, mit ihren zitternden Händen die meinige hielt, ihre Tränen auf meine Wunden flossen, und sie in diesem Augenblick, aller Verhältnisse vergessend, nur das besorgte liebende Weib war – o Freund! ich erröte nicht, es zu sagen, dass meine Kraft mich hier verliess, dass auch mein Herz sich ihr unverhüllt offenbarte. Ich fordere den Mann heraus, der hier standhaft geblieben wäre. Ich wage es zu behaupten, dass den seine Tugend nichts kosten kann, denn er kann nicht fühlen.
Acht Tage später.
Ich habe lange keine Nachricht von dir! Im Getümmel, im Gewirre des Krieges mögen sich die Briefe wohl leicht verlieren. Noch sind wir vor Nisibis, aber wir werden es nicht mehr lange sein. Demetrius, der die Stadt schon seit ein paar Wochen eng eingeschlossen, und vergebens auf eine Verstärkung vom Cäsar Galerius gewartet hat, will der Ungeduld der Truppen, ihrem lauten Murren, ihrem Wunsch, die Stadt durch Sturm zu nehmen, nicht länger widerstehen. Auch ist es dringend, dass ihr Schicksal sich entscheide. Hitze, Durst und Krankheit fangen an unser Lager zu verheeren. kommt nicht bald hülfe, misslingt der Sturm auf Nisibis: so müssen wir fort, und schimpflich ein Unternehmen aufgeben, das mit grossem Mut, nicht ohne reife überlegung begonnen, und wahrlich für das Schicksal des ganzen Krieges entscheidend ist. Fällt Nisibis nicht, so hoffe ich wenig Gutes, wenigstens für diesen Feldzug mehr. Es ist aber bereits mehr als Vermutung, dass die alte Feindschaft zwischen Galerius und unserem Feldherrn für Jenen zu zerstören, wenn auch mehr als die Ehre des Mannes, den er hasst, darüber verloren gehen sollte. Was auch immer die erste Quelle des Zwiespalts ist, so weiss ich jetzt bestimmt, dass Galerius Hass gegen die Christen die Kluft zwischen ihm und dem Feldherrn, der dieser sekte so treu ergeben ist, immer mehr erweitert. Jener möchte sie verderben, er verfolgt sie, wo er kann; und liesse Diocletians politische Weisheit, oder seine gemütslose Gleichgültigkeit gegen Alles, was den Menschen über sich selbst erheben kann, sich von ihm, wie er's wünscht, erhitzen, so zweifle ich nicht, dass wir bald eine allgemeine Verfolgung erleben würden.
Zwei Tage darauf.
Was wir längst fürchteten, und uns selbst nicht zu gestehen wagten, die Wahrscheinlichkeit, dass keine Verstärkung zu hoffen ist, ist nun zur Gewissheit geworden. Galerius denkt niedrig genug, das Heer, das Schicksal des Krieges, seinen Leidenschaften aufzuopfern. Wir sind verlassen, aber Demetrius findet in seinem festen Willen und in dem Mute der Truppen Kraft genug, das allein zu tun, wovon ihn Scheelsucht und Rache abzuschrecken vergebens versucht. Morgen wird gestürmt. Mauerbrecher, Sturmleitern, Wurfmaschinen, Alles ist in Bereitschaft, das Heer den ich absende, bringt dir diesen Brief und die beigefügte Rolle, die meinen letzten Willen, und die kleinen Verfügungen über mein mütterliches Vermögen entält. Wer weiss, ob wir uns hier je wieder sehen. Mir steht eine ernste Stunde bevor. Meiner Treue, meinem anhaltenden Bitten, vertraut Demetrius den Posten an einer der gefährlichsten Stellen, und wenn dies Zutrauen mich ehrenvoll auszeichnet, so sichert mir die Gefahr des Auftrags entweder künftigen Ruhm oder Heilung aller meiner Schmerzen. So erwarte ich den kommenden Morgen. Es ist Mitternacht. Alles ist stille. Vielleicht wacht ausser mir nur noch Ein Auge, das in diesen ernsten Stunden für mich betend und angstvoll zum Himmel blickt. Auch deiner, gutes, edles Wesen! harret vielleicht ein besseres Schicksal, wenn morgen der Tod den unwillig geliebten Freund deinem kämpfenden Herzen entreisst, und über seiner Asche dein ängstlicher Streit sich in ruhige Wehmut verliert. Meinen Vater tröste du. Verlass Aten, kehre nach Nikomedien zurück; mein Testament entält die Verfügungen, die dich für jenen Schritt entschädigen sollen. Ihm, dem von drei hoffnungsvollen Söhnen nur der ungeliebteste übrig blieb, wird deine sanfte Gemütsart, dein heiterer Sinn leicht Ersatz für den ernsten, allzudüstern Sohn werden. So sehe ich wohl Einige, die durch meinen Tod gewinnen, Niemand, der darunter leiden wird! Und welche Tränen hätte nicht die Zeit getrocknet? lebe' wohl, Phocion! Dass wir uns wiedersehen, weiss ich gewiss! Wie, wo, wann – das sind fragen, die vielleicht morgen ein Pfeil, ein Schwert befriedigend löset.
22. Larissa an Junia Marcella.
Lager vor Nisibis, im Sept. 301.
Morgen mit anbrechendem Tage wird Nisibis gestürmt. Alles ist bereit. Demetrius führt sein Heer an, Agatokles hat er auf sein dringendes Bitten einen der gefährlichsten Posten übergeben. Ich verstehe Agatokles Wunsch. Ruhm oder Tod! Die männliche Seele findet in Beiden Beruhigung. Aber was aus mir werden wird? daran geht die rauhere Kraft achtlos vorüber. Ich kann nicht zusammenhängend denken, viel weniger schreiben. Von dir habe ich nun auch seit fast zwei Monaten keine Nachricht. Meine Brust ist fest, fest zusammengedrückt. Bald steht mein Blut, bald jagt es stürmend durch die Adern. Ich habe viel in meinem Leben gelitten; solche Angst habe ich nie empfunden. Ich vermag nicht zu beten – nur hingeworfen auf meine Kniee kann ich jammern. Selbst das Labsal der Tränen versagt dem geängsteten Herzen! Bete für mich, Junia! Was will ich? Wozu? – Bis der Brief dich erreicht, ist mein Schicksal längst entschieden.
23. Larissa an Junia Marcella.
Nisibis, im Sept. 301.
Der Kelch