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Nachricht von dir zu erhalten. Ich schrieb wieder, teils gerade an dich, teils unter verschiedenen Aufschriften an alle alten Bekannten in Nikomedien, auf deren Wohlwollen und Verschwiegenheit ich zählen konnte. Es war fruchtlos. Ein ganzes Jahr verging unter steter Abwechslung von Hoffnung und Niedergeschlagenheit. Ich bekam keine Antwort. Dein Tod oder eine gänzliche Vergessenheit, das waren die zwei einzigen Möglichkeiten, zwischen denen meinem bangen geist die Wahl blieb, und in beiden lag keine Aufmunterung für ein tiefgebeugtes Herz. Mit stiller Ergebung, deren ich schon gewohnt war, gab ich auch diese letzte Aussicht auf, und lebte, in mich gekehrt und geduldig, mein freudenloses Dasein hin.

Es kamen immer mehr Fremde in unser Haus, die teils meines Vaters Geschäfte, teils sein wieder erwachender Hang zum geselligen Leben an uns zog. Für mich waren die Meisten gar nichtsunbedeutende Gestalten, die höchstens durch Handelsverhältnisse irgend einen Wert bekamen. Nur zwei Männer unterschied ich allmählich unter der ziemlich grossen Anzahl Bekannten. Der Eine war ein ehrwürdiger Greis, der Andere ein Mann von mittleren Jahren, aber in allem Feuer, aller Kraft der Jugend. Ein angenehmer Umgang, ein vielseitig gebildeter Verstand und Menschenkenntniss mussten sie Jedem, der mit ihnen umging, wert machen; für mich hatten sie noch etwas Anziehenderes. Es lag eine sanfte Heiterkeit, eine schöne Gelassenheit m ihrem Wesen, die bei dem Greise Teophron die Bitterkeit des Alters milderte, und bei Apelles, dem jüngern, die feurig aufstrebende Kraft in strengen Schranken hielt. Beide waren mir unendlich schätzbar, und wenn Apelles Erzählungen von Allem, was er auf weiten Reisen gesehen und erlebt hatte, die Lebhaftigkeit seines Geistes mich belehrte und unterhielt, so flösste Teophrons ruhige Weisheit, sein himmelwärts gewendeter Sinn mir süsse Ruhe und Trost ein. Bald hatte ich auch gelegenheit zu bemerken, dass ihre Tugend nicht bloss in schönen Gesinnungen bestand, sondern sich wirksam durch Menschenliebe, Wohltätigkeit und rastlosen Eifer für die Unglücklichen, die bei ihnen hülfe oder Trost suchten, zeigte. Ich war bemüht, mir den Umgang dieser beiden Männer so viel als möglich zu Nutze zu machen; und nach vier freudenlosen Jahren, wo, ich kann es mit Wahrheit bezeugen, der Tag mir glücklich schien, an dem keine neue Ursache meine Tränen fliessen gemacht hatte, empfand ich zum erstenmal die Regungen eines erheiternden Gefühls, und wagte es, den würdigen Greis zum Vertrauten, nicht meiner Schicksale, denn die mussten aus Familienabsichten verschwiegen bleiben, sondern meiner mutlosen gedrückten Seele zu machen. Agatokles! O dass ich jedem leidenden Herzen die himmlische Wohltat der Tröstungen verschaffen könnte, die von den Lippen dieses Mannes in meine wunde Brust strömten! Solche Beruhigungen, solche Aussichten, solche Stärkungen kann nur der erteilen, der in den erhabenen Geheimnissen unterrichtet ist, woraus Teophron die seinigen schöpfte. Er leitete meinen Geist vom Irdischen weg, und eröffnete mir eine Aussicht in die Zukunft jenseits des Grabes, von einer Art, wie man sie weder in den Begriffen der herrschenden Volksreligion, noch in den Systemen der Philosophen findet. Er liess die unglücklich Verbannte, die auf dieser Erde nichts mehr zu hoffen hatte, in eine schönere Welt des Lichts und unvergänglicher Freuden schauen, die dem milden Dulder offen stand. Dort sollte ich die hier verlorenen Lieben wieder finden, dort von keinem feindlichen Geschicke mehr getrennt, sollte im Angesichte des Allmächtigen in verklärten Leibern, in Betrachtung seiner unendlichen Eigenschaften, seiner bewundernswürdigen Werke ein Leben beginnen, dessen Gränze nur die Ewigkeit war. O Freund meiner Jugend! Welche Bilder, welche Hoffnungen! Wie wäre es möglich, dass ein zerrissenes Herz, das seine Freude nur jenseits des Grabes finden konnte, sich solchen Lehren hatte verschliessen können? Ich nahm sie freudig, gläubig an. Bald ging ich weiter. Jetzt von Teophrons sanfter Weisheit geleitet, und von Apelles feuriger Beredtsamkeit hingerissen, machte ich grosse Fortschritte in erkenntnis der neuen Wahrheit, der tröstlichen Lehren und erhabenen Geheimnisse, worin sie mich unterrichteten. Ich lernte, wie sie, die Menschen als meine Brüder, als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaters ansehen, ich lernte sogar meine Feinde lieben, und für die beten, die mich unglücklich gemacht hatten. Mein Herz erweiterte sich, meine Ansichten der Menschheit und ihrer Schicksale erhoben sich, die Truggestalten niedriggesinnter Gotteiten, denen ich längst nicht mehr aus überzeugung, nur aus Gehorsam geopfert hatte, verschwanden vor meinem aufgehellten Blicke. Ein einziger, allweiser, allmächtiger, allgütiger Geist erschuf, erhielt, und beherrschte die Welt. Tartarus und Elysium waren nicht mehraber dieser grosse Geist lohnte und strafte als vergeltender Richter nach dem tod. Diese und noch viele andere Lehren, die dir mitzuteilen nicht erlaubt ist, entüllten mir Teophron und Apelles, und ich ward eine Christin! Du wirst ohnedies schon längst erraten haben, dass die beiden Männer zu jener Secte gehörten, welche seit ein Paar hundert Jahren von Palästina und Syrien aus, wo ihr göttlicher Stifter, unbekannt und verfolgt, gelebt und gelehrt hatte, und endlich als Opfer seiner Feinde fiel, sich über die Welt zu verbreiten angefangen hat. Ja, Agatokles! Ich ward eine Christin! Die Lehren, die, ehe ich sie kannte, mich mit Schauer erfüllten, machten jetzt mein Entzücken aus! Ich ergriff sie mit heisser Begierde. O mein Freund! Das Christentum ist die Religion der Unglücklichen! In ihren Schooss soll jeder Leidende sich flüchten; sie hat Balsam für alle Wunden, die keine Menschenhand zu heilen vermag; und