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l l e i c h t zur Trennung von ihm vermocht hätte, erst jetzt, wo es viel zu spät war? Wie wäre es, Junia! wenn alle diese scheinbaren Zufälligkeiten sich zu dem Zwecke vereinigten, Agatokles in den Schooss unserer heiligen Kirche zu führen, und ihm den einzigen Vorzug zu erteilen, der ihm noch fehlt, um ganz vollkommen zu sein? Agatokles ein Christ! Junia! Diese strenge Tugend, dieser erhabene Sinn, durch den Geist des christentum erhöht, veredelt, verfeinert! O wie gern will ich dann meine Leiden getragen, und durch acht freudenlose Jahre diesen Augenblick höchster Seligkeit erkauft haben!

Dein Brief hat mir die Ankunft meines geehrten Lehrers Apelles hoffen lassen. Noch ist sie nicht erfolgt, aber ich begreife wohl, dass die Störungen, die der Krieg in diesen Gegenden verursacht, und die öftere Veränderung unsers Standorts seine Reise verzögert haben mögen. Wie sehr wünschte ich ihn zu sehen! Ich würde mir sehr viel von der Gewalt seiner überzeugung, und seiner feurigen Beredtsamkeit für Agatokles Sinnesänderung versprechen. Ach, es ist schon ein so schöner Anfang gemacht! Gelingt es Apelles, das Ganze zu vollenden, so wäre das eine neue Wohltat, die ich deiner Liebe und Teophrons väterlicher sorge um mich zu danken hätte. Sage ihm, dem ehrwürdigen Lehrer und Tröster meiner Jugend, dass ich ihm mit kindlicher, und dir mit schwesterlicher Zärtlichkeit dafür danke. Mein Gemüt ist jetzt viel stiller und ruhiger, ein heiterer Friede wohnt in mir, wie er einst die Jahre meiner Kindheit beseligte, und zum erstenmal nach mehr als acht Jahren blicke ich mit Ruhe auf die Gegenwart, und ohne Furcht in die Zukunft. Vielleicht hat die gütige Vorsicht mir in spätern Jahren Ersatz für die verlorene Jugend bestimmt. Was sie auch senden mag, wie viel, wie wenig es sei, ich will es kindlich hinnehmen, und dem, was sie verweigertJunia! es ist etwas Grosses! es hätte mich zum glücklichsten weib auf Erden gemacht! – mit stiller Unterwerfung entsagen.

24. Agatokles an Phocion.

Nisibis, im Sept. 301.

Noch lebe ich! Die Ahnung eines nahen Endes aller meiner Kämpfe und Leiden hat mich getäuscht, und es beginnt ein Dasein für mich, das zwischen der Seligkeit der Götter und den Qualen des Tartarus oft und plötzlich wechselnd mich entweder zum Wahnsinn bringen wird, oder die erschöpfte natur erliegt den unaushaltbaren Stürmen.

Es war eine Zeit, wo der Gedanke, Larissen zu sehen, mich zu jedem Wagestück getrieben, mich jedes Hinderniss zu überwältigen gelehrt hätte, wo ich für die Seligkeit, diese Züge zu erblicken, die so tief in mein Herz gegraben sind, den Ton dieser stimme zu hören, die seit den Kinderjahren nicht in meiner Brust verhallt ist, mein Leben gegeben haben würde. Noch denke, noch fühle ich eben sonoch ist Larissa mir das Teuerste auf Erden, noch könnte ich für ihren pflichtmässigen Besitz Alles hingeben, was andere Menschen Glück nennenund jetztIch habe das heiss ersehnte Ziel errungen, ich bin bei ihr, ich lebe' um sie, ich sehe sie täglich, ich spreche zwanglos mit ihr, sie flieht mich nicht mehr, sie hört mich gütig an, sie zeigt mir Zuneigung, Freundschaft, Liebein diesem Verhältnisse, und dass sie es nicht ahnet, dass sie, in süsser Täuschung verloren, den Schmerz ganz allein auf meine Brust häuft, das ist's, was mich zur Verzweiflung bringt.

Mein letzter Brief sagte dir, dass wir bereit waren, Nisibis mit Sturm zu nehmen. Es war ein gewagtes Unternehmen, bei dem viel auf der Spitze stand, und das nur durch den grossen Vorteil, den sein Gelingen gewähren konnte, und die traurige Lage des Heeres zu rechtfertigen war. Mit sonderbaren Gefühlen nahm ich, am Abend vorher, von Larissen Abschied. Es war vielleicht der Letzte auf dieser Erde. Ich darf dir wohl gestehen, dass ich es h o f f t e ; dass sie es zu f ü r c h t e n schien, sprach ihr ganzes Wesen deutlich aus, und eine wehmütige Beruhigung drang bei dem Gedanken, von einem so edlen Herzen so geliebt zu werden, in meine wunde Brust. Am andern Morgen riefen uns die Tuben zum Sturm. Du weisst, Phocion! ich bin nicht weich, und habe dem tod mehr als einmal auf dem Schlachtfeld in's Antlitz gesehen, mehr wie einem Freund, der uns von drückenden Lasten befreit, als wie einem Gespenst, das uns vom Schauplatz unserer Freuden abruft. Aber diese Schrecken, diese grässlichen Gestalten, unter denen er hier erschien, dies gänzliche Ausziehen aller Menschlichkeit, das ein eisernes Gebot hier zur Pflicht machte, empörte die natur, und jedes bessere Gefühl in mir. Noch ziemlich glücklich erstieg ich auf den Leichen meiner Freunde, meiner Untergebenen, die neben mir, unter mir, bluteten, röchelten, starben, mit verwirrtem Geist, mich selbst betäubend, die schwer zu erobernde Schanze. Was ist die gerühmte Tapferkeit des Helden? O Phocion! Betäubung, Fühllosigkeit, Glück. Warum traf mich kein Pfeil, verwundete mich kein Wurf, indess rings um mich hundert sanken, die vielleicht mehr als ich zu leben gewünscht, verdient, und ihren Platz, als Führer einer kühnen Schaar, wohl eben so gut behauptet hätten, als ich? Was war's, das mich fortriss, mir Kraft,