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entziehen?

Meine erste Hoffnung auf Agatokles Entfernung ist ganz verschwunden. Demetrius Zuneigung zu ihm, und mehrere militärische Verhältnisse haben sie unmöglich gemacht. Dann hoffte ich auf die Zufälle des krieges, auf die notwendigkeit, dass mich Demetrius vom Schauplatz der Waffen werde entfernen müssen. kleine Gefechte vorgefallen, zweimal, sind die Unsrigen vorgerückt, aber im Ganzen bleibt die Lage der Dinge immer dieselbe, und jeder Vorfall trägt auf's Neue nach seiner Art bei, meine Kämpfe zu erschweren. So war die Scene, die gestern vorfiel. Agatokles kam mit Demetrius aus einem kleinen Gefechte zurück; beide waren leicht verwundet, und mir wurde die sorge auferlegt, sie zu verbinden und zu pflegen. Wie mir da zu Mute war, das verlange nicht von mir zu hören. Hier versagte auch seine Stärke, und sein dunkel glühender blick, der, während ich vor ihm stand, mein tränenvolles auge' entdeckte, und erschütternd in mein Innerstes drang, entüllte auch mir die ganze Tiefe seines Herzens. Ich fing an zu zittern, ich war so ausser mir, dass ich mich setzen musste. Mein Mann schalt mich; der Anblick des Blutes, glaubte er, habe diese Erschütterung hervorgebracht. "Du musst, dich überwinden lernen," rief er; "eine Soldatenfrau muss Blut sehen können: komm, verbinde meine Wunde." Ich stand auf, ich entschuldigte mich, und knieete gefasster hin, um seinen Fuss zu verbinden. Ich mochte meine Sachen ziemlich geschickt gemacht haben: denn er lobte mich zuletzt. Wie es aber war, das wüsste ich in jenem Augenblicke der Verwirrung selbst nicht.

Als ich aufstand, und mich nach Agatokles umsah, sah ich ihn am Fenster stehen, die Stirn fest daran gedrückt. Er hörte meine Annäherung nicht, ich hatte den Verband um seinen Finger noch nicht vollendet, und das musste ich doch. Ich redete ihn an. Wie erschrocken fuhr er empor, und, ach Junia! ich glaubte eine Träne in seinem Auge zittern zu sehen. Die meinigen fingen sogleich an hervorzuquellen. "Komm, Agatokles! sagte ich so gefasst als möglich, ich muss deine Hand ganz verbinden." Er folgte mir zu dem Tische, auf dem das Geräte lag, er setzte sich wieder vor mir hin, ich ergriff seine Hand, sie zitterte wie die meinige. Jetzt schlug er seine Augen auf mich, ich hatte nicht die Kraft, diesem Blicke zum zweitenmale auszuweichen. Ich wandte mein Auge nicht ab, ich liess es ihm in Tränen schwimmend sagen, was in meinem Herzen vorging. Er fasste meine Hand, und drückte sie an seine Brust. Jetzt brachen meine Tränen so ungestüm hervor, dass ich nicht mehr sehen konnte, was ich machte! Er schlug den Arm um mich, und sagte leise: O meine Larissa! wie ist es möglich, dir zu entsagen? Ich zitterte, dass mir die Sprache versagte. Der Gedanke an Demetrius Gegenwart, an die Möglichkeit, dass er uns gesehen haben könnte, fiel schreckend auf mich. Ich sah mich um, er stand zum Glücke abgewendet, aber Agatokles verstand meine Bewegung. Er zog seinen Arm schnell zurück, sein blick sank nieder, er hielt mir still die wunden Finger hin, und ich endigte mein Geschäft. Schmerzt es dich noch sehr? fragte ich ihn, als ich fertig war, und hielt seine Hand in meinen Beiden. Jetzt nicht, antwortete er, und sein blick erklärte mir den Sinn dieser Worte. Er drückte meine Hand noch einmal, und ging schnell aus dem Zimmer. Auch ich raffte mein Geräte zusammen, und eilte durch die andere tür fort in mein Gemach, wo heisse Tränen dem schmerzlichen und seligen Andenken dieser Scene flossen.

Und solche Auftritte stehen mir noch unzählige bevor! Ich sehe keine Rettung; denn Demetrius, der sehr strenge Begriffe von den Pflichten einer Gattin hat, und an tausend kleine häusliche Bequemlichkeiten gewohnt ist, fordert durchaus, dass ich ihn begleite, so lange als es mit meiner persönlichen Sicherheit bestehen kann. Ich habe von Weitem versucht, ihn von diesem Vorsatze abzubringen; aber die Heftigkeit, mit der er sich äusserte, zeigte, wie sehr ein offenbarer Widerspruch ihn aufbringen würde. Das darf ich denn nicht wagen; denn ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen seines Zornes, und auch, dies abgerechnet, ist es meine Pflicht, ihn zu begleiten, so lange er es fordert; denn ich habe es ihm vor Gott geschworen. Indessen fallen öfters auch schreckende Ereignisse vor. Schon zweimal wurde ichund zwar das eine Mal mitten in der Nacht von einem grässlichen Lärmen geweckt. Ein Offizier trat unangemeldet in mein Zimmer, und kündigte mir auf Demetrius Befehl an, dass ich mich fertig machen sollte, in einer Stunde mit allen meinen Leuten aufzubrechen; denn der Feind nähere sich, Demetrius sei ihm schon mit den Truppen entgegengegangen, da man aber den Ausschlag des Gefechtes nicht wissen könne, so fordere es meine Sicherheit, mich zu entfernen. Ich war so erschrocken, dass ich mich kaum fähig fühlte, die nötigen Befehle zu geben. Ach, waren nicht Demetrius und Agatokles in Todesgefahr? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ihnen entreissen? Nachdem aber Alles in Bereitschaft war, und ich nur auf den letzten Befehl harrte, verkündigte mir ein fröhlicher Tumult, und der Schall unserer Tuben2, die Rückkehr der Sieger. So ging diesmal die drohende Gefahr an mir vorüber. Aber