1808_Pichler_085_42.txt

ich gern glauben, dass der immer vergrössernde Ruf auch hier Manches hinzugesetzt hat, was nicht so ganz wahr ist; indessen, wenn ich auch die Hälfte abrechne, bleibt noch immer genug übrig, um Tiridates sehr strafbar erscheinen zu machen. Noch schreibt er z i e m l i c h oft und z i e m l i c h warm an Sulpicien; aber was ist dies für ein Herz, das von Zweifel und Angst gefoltert wird, und in der sehr natürlichen Voraussetzung, dass der Prinz wohl so klug sein wird, sich nicht selbst anzuklagen, seine Briefe schon mit ungünstigem Vorurteil empfängt? Da wird jedes kühlere Wort, jeder unvorsichtige Ausdruck eine neue Quelle des Argwohns. Bei einem Brief kommt so viel auf die Stimmung des Lesenden an, sie gibt die Musik zu den Worten. Was kann der tote Buchstabe, was kann ein treuer Freund zur Beruhigung sagen, wenn ein krankes Gemüt mit jener geflissentlichen Grausamkeit, die eben den bessern Seelen eigen ist, in jedem Worte einen Pfeil f i n d e n w i l l , um ihn tiefer in seine Wunden zu drücken? O wahrlich! solche Gemüter sind sehr zu beklagen, sie sind ewig das Spiel und der Raub der rauhern stärkern Seelen.

Bei dieser Lage der Sachen, bei der halben Ungewissheit, in der wir über Tiridates wahre Gesinnungen schweben, und bei der Unmöglichkeit, im Geringsten auf ihn wirken zu können, wende ich mich nun an dich, und hoffe von deiner Denkart, von deiner achtung für Sulpicien, und hauptsächlich von deiner genauen Verbindung mit dem Prinzen, noch allein das Wenige, oder Viele, was sich in dieser Sache tun lässt. Zuerst ersuche ich dich um eine genaue Nachricht von Tiridates Lebensart und Gesinnungen, so weit du sie zu kennen vermagst. Für's Zweite überlasse ich deinem Gefühle, deiner Beurteilung, die weitern Schritte zu bestimmen, die allenfalls noch hierin zu tun wären. Deine Denkart ist mir Bürge, dass ich meine Freundin hier nicht aussetze, dass nichts geschehen wird, worüber sie zu erröten, ja, was sie nur von fern ungetan zu wünschen haben würde. Leite, führe du die Sache, wie du es für gut findest; ich lege mit Zufriedenheit Sulpiciens Geschick und meine treue sorge für sie in deine Hand, und erwarte, wo nicht hülfe, – denn wer weiss, ob du die gewähren k a n n s t ? – doch wenigstens Trost und Beruhigung für sie von deinem Herzen.

Mein Vater und meine Brüder, die alle recht wohl und vergnügt sind, grüssen dich herzlich durch mich. Solltest du zu antworten nötig finden, so sei auch so gütig, mir den Ort deines Aufentalts zu bemerken. Nicht immer wissen wir in Rom genau die Standörter unserer Armeen, und nicht immer ist ein Legat so glücklich, im haus seines Feldherrn zu leben, und alle seine Leiden und Freuden mit ihm zu teilen. lebe' wohl.

26. Sulpicia an Calpurnien.

(Im vorigen eingeschlossen.)

Bajä, im Sept. 301.

Mit unsäglicher Mühe und Aufopferungen, die mich mehr kosten, als ich zu sagen im stand bindenn es gilt hier nicht Geld, oder Geldeswert, sondern Grundsätze und Gefühle, deren Unterdrückung mein innerstes Leben angreifthabe ich einen Sclaven auf unserm Landgute, gewonnen, der sich endlich erboten hat, dir diesen Brief zu bringen. Allmächtige Götter! Zu welchen Erniedrigungen zwingt mich die verächtliche Gesinnung Anderer, und die Notwehr, die ja auch dem schwächsten Wurm gegen seinen Peiniger erlaubt ist! Bestechung, Verlockung von der dem Gebieter geschworenen Treue muss ich mir zu Schulden kommen lassen. Ich, die ich jeden Winkelzug, jede Unredlichkeit, als meiner natur widernd, hasse, ich muss die Betrüger überlisten, weil ich sonst – o Götter, Götter! welche Lage! – weil ich sonst verzweifeln müsste. Sterben? Kleinigkeit! Tag und Nacht sind die Pforten des Todes geöffnet, und wer zu sterben weiss, braucht nicht zu dienen. – Aber sterben wollen, und keines Augenblicks, keiner Bewegung Herr sein, sich fühlen, zu wissen, dass alle Schränke und Kisten durchsucht, und alle Mittel zur Flucht nicht allein aus diesem Aufentalte, sondern auch aus dem Leben genommen sind; das zu wissen, und mit der Wut der Ohnmacht seine Ketten zu schütteln, ohne sie zerreissen zu können: das ist die schrecklichste Lage, in der ein Sterblicher sich befinden kann! Man hat in Rom erkundschaftet, dass ich durch dich Briefe aus Asien bekam, dass jene unselige Verbindung durch die vorigen Massregeln noch nicht abgebrochen war, und man schritt nun zum Aeussersten. Man schleppte mich in diese Einsamkeit, man hält mich wie eine Verbrecherin, und man macht sich ein Geschäft daraus, mir das Leben zu verbittern. Ja, was der Mensch dem Menschen tun kann, ist das Höchste und Niedrigste. Die grösste Erdenseligkeit und die schrecklichste Verzweiflung häuft er auf seines Gleichen. Ja, die höchste Erdenseligkeit und die tiefste Verzweiflung! Vom Schicksal verfolgt, gemisshandelt, flüchtet das zerrissene Herz an den Busen der Liebe, und dort, in ihren weichen Armen, von ihren Tränen benetzt, von ihrem Hauche neu belebt, weiss es nichts mehr von den Tücken des Schicksals, und ist selig in dem Gedanken, treu und wahrhaft geliebt zu sein. Nein, der Sterbliche ist nicht zu beklagen, der ein geliebtes Herz ganz besitzt, und in dem seligen