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als der, ihm Freude zu machen? Ist das auch recht? Soll mir meine Pflicht nicht das Heiligste und Erste sein?

Ach, es ist leider nicht! Rebellisch empört sich mein Herz gegen die vereinten Stimmen der Vernunft und der Religion. Ich liebe, ich liebe mit glühender Seele; ich habe, so lange ich lebe, nie ein anderes Bild in meiner Brust getragen, nie für einen andern Mann eine zärtliche Regung empfunden, als nur allein für ihn, für ihn, dem mein ganzes Wesen gehörtund ich bin die Frau eines Andern. O schrecklich, schrecklich! Was soll ich tun, Junia? Wer, hilft mir, mich vor mir selbst zu retten?

Am Abend desselben Tages.

Als ich heute Morgens so weit gekommen war, musste ich abbrechen, weil mein Gemüt zu zerrüttet war, als dass ich weiter hätte schreiben können. Seitdem hat anhaltende Arbeit und Gebet meinen Geist ein wenig beruhigt, und ich setze meine Erzählung fort. Den Tag darauf, als ich die Antwort an Agatokles abgesandt hatte, und mit schwerem Herzen h o f f t e – ach, dass ich das h o f f e n muss! – er würde gelegenheit finden, seinen Vorsatz auszuführen, und sich zu entfernen, kündigte mir Demetrius meinen Landsmann, als Gast, zur Tafel an. Die wenige Achtsamkeit, die er auf seine häuslichen Umgebungen, und auch auf mich zu richten gewohnt ist, war diesmal mein Glück; sie entzog seinen Augen den Schrecken, den mir seine Nachricht verursachte, und ich hatte Zeit, mich zu fassen, und hielt mich für ziemlich vorbereitet, als er ein paar Stunden darauf, mit Agatokles an der Hand, in den Speisesaal trat. Ach, es war ein Wahn! Der Anden, raubte mir beinahe die Besinnungwenigstens im ersten Augenblicke, das Vermögen, zu sprechen. Agatokles feste Stimmung beschämte mich. Er nahte sich mir mit aller Ruhe und Freundlichkeit eines alten geschätzten Bekannten, und sprach heiter und gesetzt mit mir. Mein Mann schien nach seiner Art vergnügt über unser Zusammentreffen, er war gesprächiger als gewöhnlich, man brachte die speisen, und wir legten uns zu Tische1. Agatokles zeigte eine Selbstbeherrschung, eine Kraft, die nach dem, was vorgefallen war, nach den Briefen, die wir gewechselt hatten, meine höchste Verwunderung erregte, an der meine Schwäche sich stärkte. Ich erhob mich endlich so weit, dass ich im stand war, an den leichten Gesprächen der Geselligkeit teil zu nehmen. O Junia! Was ist das für eine Heldenseele! Sie war meinund ich habe sie auf ewig verloren!

Von nun an werde ich Agatokles vielleicht noch öfters sehen müssen. Ob er sich entfernen kann, oder wird, ist mir jetzt unmöglich zu erfahren; denn ich kann und wollte auch um Alles in der Welt nicht, mit ihm darüber sprechen. – Und Demetrius, der, trotz seiner rauhen Aussenseite, für wahres Verdienst nicht unempfindlich ist, zeichnet ihn vor allen seinen Offizieren aus, er gibt seiner Entschlossenheit, seinem Eifer öffentlich das schönste zeugnis, und zieht ihn in den engen Kreis seiner Vertrauten, der so beschaffen ist, dass jeder seine Berufung dazu wohl als eine Ehre betrachten kann. Das ist nun der schwerste teil meiner Prüfung, das ist's, worüber ich dir im Anfange meines briefes so bitter klagte. Ach, ich wollte ja gern Alles anwenden, was in meiner Macht steht, um mein Herz zu beruhigen, und es nach und nach in das verlassene Geleise seiner Pflichten zurückzuführen; aber sehensehen muss ich ihn dann nicht immer, nicht aus jedem mund sein Lob hören, nicht den Ton seiner stimme, die Schönheit seiner Seele, die sich in jedem Worte, jedem zug malt, täglich im Innersten meines Herzens fühlen. Er ist stark, unbegreiflich stark; das kann ich nicht! Ach wir Weiber sind in dieser Rücksicht gar unglückliche Geschöpfe. Wenn der Mann im Waffengetümmel, im Geschwirre des Gerichtssaals, im Drange der Geschäfte Augenblicke genug findet, wo seine leidenschaft schweigt, weil sie schweigen muss; wenn eben diese anstrengenden Geschäfte, alle seine Geisteskräfte auffordernd, seiner Phantasie keinen Spielraum lassen, und alle auf ein würdig grosses Ziel gerichtet, durch diese Tätigkeit ihn ergötzen, und zerstreuen, was bleibt uns übrig? In der Einsamkeit des Gemachs, nur von dienenden Geschöpfen umringt, schweift am Webstuhl und Spindel, der Geist ungehindert umher, und jedes schmerzliche Gefühl hat recht lange und ungehindert Zeit, sich in unsere Brust einzugraben. Selbst Gebet und Lesen beschäftigt, nur halb, und mitten im würdigen Fluge der Andacht, oder auf dem Fittige eines schönen Gedankens entflieht der verwirrte Sinn zu dem Gegenstand, auf den alles Würdige und Schöne eben erst recht hinweiset.

Einige Tage später.

Wenn ich nur eine Freundin, einen Ratgeber hier um mich hätte, der meinem Herzen das wäre, was du und Teophron mir in Apamäa waren! An deiner Stärke würde ich mich halten; sein himmlischer Sinn würde den meinigen von der Erde und den irdischen Gegenständen, an denen er strafbar hängt, abziehen, ich würde Kraft zu meiner Pflicht, und in der Ausübung derselben die Beruhigung finden, die meine jetzige Stimmung unmöglich gewähren kann. O sollte denn der Ewige ein Wohlgefallens daran haben, mich arme ganz sinken zu lassen, und mir in einer Lage, wo ich so gar nichts zu meiner Rettung tun kann, auch alle fremde hülfe