wenn sie uns gleich schwere Pflichten auferlegt, so gibt sie uns doch selbst durch die Grösse ihrer Forderungen ein erhebendes Gefühl unserer Würde, ein Vertrauen auf unsere Kraft, und bietet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnisvollen Ceremonien so sanfte Tröstungen, so überirdische Stärkungen an, dass der wahre Christ gewiss auch immer im stand sein wird, die Lasten zu tragen, die seine Religion ihm auferlegt.
Doch genug von den Beweggründen, die mich zur Annahme meiner Religion bestimmten, und den Veränderungen, die sie in meiner Denkart machte. Ich wollte ja nicht dich zum Proselyten machen, ich wollte bloss dir Alles treu und deutlich vortragen, woraus du dir meine Handlungsweise erklären sollst. Meine Mutter ward meine Vertraute. Die Ursachen, die mich in den Schooss der Christenheit riefen, äusserten bald dieselbe Gewalt über sie; auch sie suchte Trost und Stärkung, und fand sie, wie ich. Wir empfingen Beide von Teophron, der einer von den Aeltesten der Gemeinde war, die heilige Traufe, und wurden in den Bund der Kinder Gottes aufgenommen. Dem Vater, der zwar nicht eigentlich am Götterdienst hing – denn dazu war er zu aufgeklärt – der aber, nach dem Beispiel des Hofs und der Welt, die christliche Religion als eine Religion der Armen und Unglücklichen verachtete, musste der Schritt verborgen bleiben. Er konnte es um so leichter, da mein Vater meist nicht zu haus war, und sich im Ganzen, wenn nur seine Befehle vollzogen wurden, wenig um uns bekümmerte. Wir besuchten heimlich die Versammlungen unserer Kirche, und wohnten den Agapen bei, einer schönen Sitte, die deinem Herzen gewiss teuer werden wird, wenn ich dir sage, dass die ganze Gemeinde ohne Unterschied der Stände hier mit einander öffentlich speiset, die Reichen die speisen bringen, die Armen teil daran nehmen lassen, und bei solchen Gelegenheiten überhaupt Collecten gemacht, und Einrichtungen und Veranstaltungen zum Besten der Armen und Leidenden aus derselben oder einer andern Gemeinde, getroffen werden.
Bei diesen Versammlungen lernte ich zuerst eine andere Christin, Junia Marcella, eine angesehene Frau in Apamäa, kennen. Mit achtundzwanzig Jahren witwe eines angebeteten Gemahls und Mutter von sechs unerzogenen Kindern, widmete sie im Bewusstsein ihrer Kraft sich und ihr grosses Vermögen der Erziehung ihrer Waisen und den Bedürfnissen und Sorgen ihrer Gemeinde. An diesem reichen Herzen, das Raum genug für die Leiden und Freuden aller seiner Mitmenschen hatte, an diesem milden und richtigen verstand erhob sich mein gebeugtes Wesen, und ich fand endlich, was mir so lange gefehlt hatte, eine weibliche Seele, die mich ganz verstand, der ich auch jene Gefühle entüllen konnte, die Verschiedenheit der Jahre und des Geschlechts mich vor Teophron, vor Apelles, selbst vor meiner Mutter verbergen hiess. O wie wohl ward mir in Juniens Umgange! Wie erweiterte sich meine gepresste Brust! Wie erschien die erhabene Religion, zu der auch sie sich bekannte, in ihrem Wesen und Handeln auf eine ganz eigene und verehrungswürdige Weise! In ihrem haus sah ich Demetrius zuerst, der ebenfalls ein Christ war, und zu jener Zeit mit seinen Truppen in Syrien stand. Junia, obwohl nicht mehr in der Blüte der Jugend, besass Reize genug, um den bejahrten Helden zu fesseln. Er warb um ihre Hand. fest entschlossen nur ihrer Pflicht zu leben, schlug sie diesen Antrag aus. Jetzt richtete Demetrius sein Auge auf mich, mein Aeusserliches schien ihm die Eigenschaften zu versprechen, die er von seiner Gattin verlangte. Er fing an unser Haus zu besuchen. Mein Vater ward um diese Zeit kränklich. Langes Unglück und heftige Leidenschaften hatten seine Kräfte aufgerieben, er erholte sich nicht, und welkte vor der Zeit dahin. Die Sorgfalt, mit der mein Vater gepflegt wurde, liess den Demetrius vielleicht für sein herannahendes Alter gleiche Treue erwarten; er entschloss sich, und liess durch Apelles um mich werben. Meinem unglücklichen Vater, der seinen Zustand und die Verlassenheit seiner Familie nach seinem tod kannte, erschien dies Anerbieten als das höchste Glück, das er hiernieden noch zu erwarten hatte. Er willigte sogleich ein, und nur, nachdem Alles zwischen ihm und Demetrius richtig geworden war, liess er mich rufen, und verkündigte mir mein Schicksal. Ich erschrak, ich beschwor meinen Vater, sein Wort zurückzunehmen. Nie gewohnt, unsern Bitten zu weichen, war es auch diesmal vergebens, und nur die Heiligkeit und Unauflöslichkeit des Ehebandes unter den Christen konnte mich bestimmen, diesen letzten Versuch zu machen, von dem ich mir im Voraus wenig versprach. Ich wurde krank. Junia und Teophron besuchten mich treulich, ihnen vertraute ich meine Leiden. Junia, eingedenk der Seligkeit ihrer Ehe, und fest überzeugt, dass sie mir in einer so ungleichen Verbindung nicht werden könnte, bot sich an, mit meinem Vater zu sprechen; auch Teophron und Apelles verhiessen mir ihren Beistand. Sie taten, was sie konnten – nie wird es ihnen mein Herz vergessen. Es war fruchtlos. Nun, da jedes Mittel, meinen Vater umzustimmen, versucht, und vergeblich befunden war, unternahm es Junia, mein Herz auf den wichtigen Schritt, den ich zu tun hatte, mit Kraft und Entschlossenheit vorzubereiten; und der würdige Teophron goss so viel Beruhigung in meine zagende Seele, dass ich nach einigen Tagen gefasst genug war, den Willen meines sterbenden Vaters zu vollziehen, und mich für die Meinigen zu opfern. So wurde ich Demetrius Frau, und habe noch bis jetzt keine Ursache gehabt, einen Schritt zu bereuen, den mir