Bewusstsein ruht, was auch sein los sei, wie weit Zeit und Raum ihn von diesem Herzen scheiden, es fühlt für ihn, es schlägt nur für ihn, es achtet kein Opfer, keine Gefahr, um den Geliebten glücklich zu machen. Lass dann die ganze natur, lass die Götter sich wider ihn verschwören, er achtet ihrer Wut nicht, er liebt – und wird geliebt. O, ich Rasende! dass ich damals klagte, da nichts als eine Verkettung von Umständen ein geliebtes Wesen schuldlos aus meinen Armen riss! Damals wähnte ich unglücklich zu sein, und was hin ich jetzt? Sie war Frevel, diese unzeitige, unmässige Klage; Kleinigkeit, Spiel waren die Leiden, die ich damals fühlte, gegen die Martern, die mich jetzt verzehren. Damals war ich geliebt, damals schlug ein Herz treu und ausschliessend für mich. O ihr Götter! Nehmt, nehmt mir Alles, was noch an meinem Loose wünschenswert sein mag, und gebt mir jene Schmerzen wieder! Gebt mir sie wieder, die Zeit, wo ich euch durch voreilige Bitten bestürmte, ich fordere euch heraus, mich unglücklich zu machen, so lange ich geliebt bin. Aber ich bin nicht geliebt, i c h b i n n i c h t g e l i e b t ! O mit brennendem Schmerz reisst dieser Gedanke an meinem Herzen: i c h b i n n i c h t g e l i e b t ! Was in diesen Worten liegt, drückt keine Sprache aus, nur die Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fühlt die Qualen, die sie entalten. Zwei Tage trug sich dies Herz mit täuschenden Hoffnungen, jene Nachrichten könnten Verleumdung sein, eine wohlausgesonnene List meiner Peiniger. Die bitterste Erfahrung, ganz unzweifelhafte Beweise haben mir gezeigt, dass Alles, was man mir sagte, Wahrheit, und mein Unglück entschieden sei. Ein gewisser Marcius Alpinus aus Nikomedien, eines von jenen kaltvernünftigen Wesen, die nichts tiefer verachten und bespötteln als Gefühl, hat an einen seiner Freunde geschrieben, und von diesem erhielt mein Bruder Septimius den Brief. Asiatische Hetären, zwar verheiratete Matronen und vom ersten Range, nichts desto weniger aber an Gesinnung und Betragen den Verworfensten ihres Geschlechtes gleich, teilen sich in ein Herz, das ich einst in einem dunkeln verworrenen Traume mein zu nennen wähnte. Treue, Schwur, Ehre, Ruhm und Tron verschwinden aus den verblendeten Augen, die nur mit wollüstiger Trunkenheit an schönen Formen hangen; und gleichgültig opfert man das Glück eines längst vergessenen Herzens am Altare einer frechen Schönheit.
O wer gibt mir Dumpfheit, Wahnsinn, Vernichtung! Ich will ja nicht leben, ich will ja ein zweckloses Dasein nicht länger hinschleppen. Liebst du mich, Calpurnia! hast du in der grossen Welt nicht auch jede bessere Empfindung verlernt, so besorge mir nur einen einzigen wohltätigen Tropfen, nur Einen, der genug ist, mein Leben auszulöschen!
27. Agatokles an Calpurnien.
Nisibis, im Oct. 301.
Dein Brief, meine edle Freundin! hat mir ein wahrhaft grosses und ein dreifaches Vergnügen gemacht. Er hat mich wieder in die schöne Zeit zurückgezaubert, wo ich in Rom in deines Vaters haus mit dir und den Deinigen so angenehme Tage verlebte, deren grösster Reiz in deinem heitern geistvollen Umgang bestand. Er hat mir Nachricht von lieben Entfernten gegeben, deren Andenken mir unvergesslich bleiben wird; und endlich hat er mir das erhebende Gefühl gewährt, mich von einer edlen Seele mit achtung und Zutrauen behandelt zu sehen. Innig danke ich dir für jede dieser angenehmen Empfindungen, vorzüglich aber für die letzte, die zu verdienen und zu rechtfertigen mein tätigstes Bestreben sein soll.
Du weisst, meine Freundin! du wiederholst es sogar in deinem Briefe, dass die Verbindung zwischen Sulpicien und dem Prinzen mir nie, weder vernünftig, noch rechtmässig schien. Indessen, so dachte ich mir den Ausgang nicht, obwohl ich Tiridates ziemlich genau zu kennen glaubte. Seit wir in Asien sind, haben wir uns beinahe nicht mehr gesehen, die Reise und ein paar Tage nach unserer Ankunft in Nikomemeistens nur über Angelegenheiten des krieges, oder andere Geschäfte. Ich weiss also nichts Bestimmtes über seine Lebensweise und seinen Umgang. Gerüchte, Sagen laufen freilich hin und her, über auf sie kann ich kein Urteil bauen. Auch würdest du, meine Freundin! nicht mit dem zufrieden sein, was ich dir vom Hörensagen berichten könnte. Sei aber versichert, dass ich Alles tun werde, was in meiner Macht steht, um hierüber Gewissheit zu erlangen, und dass ich dann so handeln werde, wie es mein bester Wille, die Umstände, dein edles Zutrauen und Sulpiciens Lage nur immer von mir fordern können.
Uebrigens bitte ich dich zu bedenken, dass Tiridates sich durch Geburt, Schicksal und persönliche Annehmlichkeiten genug auszeichnet, um von der müssigen Menge bemerkt, besprochen, beneidet, getadelt zu werden; wie auch, dass ein liebenswürdiger Prinz an einem üppigen hof manchen Versuchungen und Fallstricken ausgesetzt sein muss. Vieles, was geschehen konnte, wird dann als getan vorausgesetzt, und erzählt; Vieles, was verworfenen Menschen wahrscheinlich ist, von ihnen als wahr verkündet, und die Welt urteilt schnell, leichtsinnig und lieblos. Schon, dass er immer in Nikomedien sein soll, ist Verläumdung. Er befindet sich grösstenteils bei dem Heere des Cäsar Galerius, wo er sich durch persönliche Tapferkeit und Feldherrn-Talente gleich rühmlich auszeichnet.
Glaube nicht, dass ich Tiridates hierdurch entschuldigen