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Sie tut es nicht: also will sie nichtalso bin ich ihr nichts, gar nichts mehr! – O Phocion! Das ist denn nun die ersehnte Entwicklung lange verwirrter Schicksale! lebe' wohl!

Fussnoten

1 Edessa, eine Stadt in Mesopotamien.

18. Larissa an Junia Marcella.

Edessa, im Junius 301.

Mit schwacher, unsichrer Hand, kaum fähig meine Gedanken zu ordnen, schreibe ich dir, geliebte Freundin! Vielleicht wirst du Mühe haben, die Züge meiner Schrift zu lesen; aber ich finde eine Art von Beruhigung darin, dir zu sagen, was in mir vorgeht, und dich in diesen trüben Stunden um Rat und Trost zu bitten. Dies, und heisse Gebete, unbedingte Unterwerfung unter die Hand desjenigen, der züchtigt, weil er liebt, ist für jetzt Alles, was mir übrigt, um nicht zu unterliegen.

Fünf traurige Jahre der Trennung und mannigfacher Leiden, unter Mangel, häuslichem Zwist und Härte fremder Menschen waren vergangen, ohne dass es meinen glühenden Wünschen, meinem heissen Gebete gelungen wäre, das vom Himmel zu erlangen, was allein mein höchstes Gut ausmachte. Warum es nicht geschah, welche Leidenschaften, welche Zufälle sich in's Spiel mischten, um das stille Glück eines armen Herzens zu zerstören, weisst du. Lass mich schweigen! Das Grab bedeckt unsre Tugenden und unsre Fehler mit gleich dichter Hülle. Genug, es war nicht Gottes Wille! Da reichte ich am Sterbebette eines unglückliund Liebe hatte ich alle Ansprüche aufgegeben. Warum sollte ich nicht, mit dem Opfer meines verödeten Herzens, meiner verlassenen Familie eine Stütze, dem sterbenden Vater den letzten Trost, mir selbst einen anständigen Wirkungskreis für meine Bestimmung als Weib erkaufen? drei Jahre lebe ich an der Seite dieses Mannes, drei Jahre erdulde ich schweigend, was ein herrisches Gemüt und kriegerische Sitten einer Frau von so verschiedener Denkart Schweres auflegen können. Ich hatte errungen, was ich suchtedie achtung meines Gemahls. Ich opferte Gott meine Leiden auf, ich erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe, ich war ruhig; denn in mir war Friede.

Vier Tage sind es nun, als ich eines Nachmittags einsam in einer dunkeln Laube des Gartens sass, der die Villa umgibt, in welcher das Hauptquartier unsers Heeres, und für jetzt mein Aufentalt ist. Ich war mit Zurechtmachung der Wolle1 zu einem Waffenmantel für Demetrius beschäftigt. Jenes Körbchen, das du kennst, das einzige Ueberbleibsel einer bessern Zeit, stand neben mir auf dem Tische, und meine Gedanken irrten in weiten Fernen, als man mich eines Geschäftes wegen in's Haus zurück rief. Nach einer Weile kam ich wieder, und ging auf die Laube zu. Der Anblick eines fremden Mannes, der am Tische stand, und meinen Arbeitskorb betrachtete, machte mich stutzen. Ich liess den Schleier nieder, und trat näher. O meine Freundin! Wie soll ich dir meine Ueberraschung, meinen Schrecken, und mein Entzücken schildern, als jeder blick, jedes nähere Betrachten mich überzeugte, dass ich Agatokles vor mir sähe! Seine Aufmerksamkeit auf das Körbchen, das er erkannt haben mochte, hinderte ihn, mich sogleich zu bemerken. Im ersten Taumel der Freude war ich unfähig, Ueberlegungen anzustellen. Ich folgte dem zug, der mich gewaltsam zu ihm riss, ich rief ihn beim Namen, er erkannte mich, und ich fühlte in seinen Armen, an seinem sprachlosen Entzücken, dass mich meine Hoffnungen nicht getäuscht hatten, dass ich noch eben so sehr in seinem Herzen lebte, wie zu jener Zeit, da wir, als schuldlose Kinder, ungestört, ungetrennt von ernsten Verhältnissen, mit einander spielten. Ich weiss nicht, wie lange der glückliche Rausch währte, in welchem ich, Alles um mich her vergessend, an seiner Brust lag, und kein anderes Gefühl, als des namenlosen Glückes kannte, den Gegenstand meiner unaussprechlichen Liebe wieder gefunden zu haben. Warum konnte ich nicht in diesem Augenblicke sterben? Warum musste ich zum Bewusstsein meines Unglücks erwachen? Demetrius Bild, das Bild meiner Pflicht stieg schreckend vor mir empor. Dieser plötzliche Uebergang, und vielleicht die heftige Erschütterung einer so fremden Empfindung, als mir die Freude ist, schlug meine Kraft nieder, ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Von ihm unterstützt, von ihm bedauert, an seiner Brust sank ich bewusstlos hin, und wäre so glücklich, so gern in seinen Armen vergangen! Seine stimme, dieser süsse wohlbekannte Klang, rief mich in's Leben zurück. O meine Junia! in welches Leben! Die erste Regung des wiederkehrenden Bewusstseins musste ich anwenden, um ihm zu sagen, dass wir auf ewig getrennt sind. Er verstand mich nicht, ich glaube es wohl, seine Begriffe sind wahrscheinlich hierin von den meinigen sehr verschieden. Ich bat ihn, mich zu verlassen, er konnte sich nicht entschliessen. Ich zitterte vor seinem längern Bleiben, vor der Schwäche meines Herzens, vor dem Verlöschen des Ueberrestes von Kraft, den ich in mir fühlte. Doch gelang es mir. Sein schönes Gefühl verstand mich. Er verliess mich. Als er fort war, als ich das Ende seines Mantels hinter den Hecken verschwinden sah: dada fühlte ich erst die ganze Grösse meines Verlustes, mein ganzes Unglück und seines! Meine Tränen flossen von Neuem so unausshaltsam, dass, als meine Frauen kamen, sie mich beinahe zurücktragen mussten. Aber, o meine Junia! wie gern wollte ich leiden, Alles, was Gott