des bittersten Leidens ist diesmal vorübergegangen. Nisibis ist erobert, Demetrius und Agatokles leben! Dieser ist gar nicht, mein Gemahl wohl bedeutend, aber nicht gefährlich verwundet, und in dem beglückten Gefühle, so grossem Unglücke entgangen zu sein, übersieht das getäuschte Herz die dunkeln Stellen, deren noch so viel übrig sind. Jetzt will ich sie alle vergessen, ich will nur Gott danken, der mir diese zwei teuersten Wesen erhielt, und mich vor Verzweiflung bewahrte. Auch hat es der Vorsicht, deren Fügungen in dem Gange meines Schicksals immer sichtbarer erscheinen, gefallen, ein neues schönes Band zwischen dem Freunde meiner Jugend und mir anzuknüpfen, ein Band, das viele Empfindungen, die ich bisher verdammen musste, rechtfertigt, und mir erlaubt, dem zug meines Herzens ohne so grosse Aengstlichkeit zu folgen. Demetrius dankt der Treue, dem Mut, der anhänglichkeit seines Legaten das Leben. O meine Junia! Welche Seligkeit liegt in diesem Gedanken? Nicht allein die Schönheit der Handlung selbst, sondern auch die Sicherheit, die sie meinem geist gewährt, die Freiheit, d e n mit reiner meinschaftlichen Vater erhalten hat! Ich darf ihn jetzt nicht mehr so scheu betrachten, ich darf einen teil meines Gefühls ihm ungehindert zeigen. Die reine Dankbarkeit, die unschuldige Neigung, die in meinem Herzen liegt, ist kein Verbrechen. O Junia! Ich bin befriedigt, ich verlange für meine Wünsche kein höheres Glück. Und wenn es auch nicht lange währen sollte, denn schon sehe ich Wolken an unserm Horizont heraufsteigen, so war ich doch für kurze Zeit recht glücklich! Diese Zeit ist mein, diese Erinnerungen kann mir keine Zukunft rauben, und der helle Zwischenraum in meinem nächtlichen Leben soll mich stärken, künftige Widerwärtigkeiten mit freudigem Mute zu ertragen.
Agatokles hatte zuerst auf seinem Posten, welcher der gefährlichste von allen war, die Mauer erstürmt. Wie es da erging, diese schrecklichen Auftritte, diese fürchterlichen Gestalten des Todes, die ich erzählen hörte, wirst du mir zu wiederholen erlassen. Genug, nach einem zweistündigen Gefechte drangen die Unsrigen, ihren mutigen Führer an der Spitze, in die Stadt ein. Nicht lange darnach erreichte Demetrius von der andern Seite denselben Zweck. Aber da man auf dieser schwächern Seite der Stadt den Sturm vermutet hatte, fand er viel grösseren Widerstand, und das Gefecht wurde von beiden Seiten mit der heftigsten Erbitterung fortgesetzt. So gelangten sie bis auf den Marktplatz, die Besatzung wich nur Schritt vor Schritt, die Unserigen mussten jeden Fussbreit Boden teuer erkaufen. – Plötzlich stürzte, als Demetrius mit den Seinen schon auf dem platz stand, aus einer Nebenstrasse ein weit überlegener Haufe von feindlichen Soldaten hervor. Demetrius sah die Seinen um sich her fallen, er stritt fast allein gegen den wütenden Schwarm. Einer von den Seinigen hatte die Besonnenheit, zu Agatokles zu eilen, und ihm die Gefahr seines Feldherrn zu melden. Dieser vergass sogleich jede Rücksicht auf eigenen Ruhm, auf Behauptung seines errungenen Sieges, und schlug sich mit Wenigen, die ihm mutig folgten, bis zu seinem Feldherrn durch. Er fing den tödtlichen Hieb, der das Leben meines Gatten hätte enden können, mit seinem Schwerte auf, er deckte ihn, als er verwundet niedergesunken war, mit seinem Schilde, und schützte sein Leben auf Gefahr des eigenen, bis eine Verstärkung der Unserigen ankam, und dem treuen Agatokles erlaubte, nun auch für die Pflege seines Geretteten zu sorgen. Mit kindlicher Sorgfalt wachte er über ihn, liess ihn in ein nahes Haus bringen, und alle Anstalten zu seiner Erhaltung treffen. Sobald die Feinde die Stadt gänzlich geräumt hatten, sandte er zu mir. Mit der grössten Schonung, in der ich sein Herz erkannte, wurde mir der Vorfall berichtet, und ich eilte zu Demetrius, den ich zwar verwundet und erschöpft, aber bei so heiterm Geist, so froh über den gelungenen Sieg, und so dankbar gegen seinen edlen Retter fand, dass die Pflicht, seiner zu pflegen, mir doppelt süss wird.
Den Tag, nachdem ich in Nisibis angekommen war, erhielt ich einen Brief von dir, den die Veränderungen unsers Aufentalts, oder andere Zufälle verspätet haben. Er ist mehrere Wochen alt. Du schreibst mir darin mit aller Liebe einer Freundin, mit aller Strenge einer tugendhaften Christin über mein verhältnis zu Agatokles. Du rätst mir nicht bloss, du befiehlst mir die Gefahr zu fliehen, in der ich sicher untergehen würde. Du findest die einzige Möglichkeit der Rettung in schneller gänzlicher Trennung, und verlangst, dass ich meine Sicherheit, sogar mit dem Scheine des Ungehorsams gegen Demetrius, mit der Gefahr, seinen Zorn, den Vorwurf pflichtwidriger Kälte auf mich zu laden, erkaufen sollte. Ach Junia! Was du forderst! Es mag möglich sein, dass dies Mittel mich früher hätte retten können! Es mag möglich sein, so strengen Forderungen der Pflicht zu gehorchen. Ich glaube auch, dass in deiner Brust die Kraft dazu läge! Aber ich? Zürne nicht, Junia! Ich kann, ich darf, ich brauche dies einzige grausame Mittel nicht anzuwenden. Demetrius ist schwer krank, nicht sowohl durch die Art seiner Verwundung, als durch ein heftiges Fieber, das sich zu seiner Erschöpfung gesellte. Jetzt ist der Wille des himmels deutlich ausgesprochen. Ich soll und werde den kranken Gemahl nicht verlassen. Aber ich bedarf es auch nicht; denn mein verhältnis zu Agatokles ist verändert, und der strenge Zwang aufgehoben, in dem, wie du selbst einsiehest, ein grosser