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wird es immer so sein? O Junia! Es ist kein kleiner Zusatz zu meinem Leiden, beständig für das zittern zu müssen, was mir das Liebste auf der Welt ist.

Fussnoten

1 Die Alten sassen nicht, sondern lagen auf Ruhebetten um ihre Tische herum, und meistens drei und drei auf einem Lager, so, dass drei Seiten des Tisches besetzt, die vierte für den Vorschneider offen blieb. 2 Tuba war eine Art von Blasinstrument, wie unsere Posaunen oder Trompeten, deren sich die Römer im feld bedienten.

21. Agatokles an Phocion.

Lager vor Nisibis, im auge. 301.

Es ist eine lange Zeit verflossen, seit mein letzter Brief dich von der wunderbaren und traurigen Wendung meines Schicksals unterrichtet hat. Seitdem sind viele schmerzhafte Stunden vergangen, und in durchwachten Nächten ist mancher fruchtlose Versuch zur Bekämpfung einer leidenschaft gemacht worden, die mit jedem Tage neu genährt, und allzu reizend unterhalten, endlich jedes ohnmächtigen Widerstandes spottet. Feindselig hat das Geschick sich wider mich verschworen; von allen Seiten umstellt es mich mit unausweichbaren Netzen, in denen ich mich verwirren, in denen ich fallen muss. Habe ich denn irgend eine verborgene Schuld meines eigenen Herzens, oder eine alte meines Geschlechtes abzubüssen, dass, wie in den Dichtungen der Tragiker, die Eumeniden mich rächend verfolgen, und das Fatum sein Opfer zürnend fordert? Nur zwei Auswege sehe ich offen, wie mein verworrenes Schicksal sich lösen kannnur zweiund Einer ist finsterer, als der Andere. Aber, wenn hier das Bewusstsein verlorner Unschuld, zertretener Pflicht den Gefallenen für kurze Seligkeit endlos foltert: so öffnet dort nach wenig durchkämpften Stunreiche Aussicht in eine lohnende Welt. S c h u l d oder T o d ! Wie kann das denkende Wesen zweifelnd anstehen?

Von allen Seiten umgeben mich hier Menschen und Grundsätze aus einer sekte, die ich bisher, angesteckt von den Vorurteilen unserer schulen, und unsers öffentlichen Lebens, als ängstlich, die Kraft des Menschen lähmend und lächerlich schwärmend verachtete. Ich lebe unter Christen, ich lerne ihr System, ihre Lehrsätze genauer kennen, und es liegen Begriffe, Ansichten, Hoffnungen darin, die nicht bloss dem blinden Glauben, die selbst der vorurteilfreien Vernunft gross, edel, und höchst Wahrscheinlich erscheinen müssen. Tief aus der natur des Menschen geschöpft, auf seine mächtigsten Triebe gebaut, und mit seinen edelsten Kräften wirkend, steht ihr System da, und scheint, so weit ich es kenne, nichts als das deutlich ausgesprochene Resultat dessen, was unsere Weisen seit Jahrhunderten, zweifelnd und ahnend, in unzusammenhängenden Sätzen vortrugen. Wo diese in Dämmerung irrten, zeigt jene ihren Anhängern volles Licht; lehrt jene sie mit kindlicher Zuversicht glauben, und wer auch nicht von den Ihrigen ist, fühlt sich hingerissen und versucht, den Trost zu ergreifen, den sie anbietet. Es ist eine Zukunft, eine Vergeltung nach dem tod, und unser Schicksalsgewebe wird erst dort entwirret. Was zaudre ich, der Auflösung schneller zu nahen? Im Schlachtgetümmel ist der Tod in tausend Gestalten vorhanden, und auf dem Bette der Ehre, indem ich die Pflicht gegen mein Vaterland erfüllte, zerreisst ein mitleidiges Feindesschwert die Netze, die mich gefangen halten, und gibt meinem geist die Freiheit, ohne Widerstand glücklich zu sein! Dann hört der Zwiespalt in meinem inneren auf, das Gefühl des unheilbaren Schmerzens entströmt mit dem Leben der durchstossenen Brust, das stille Herz schlägt nicht mehr widerspenstig gegen seine Schranken, aller Streit ist geendet, aller Kampf Friede geworden! Und ich soll zaudern?

Wir haben Edessa verlassen. Ein paar Vorteile, die wir über den Feind errangen, öffneten uns den Weg bis hierher. Wir stehen vor Nisibis, das die Perser noch besetzt halten. Demetrius belagert es, und denkt es bald einzunehmen, besonders da er auf eine Verstärkung rechnet, die ihm Galerius sicher versprochen hat. Auch hierher musste ihm Larissa folgen, muss alle Gefahren und Beschwerlichkeiten mit ihm teilen, und nicht immer, o nur selten ersetzt ihr Schonung und Liebe die Ungemächlichkeiten, die wahrlich nur Liebe um der Liebe willen freudig auf sich nehmen, die die kalte Pflicht stets doppelt lastend fühlen muss. Das muss ich mit ansehen, fühlen, was sie leidet, mir bewusst sein, welches los sie an meiner Seite erwartet hatte, und schweigenund oft noch aus ihrem mund die Versicherung hören, dass sie nicht unglücklich sei! Phocion! Ich erkenne die Schönheit ihrer Gesinnungen, die zarte Schonung, die in dieser Verleugnung liegt, ich weiss, was sie damit erreichen will; aber es dient nicht, meine leidenschaft zu mässigen.

Ich habe es schon in Edessa versucht, von meinem platz loszukommen, und eine Bestimmung zu erhalten, die mich aus dem gefährlichen Kreise entfernte, in den ich mich, wie durch Zauber, gebannt sehe. Demetrius liess mich nicht von sich, ja er zog mich, unterrichtet von meiner Bekanntschaft mit seiner Frau, freundlich in den kleinen Zirkel, der ihn stets umgibt. Da sehe ich sie nun täglich, bin Zeuge ihrer Tugenden, ihres himmlisch schönen Kampfes, oft ihres Sieges, aber auch – o Phocion! hier liegt die Quelle meines unheilbaren Unglücks! aber auch zuweilen ihrer Schwäche. Sie liebt mich, ich weiss es, ich fühle es. Manchmal bricht die mühsam verhaltene Flamme hell und leuchtend aus ihrer reinen Brust. Als sie mir neulich meine wunde Hand verband, als sie, mit dem Ausdrucke der zartesten sorge um mich beschäftigt