die vergeltende Vorsicht durch das emporsteigende Glück meiner beiden Brüder, und die Beruhigung meiner Eltern, die mit frohen Aussichten für ihre Kinder ruhig starben, belohnt hat. Nach meines Vaters Ableben, als man seine Schriften durchsuchte, fanden sich alle meine Briefe an dich, die er durch den Freigelassenen, der mein Vertrauter war, aber den Zorn meines Vaters fürchtete, in die hände bekommen, und nie abgesandt hatte. So wie nun dieser Mann mir mit Tränen gestand, war ein tiefer Hass Schuld an diesem Verfahren, den der Entschlafene gegen deinen Vater trug, indem er ihm, wo nicht e i n e n teil an seinem Unglück selbst, doch eine unverzeihliche Lässigkeit im Abwenden desselben, beimass. Nun wusste ich auch, warum ich durch fünf Jahre nichts mehr von dir gehört hatte!
Zwar beruhigte mich der Gedanke, dass du keinen von den Vorwürfen verdientest, die ich dir oft in bittern Stunden gemacht hatte: aber desto deutlicher sah ich ein, dass eine so lange Trennung und gänzliche Unwissenheit über mein Schicksal auch das kleinste Band gelöset haben musste, das dich vielleicht noch an mich band. Ueberdies war ich die Gattin eines Andern, und eine Christin. Bei uns sind die Ehen keine bürgerlichen Verträge, es sind heilige Bündnisse, durch hohe Eide vor dem Altar des Ewigen versiegelt, durch Priestershand geschlossene Verbindungen für's ganze Leben, ein heiliges Versprechen, sich nie zu verlassen, Glück und Unglück mit einander zu teilen, und keine Scheidung findet Statt, als nur durch den Tod. Hier ist nicht bloss förmliche Untreue, hier ist auch jede zärtliche Empfindung für einen andern Gegenstand Verbrechen, und in der Brust einer christlichen Gattin darf kein anderes Bild leben, als das des Gatten, den ihr der Himmel gegeben hat. Das Alles musste ich dir sagen, Agatokles! damit du mein Betragen seit dem ersten Augenblicke unsers Wiedersehens verstehen, und richtig beurteilen könnest. Dein Brief hat mich gerührt und erschüttert. Glaube nicht, Freund meiner Jugend! dass es mir gleichgültig ist, ob der edelste Sterbliche, den ich je kannte, mich noch seiner Liebe wert hält oder nicht: aber eben so sehr muss es mir am Herzen liegen, mich sowohl in seinen Augen zu rechtfertigen, als jeden Versuch zu machen, den Schmerz, der ein so edles Gemüt ergriffen, zu mindern, und die Kräfte, die in ihm liegen, hervorzurufen, damit es ein unabänderliches Schicksal gelassen ertrage. Denke, mein Freund! an die Lehren der weisen Heiden, die wir einst mit einander bewunderten; erinnere dich der Vorsätze, die du damals oft mit glühender Seele fasstest, alle äusserlichen Zufälligkeiten, aber zuerst dich selbst zu besiegen. O, dass ich dir noch dringendere Aufforderungen, die meine Religion mir bietet, sagen dürfte!
Wenn es einen teil deiner Beruhigung ausmachen kann, über meine Lage unbesorgt zu sein, so wisse, dass du dir von meinem Loose, als Frau des Demetrius, falsche Begriffe machest. Ich bin nicht unglücklich verheiratet, mein Gemahl achtet und ehrt mich; das wird dir die Art bezeugen, wie man mir im haus begegnet. Liebe kann ich nicht fordern; glaube aber meiner Erfahrung, sie ist zu unserem Glücke nicht notwendig, und ich bin mit meinem Schicksale zufrieden. Nur Ein Wunsch bleibt mir jetzt übrig, der – auch dich ruhig zu wissen. Glaubst du dies durch deine Entfernung bewirken zu können, so tue die nötigen Schritte. Geh, mein Freund! – Verlass einen Ort, der zu vielen Anlass zur Unruhe, zu quälenden Erinnerungen für dich entält! Lass mich dann, wenn es dir gelungen ist, deine Ruhe herzustellen, aus der Ferne diese tröstliche Nachricht vernehmen, und sei versichert, dass sie nicht wenig zu meiner Zufriedenheit beitragen wird. lebe' wohl! Antworte mir nicht auf diesen Brief. Es ist weder nötig, noch gut, dass wir oft von unsern Gefühlen mit einander reden. Gott, der unser Schicksal auf so unbegreifliche Weise geführt, und unser Wiedersehen gewiss aus weisen Absichten veranstaltet hat, wenn wir es gleich jetzt nicht einsehen, wird dich auf deinen Wegen leiten und schützen. Auch mein heisses Gebet wird dir überall folgen, und wenn einst der höchste, der einzige Wunsch, dessen mein Herz noch fähig ist, erfüllt werden sollte, wenn die Lehren der Kirche, in denen ich Beruhigung gefunden habe, auch in deiner Seele Eingang finden könnten: o Agatokles! wie wollte ich den schmerzlichen Augenblick unsers Wiedersehens preisen, und die Leiden segnen, die er mich kostete! lebe' wohl! Das ist Larissens Brief. Es war mir eine süsse, eine traurige Beschäftigung, ihn für dich abzuschreiben; es war mir ein Trost, aus so manchen Stellen zu ahnen, zu erraten, dass sie mich nicht vergessen hat; dass sie mich vielleicht eben so heiss liebt, als ich sie! – aber antworten darf und kann ich nicht. Was sollte ich ihr auch sagen? Ich kann nichts, als meinen unendlichen Verlust fühlen, der in jeder Zeile, in der sich dieser reine Sinn, diese himmlische Güte abmalt, mir schrecklicher erscheint. Aber welche Religion muss das sein, die dem Menschen solche Begriffe von Pflicht, und einer zarten weiblichen Seele so viel Kraft, ihr treu zu bleiben, erteilt? Ich verabscheue sie in diesem Augenblicke; denn sie raubt mir jede Hoffnung – und ich muss sie im nächsten bewundern. lebe' wohl, Phocion! Wenn ich