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teil unserer Gefahr, unserer gespannten Verhältnisse lag, seit ein neues schönes Band sich zwischen uns angeknüpft hat, und pflichtmässige Dankbarkeit meine Gefühle veredelt und heiligt.

Demetrius behandelt ihn, seit dem letzten Vorfalle, mit väterlicher Zärtlichkeit. Agatokles ist fast immer um ihn, er wünscht es, er verlangt es sogar deutlich, wir teilen uns in seine Pflege und Unterhaltung, und mein Gemahl scheint die Hülfleistungen seines treuen Legaten beinahe mit mehr Freude zu erkennen, als die meinigen. Ach Junia! Das sind dann selige Stunden! Wenn Demetrius schlummert, dann wallet ein leises herzliches Gespräch zwischen uns, von alten guten zeiten; die Geister unserer kindlichen Freuden umschweben uns rein und unschuldig, vielleicht der Geist seiner vortrefflichen Mutter, der er und ich so viel zu danken haben, von der der edle Sohn nie ohne Rührung spricht. Ihre heilige Gegenwart weiht unsere Empfindungen, verbannt alles Leidenschaftliche daraus, und lässt uns nur die Süssigkeit einer freien schuldlosen Neigung geniessen. Wacht Demetrius, so erheitert ihn entweder abwechselndes Vorlesen, oder ein anziehendes Gespräch, dessen Gegenstand oft die Lehren unserer heiligen Religion sind. Du weisst, welch ein eifriger Christ Demetrius ist, und wie manchen Verdruss ihm dieser Eifer schon zugezogen hat. Seit dem letzten Vorfall ist das Bestreben, seinen Freund von einer Lehre zu überzeugen, die ihm allein in dieser und jener Welt dauerhaftes Glück sichern kann, eben so natürlich als sichtlich. Und Agatokles! O meine Freundin! Wie glücklich macht mich oft diese Bemerkung! Agatokles scheint von der Erhabenheit unserer Lehrsätze weit mehr durchdrungen, als sich mir zu hoffen erlaubt hatte.

Neulich, als Demetrius, der seinen Zustand als Weiser und Christ mit Ernst bedenkt, und keinen Täuschungen Raum gibt, das heilige Abendmahl zu geniessen wünschte: hiess er uns alle gegenwärtig sein, und auch Agatokles durfte nicht fehlen. Obgleich es ihm nun unmöglich war, den teil daran zu nehmen, der Christen erlaubt ist: so sah ich ihn doch von dem erhabenen Zwecke und der ganzen Ansicht dieser Einrichtung, von unsern Gebräuchen, von unserer stillen Andacht gerührt. Ex sank mit uns zugleich auf die Kniee, und brachte, wie er mir hernach gestand, dem unbekannten Gotte den Tribut der Ehrfurcht und Liebe. Ich sah ihn an. So edel, so unaussprechlich liebenswürdig, als in dieser feierlichen Stunde, hatte er mir noch nie geschienen. Ich fühlte mich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. O ich hätte ihm, wenn es die Umstände gefordert hätten, in Gegenwart aller Zeugen eine Liebe gestehen können, die so rein, so fromm war! Als ich ihm sagte, dass ich für ihn, für sein Glück gebetet hätte, dass ich täglich für ihn betete: da sah ich Tränen aus seinen Augen dringen. Er ergriff meine Hand in einer heftigen Bewegung; er wollte sprechenaber er vermochte es nicht. Er riss sich los, und eilte hinaus. Hatte er mich verstanden? Fühlte er, was ich sagen wollte?

Lass mich nun, Junia! meine Hoffnungen, meine Aussichten, alle meine Freude und Beruhigung in deine teilnehmende Brust giessen, und zürne mir nicht zu strenge! Ach, ich war lange genug unglücklich. Missgönne mir den Sonnenstrahl nicht, an dem mein verdüstertes Wesen sich zutrauensvoll entfaltet, und zu bessern Tagen auflebt!

Nichts ist Zufall in der Welt, meine Geliebte! Alles ist Fügung und Anordnung einer weisen Vorsicht, die der belebten und unbelebten natur ihre ewig unverbrüchlichen gesetz mitgeteilt hat, von denen abzuweichen eben so unmöglich ist, als den gestrigen Tag zurückzurufen. Alles Zufällige, alles Ungefähr hört auf, und dass uns etwas so erscheint, ist nur Schuld unserer beschränkten mangelhaften Ansicht, welche nicht mehr als einen kleinen teil des grossen Ganzen zu übersehen im stand ist. Da wir aber vom Schöpfer mit Vernunft und Gewissen begabt, und verpflichtet sind, unter Leitung der erstern auf Antrieb des letzteren zu handeln, zu wählen, zu verwerfen; so hört unsere Zurechnung, und unser freier Wille nicht zugleich auf. Nun aber, weil es unmöglich ist, etwas zugleich zu tun und zu lassen, weil unter tausend möglichen Fallen nur Einer in die Wirklichkeit eintreten, und in die Kette der begebenheiten eingreifend, selbst zur Ursache unabsehlicher Folgen werden kann: so ist unsere Entschliessung und ihre Wirkungen vorausgesehen von dem Auge, dem Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart Ein Tag ist, und wir handeln nach dem grossen Plan, wie zwanglos, wie vernunftmässig oder sinnlich, wie tugendhaft oder leidenschaftlich unsere Entschliessung gewesen sein mag, und alles leitet zu einem schönen Ziel, das weit hinter diesem nächtlichen Erdenleben in lichter Ferne zuweilen dem redlichen Forscher, oder dem kindlichen Sinne erscheint. Wenn du mir nun das zugibst, und ich sehe nicht wohl, wie du als Christin und selbstdenkendes Wesen es bestreiten kannst, so darf ich mich ja wohl dem süssen Gedanken überlassen, dass die begebenheiten der letzten Tage eben so von Gott geordnet, und eben so, wie alles Uebrige in der Welt, Leitung zu einem hohen edlen Zwecke seien. Warum, meine Liebe! musste Agatokles gerade zu dem Feldherrn kommen, in dessen Frau er seine Jugendgeliebte findet? Warum zu einer Familie, die aus lauter Bekennern des christentum besteht? Warum musste bei'm Sturm auf Nisibis unter so augenscheinlichen Gefahren sein Leben verschont bleiben, und er gelegenheit finden, sich seinem Vorgesetzten so hoch zu verpflichten, ihn zu seinem Freunde zu machen? Warum kam dein Brief, der mich in Edessa v i e