und erkenne es bestimmt aus tausend Kleinigkeiten, die ich wohl zu vereinbaren wusste. Ich läugne dir nicht, dass es mich tief schmerzt, nicht allein, dass Agatokles sich, wie es scheint, freiwillig von uns entfernt, und die kurze Zeit unsers Beisammenseins noch abkürzt, sondern dass er mir, mir, deren Herz so offen vor ihm lag, mir, der Jugendgespielin, der innigsten Freundin ein geheimnis aus den Schritten macht, die er tut.
Zwei Tage werde ich noch mit ihm zubringen, vielleicht die letzten in meinem Leben! Es ist sehr ungewiss, ob ich ihn je wieder sehen werde, und die kurze Zeit meines Glücks wird mir wie ein Traum vorkommen, aus dem ein unfreundlicher Morgen mich weckte. Und doch soll ich wünschen, von ihm getrennt zu sein! Doch soll ich die Stunde segnen, die uns – für immer – scheidet? Ach Junia, ich vermag es nicht! Jetzt, in dem Augenblicke wo der Himmel das Gebet erhört, das ich in der Angst meines Herzens oft zu ihm sandte, wo der Zweifel an meines Freundes Offenheit, an seiner ausschliessenden Liebe mir die Trennung erleichtern sollte, jetzt fühle ich alle Kräfte schwinden, und ich zittere vor dem Gedanken, ihn nicht mehr zusehen, vor dem Gedanken, dass er mich nicht so ausschliessend liebt, als ich glaubte. Was wirst du von mir denken, wenn du dich der vielen Stellen erinnerst, wo ich in plötzlicher Aufwallung von Selbstverläugnung beteuerte, dass ich es gelassen ansehen wollte, wenn er mich vergässe, um ruhig und glücklich zu sein? Wie so schwach ist das menschliche Herz, wie so ganz aus Widersprüchen zusammengesetzt! Wie so gar nichts ist unsere Tugend, wenn die Vorsicht sie auf eine ernste probe setzt! Das Schicksal scheint mich bei dem raschgesprochenen Wort zu nehmen. Es ist möglich, dass er eine Andere liebt – und ich schaudere vor der Erfüllung rechtmässiger Wünsche, die ich einst so herzlich wünschte.
Ach, warum hat ein unvorgesehener Zufall, wie du mir neulich schriebst, Apelles Ankunft verzögert? Gewiss, Junia! ich wäre nicht so schwach, so elend, wenn der Geist dieses Mannes meine sinkende Seele aufrecht hielte. Er wird kommen, schreibst du, ach wann – und nach welchen Auftritten! In fünf Tagen gehe ich mit meinem Gemahl nach unserm einsamen Landgute Trachene ab. In der traurigsten Jahrszeit, in ununterbrochener Einsamkeit wird dort mein Leben an der Seite eines kränklichen, und durch sein Schicksal gebeugten Greises verfliessen. Könnte mich Apelles dort besuchen, so würden meine Wunden sich stiller verbluten, und vielleicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz einkehren, der jetzt vor so viel Stürmen entflohen ist, und den ich einst unter allen Leiden so sorglich bewahrt habe.
Sage ihm das, meine Junia! sage ihm, wie es mit mir ist, und wie sehr ich den Abgang eines weisen, festgesinnten Freundes fühle, dessen richtiger Sinn mein schwankendes Gemüt in den gehörigen Schranken halte. Deinen nächsten Brief sende nach Trachene. lebe' wohl.
29. Agatokles an Phocion.
Nikomedien, im Nov. 301.
Ich bin von