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war ich gestern dort. Es ist noch Vieles unverrückt, wie es vor acht Jahren war. Mir war sehr weh und sehr wohl zu Mute. Ich erkundigte mich nach seinen ehemaligen Bewohnern. Die Meisten in Nikomedien erinnerten sich ihrer kaum mehr doch wollen einige gehört haben, dass Timantius in Syrien, unbekannt, unter einem fremdem Namen gelebt habe, und vor ein paar Jahren gestorben sei. Die Söhne sind zerstreut, die Tochter – o Phocion! wie schlug mein Herzsoll geheiratet haben! Geheiratet!! Also bin ich vergessen! Kann ich es ihr verdenken? Und doch schmerzt es mich! Vielleicht ist sie auch schon tot! Ich weiss nicht, in welchem Gedanken mehr Qual liegt.

Sie zu finden ist wohl jede Hoffnung verloren, und nichts ist, was mir Ersatz gewähren könnte! Calpurnia nun gewiss nicht! Ich habe mich in Rom seltsam von ihr getrennt. Als ich ihr meine Abreise ankündigte, schien sienicht bewegt, nicht wie eine Freundin betrübt; sie schien beleidigt, gereizt. Ihre Eitelkeit war gekränkt. Der Sclave, den sie sicher an ihrem Triumphwagen gekettet glaubte, war noch stark genug, sich loszureissen. Das war ihr unerhört, unverzeihlich. Sie behandelte mich nun beständig so, bis zum Tage meiner Abreise, und ich ward sehr ernst durch die Entdeckung dieser Falte in ihrem Gemüte. So ist auch sie, die so weit über den meisten Weibern steht, von dieser allgemeinen Schwäche nicht frei, und keiner Freundschaft fähig, wenn Eitelkeit sich in's Spiel mischt! Nur Ein Weib habe ich gekannt, in deren reinem mildem Gemüt nichts als Liebe, holde Demut und Selbstvergessenheit war! Nur Eine! Und wo ist sie? Beim wirklichen Abschiede schien indess Calpurniens besseres Selbst die Oberhand zu gewinnen. Sie entliess mich, wie die Freundin den werten Freund, teilnehmend, gütig, gerührt. Wir haben uns zu schreiben versprochen. Die Erinnerung an ihren Liebreiz, an ihre hohen Vorzüge wird mich, wie die Erinnerung an einen froh durchlebten Tag, freundlich begleiten: aber ich glaube versprechen zu können, dass sie meine Freiheit nie stören wird. Dazu sind wir zu unähnlich. Mögen gute Götter sie beschützen, und bald ein würdiger Gatte ihre Vorzüge erkennen und mit Liebe vergelten!

Ich schreibe dir heute nicht mehr. Die Anstalten zu meiner Reise, die ich mit grosser Eile betreibe, rauben alle meine Musse. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Diocletian war der erste römische Kaiser, der, vielleicht aus sehr guten Ursachen, in diesem verderbten Zeitalter jene Popularität ablegte, die längst aufgehört hatte, mehr als Maske und eine kluge Schonung alter Volksbegriffe von Republikanismus zu sein. Er führte persisches Ceremoniel ein, trug eine Tiare, eine mit Perlen besetzte Binde im Haar, und umgab sich mit einer blendenden Hülle von Pracht, Gefolge und Unzugänglichkeit.

15. Calpurnia an Sulpicien.

Rom, im Mai 301.

Mein treuer Phädo bringt dir diesen Brief sammt dem Einschlusse, der dir freilich lieber sein wird, als Alles, was der meinige entält. Ich will dir's auch nicht übel nehmen; denn ich würde im umgekehrten Falle eben die Nachsicht, von dir fordern, wenn ich ihrer bedürfte. Ich bin aber so glücklich, oder so unglücklich, wenn du willst, dass die Briefe, die ich bekommen soll, ganz frei und ungehindert zu mir gelangen können, ohne des Einschlusses einer dienstfertigen Freundin zu bedürfen, die die mir unbemerkt in die hände spielt. Vielleicht sind sie aber auch aus dieser Ursache so beschaffen, dass die ganze Welt sie unbedenklich lesen dürfte. Es ist nun einmal eine Eigenheit des männlichen Herzens, dass es nur durch das heftig gereizt wird, was ihm verwehrt ist, und einen Gegenstand nur nach dem Maasse des Kraftaufwandes schätzt, den ihm sein Besitz kostete. Sie können nicht dafür, die armen Herren der Schöpfung; die natur hat diese Triebe in ihr Herz gelegt. Wir wollen sie auch darum nicht verdammen, aber in Acht sollen und werden wir uns vor ihnen nehmen.

Wende mir nicht ein, Sulpicia, dass das überhaupt eine Anstalt des Schicksals sei, um unsre Fähigkeiten zu wecken und zu entwickeln. Ich weiss wohl, dass die Mutter manchmal auch das schwächliche Kind, das ihr viel Sorgen und Mühe gemacht hat, mehr liebt, als die übrigen; und wie manche Frau sehen wir nicht in seltsamer Verirrung mit unauslöschlicher Zärtlichkeit an einem Mann hängen, der ihr durch Leichtsinn und Untreue nichts als Kummer macht? Doch niegewiss nie wendet ihr Gemüt sich launisch von einem gegenstand ab, bloss darum, weil es ihr leicht war, ihn zu erhalten, oder erkaltet in der Dauer und Sicherheit des Genusses. Nein, vielmehr stärken Gewohnheit und Zeit unsre Neigungen. Was wir lange haben, wird uns darum werter, und in der Rechtmässigkeit und Würde seiner Gefühle findet das Weib seinen Stolz und sein stärkstes Band.

Der Brief von Tiridates an dich war in einem eingeschlossen, den mir Agatokles bei seiner Rückkunft nach Nikomedien geschrieben hatein sehr verbindliches Danksagungsschreiben für alle Gefälligkeiten, die er in unserm haus empfangen, eine kurze Beschreibung seiner Reise, Nachrichten von Tiridates, Grüsse an dich, an seine übrigen römischen Bekannten u.s.w., ein Brief, den ich im Forum hätte können anschlagen lassen!

Und das schreibt Agatokles mir? Es ist also vollkommene Ruhe in seinem Herzen, und von Allem, was ihn hier so tief zu bewegen