dann fühle mit mir das rettungslose Unglück meiner Lage, den unendlichen Verlust eines solchen Herzens!
Larissa an Agatokles.
(Im vorigen eingeschlossen.)
Wenn ich dem zug meines Herzens hätte folgen wollen, das mich durch die natürlichen Triebe der Selbstachtung, der Eitelkeit, wenn du willst, anreizte, mich in den Augen eines schätzbaren Freundes zu rechtfertigen, und meine Verteidigung so warm und eifrig zu unternehmen, als seine Vorwürfe waren: so hättest du bereits gestern Antwort von mir bekommen. Da es mir aber nicht bloss darum zu tun ist, für den gegenwärtigen Angenblick, sondern auch für die Zukunft Alles zwischen uns so klar und bestimmt auszumachen, dass auf keiner Seite ein Zweifel oder eine Furcht vor Rückfällen möglich wäre: so musste ich zuerst in die Tiefe meiner, nicht erfreulichen Vergangenheit hinabsteigen, und begebenheiten hervorrufen, deren Andenken meiner Seele zu unangenehm ist, als dass ich sie ohne inneren Kampf betrachten, und dir, mein Freund, ordentlich erzählen könnte. Es ist notwendig, dass du meine geschichte kennst, um mein Betragen zu beurteilen, und das deinige darnach einzurichten.
Als vor acht Jahren mein Vater, an dessen etwas starken Hang zu Pracht und Wohlleben du dich noch erinnern wirst, durch einen ungerechten Richterspruch seine bürgerliche Ehre, sein Vermögen, sein Vaterland verlor, und sich arm, hülflos, verachtet, mit drei unerzogenen Kindern in die weite Welt hinausgestossen sah; da goss dieses Unglück eine solche Bitterkeit in sein Herz, und veränderte seine Sinnesart so gänzlich, dass er fast in allen Dingen das Widerspiel von dem zu sein schien, was er ehemals war. Finster, unfreundlich, oft sogar hart, flüchtete er mit uns in die Gebirge von Armenien, wo ihm ein alter Verwandter lebte, der ihm eine Zuflucht im Unglücke versprochen hatte. Man nahm uns auf, wie unempfindliche Reiche die Armut aufzunehmen pflegen, die bei ihnen hülfe sucht – nicht in das Haus meines Gross-Oheims, nicht an seinen Tisch, viel weniger in sein Herz. Gnadenbrod zu essen, dazu war mein Vater zu stolz, er wurde also auf ein Landgut des Vetters, als Aufseher, Verwalter, mit vieler Arbeit und kargem Lohne gesetzt. Hier in einer rauhen Gebirgsgegend, in einer schlechten Hütte, mit kaum mehr als Sclavenkost genährt, in Sclaventracht gehüllt, musste der Mann leben, der einst unter dem schönsten Himmelsstrich von Kleinassen, in einer glänzenden Stadt, ein Leben, durch alle Reize der Kunst und Pracht verschönert, geführt hatte. Der Abstand war zu grausam. Die letzte Spur von Gleichmut entfloh aus der Brust meines unglücklichen Vaters. Missverständniss, Unverträglichkeit, Ungeduld, Mutlosigkeit zogen in unsere Hütte ein, und es begann ein Leben für uns, das nicht viel von dem Zustande derjenigen verschieden war, die, wie unsere Vorältern glaubten, die Strafen ihrer Sünden im Tartarus abbüssen. Lass mich schnell über den trübsten Zeitpunkt meines Lebens hingleiten! Mein Aufentalt in den Gebirgen von Armenien ist ein grauenvoller nächtlicher Abgrund, in den zu blicken mir noch jetzt schauderhaft ist.
Endlich nach drei Jahren schien der Himmel, von welchem wir uns gänzlich vergessen glaubten, sich unser zu erbarmen. Obwohl in der Einsamkeit seiner Berge, hatte meines Vaters Geist doch Mittel gefunden, allerlei Bande zwischen sich und der Welt, die ihn ausgestossen hatte, wieder anzuknüpfen. Er führte lange Zeit einen geheimen Briefwechsel mit einem Freunde, der in Syrien lebte. Eines Tages trat er mit einer Miene, die wir lange nicht so freundlich gesehen hatten, in unsre Hütte. Packt eure Sachen zusammen, rief er, morgen reisen wir aus diesem Orte des Elends ab. Wohin? wie? warum? das waren fragen, die, so sehr sie uns auch drängten, Keines sich zu wachen traute. Es wurde gepackt – die Armut ist bald fertig – und den andern Tag machten wir uns, mein Vater und die Brüder abwechselnd auf dem einzigen Maultier, das wir besassen, meine Mutter und ich in einem schlechten Fuhrwerke auf den Weg. Die Beschwerlichkeiten der Reise, die Leiden meiner Mutter lass mich ebenfalls übergehen. Genug, wir langten in Apamäa1 an. Hier mietete mein Vater ein kleines, aber nicht unbequemes Haus, und aus Quellen, die mir damals unbekannt waren, die ich aber späterhin nicht ohne Grund der Tätigkeit seiner Freunde in Nikomedien, die die Ueberbleibsel seines Vermögens gerettet hatten, zuschrieb, flossen uns nach und nach immer mehr Bequemlichkeiten, und endlich einiger Wohlstand zu. Mein Vater führte einen fremden Namen, galt für einen Kaufmann aus Armenien, und Tracht und Sprache, die er sich während jener drei Jahre ganz eigen gemacht hatte, liessen keinen Verdacht entstehen. Er trieb Handelsgeschäfte, wie es schien; denn wissen durften wir nichts von seinen Verhältnissen. Uebrigens wäre unsere häusliche Lage, besonders für mich, deren Wünsche nie gross waren, recht erträglich gewesen; hätten nur mit der Erweiterung unsers Haushalts sich auch unsere Gemüter gegen einander aufgeschlossen, Liebe und Eintracht zugleich mit dem Wohlstand unter uns gewohnt.
An dich hatte ich im ersten Jahre unserer Verbannung oft, sehr oft geschrieben, mit banger Ungeduld auf Antwort geharrt – und immer vergebens. Endlich hörte ich auf zu schreiben, und in der Tiefe meines Kummers blieb mir nur die leise Hoffnung übrig, dass Briefe aus einem so abgelegenen Winkel der Erde wohl leicht den Weg verfehlen, und den nicht erreichen konnten, für welchen sie bestimmt waren. Sobald wir in Apamäa angekommen waren, erneuerte ich meine Versuche,