über mich zu verhängen für gut fände, wenn ich sein edles Herz von dieser Last befreien könnte! Der Gedanke, noch so treu, so warm von dem Besten aller Menschen geliebt zu sein, war in dem ersten Augenblicke mir eine Quelle unaussprechlicher Freuden – ist's noch manchmal in einer schwachen Stunde: aber ich kann es vor Gott bezeugen, dass den grössten teil der Zeit, die seitdem verflossen ist, mein zerrissenes Gemüt mit inniger überzeugung wünscht, dass er mich vergessen, dass er seine Ruhe wieder finden, und so glücklich werden möchte, als sein Herz verdient!
Was kann – was soll ich jetzt tun? Mein Gewissen ruft mir oft genug zu, dass jeder leidenschaftliche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflichten gegen Demetrius ist, dem ich vor Gottes Angesicht Treue und Liebe bis an den Tod geschworen habe. Nun – Liebe konnte ich nicht geben, und Demetrius in seinen Jahren verlangte sie auch nicht; aber die Treue bin ich verpflichtet zu halten, und diese bricht nicht bloss das äusserste Vergehen, zu dem ein Weib herabsinken kann, es bricht sie auch die allzuzärtliche Neigung für einen Andern. Diese überzeugung und die achtung für meine Pflicht war bis jetzt lebendig genug, um mir Kraft zur Befolgung des Weges zu geben, den ich mir als den einzig richtigen vorgezeichnet habe. Ich habe Agatokles seitdem nicht mehr gesehen. Die Erschöpfung, in welcher ich mich seit jener Scene befinde, und die wahrscheinlich an Krankheit grenzt, hat mir bis jetzt zum schicklichen Vorwand gedient, nirgends zu erscheinen, wo ich ihn treffen könnte. Was das mich kostet, weiss nur Gott, vor dessen Vaterblicke ich mein wundes Herz entülle, der allein Zeuge meiner einsamen Tränen ist. Aber wie werde ich es in der Länge behaupten können? Agatokles dient unter den Truppen, die dem Befehl meines Mannes gehorchen; er ist seit einigen Tagen zu seinem Legaten ernannt worden, er wohnt in unserm haus, ich kann es in die Länge nicht vermeiden, ihn zu sehen, und mit ihm umzugehen. Demetrius Gemütsart, die sich langsam und schwer an neue Gegenstände gewöhnt, machte ihn im Anfange auch gegen Agatokles rauh. Du kannst aus meiner Unwissenheit über seine Gegenwart in unserm haus schliessen, wie wenig Aufmerksamkeit ihm Demetrius schenkte. Das fängt an sich zu verlieren. Ich höre meinen Mann oft, und immer mit grösserer achtung von den Fähigkeiten, den vorzüglichen Sitten, der Entschlossenheit u.s.w. seines neuen Legaten sprechen. So wohl mir dieses zeugnis für Agatokles Tugenden aus dem mund eines so strengen Richters tut, so sehe ich doch den Augenblick herannahen, wo er ihn in den Kreis der Wenigen ziehen wird, die er mit seinem Vertrauen beehrt, und gern und oft um sich hat. Was bleibt mir dann für eine Zuflucht übrig! Welche Kämpfe stehen mir, welche Leiden dem Unglücklichen bevor, dem ich so gern jedes unangenehme Gefühl ersparen möchte! Es wird nicht dabei stehen bleiben, es wird zu fragen, zu Erklärungen kommen, die ich nicht vermeiden, und eben so wenig ganz nach der Wahrheit geben kann. Das ist's, wovor ich zittere, wovor mein Innerstes sich entsetzt.
Ich habe eine Weile angestanden, ob ich Demetrius sagen sollte, dass Agatokles und ich uns schon als Kinder gekannt hätten. Ich wog die grund dafür und dawider, endlich siegte der Wunsch, kein geheimnis vor dem mann zu haben, dem das erste Recht auf Alles, was mich betrifft, zukömmt, und die Besorgniss, dass eben die Verheimlichung, wenn ein Zufall uns verriete, ihm Verdacht einflössen könnte. Ich erzählte ihm Alles offenherzig, und verschwieg nur den Grad der Empfindung, der uns damals belebte. Das war, glaube ich, eben so sehr meine Pflicht, besonders bei dem festen Vorsatz des mutigsten Kampfes wider diese Empfindung. Er nahm diese Entdeckung nach seiner Art recht freundlich auf, und ich fürchte nur, dass eben diese Kenntniss ihm den Jugendgespielen seiner Frau noch näher bringen, und den Augenblick des Wiedersehens beschleunigen wird. Dies ist nun aber nach der Lage der Umstände nicht zu vermeiden, und Gott wird mir die Kraft geben, eine Last zu tragen, die er mir selbst aufgelegt hat. Er fordert ja nicht mehr von uns, als wir leisten können. Meine Junia! Nun habe ich dir Alles treulich erzählt, und es ist mir, als ob ich meinen Kummer leichter trüge, seit ich ihn dir vertraut habe, seit ich weiss, dass du ihn, wenn du den Brief wirst gelesen haben, mir tragen helfen wirst. Bete für mich, dass Gott mich nicht verlässt. Auf ihm allein steht meine Hoffnung, meine Zuversicht. lebe' wohl!
Fussnoten
1 Die ehrbaren und wirtlichen Frauen jener Zeit folgten noch dem Beispiele der vergangenen Jahrhunderte, wo die vornehmsten Matronen, ja selbst Fürstinnen und Kaiserinnen die Wolle zu den Kleidern und Mänteln ihrer Gatten und Söhne selbst zum Weben zubereiteten, auch wohl selbst webten. So verfertigte Livia die Gewänder des Octavianus Augustus als er bereits Herr der Well war. Jeder kennt aus dem Homer den listigen Fleiss der frommen Penelope, und das Körbchen mit Spindeln von Purpurwolle, das Helena bei sich stehen hatte, wie Telemachos ihren Hofbesuchte, um Kunde von seinem entfernten Vater einzuziehen. So ein Körbchen hiess Calatos oder Calatiskos und war oft ein Gegenstand des Luxus bei vornehmen Frauen.
19. Agatokles an Phocion.
Edessa, im Junius 301.
Das Rätsel ist gelöset