man mich setzt, mich zu solchen Schritten herablassen zu müssen?
Ich bin unaussprechlich unglücklich. Mein Leben ist eine grauenvolle Nacht, in der bewusstlos hinzuschlummern, jetzt der höchste Wunsch meines gepeinigten Wesens wäre! Tiridates! Warum musste ich dich kennen lernen? Warum musste dein Anblick die stille Fassung, worein Gleichgültigkeit und überlegung mein Herz gebracht hatten, so gewaltsam stören? Warum musste mir das mögliche Ideal männlicher Vollkommenheit, das bisweilen in einsamen Stunden meine Seele, wie ein schöner Traum, beschäftigte, in dir auf einmal wirklich erscheinen, in dir, den Geburt, Vaterland und Verhältnisse mir ewig fremd halten mussten? Welches grausame Vergnügen findet das Schicksal darin, in den Gebirgen Armeniens und im glänzenden Rom zwei Seelen ganz für einander zu bilden, sie sich finden zu lassen, und sich gewaltsam zu trennen? Doch nein, ich klage nicht. Ich habe dich gefunden, ich habe dich geliebt, das kann mir keine Macht der Erde rauben: und wenn auch das Glück, dass ich dich kennen gelernt habe, mich von diesem Augenblicke an ewig elend machen müsste, ich könnte es nicht bedauern, nicht bereuen; denn ich war selig – selig wie die Götter!
Und ist denn jede Hoffnung verschwunden? Liegt hinter der grauenvollen Gegenwart keine bessere Zukunft? Tiridates! ich bin sehr schwach. Es gibt Augenblicke, wo mein Herz in seinen unendlichen Schmerzen versunken, ihn heftig ergreift, und von keiner Hoffnung etwas wissen will; wo es sich jeder Aussicht möglicher Verbesserung verschliesst, und eine Art von dumpfer Beruhigung darin findet, dass es nie aufhören wird, zu leiden. Dann ist mir, als wäre meine Rechnung mit dem Schicksal abgeschlossen. Mein Leben, auch das noch kommende, liegt hinter mir, wie ein vollbrachter Tag. Die Zukunft ist vorüber, ich fürchte nichts, ich hoffe nichts, nicht einmal den Tod. Ich fühle nur, dass ich elend, dass ich von dir getrennt bin.
Und was wird, indessen ich hier leide, dein Schicksal sein? Vielleicht kämpft dein Schiff mit Sturm und Wogen – ein Blitz trifft es – es sinkt – du bist im Abgrunde des Meeres begraben! Oder ich sehe dich späterhin im Schlachtgewühl – ein Pfeil durchbohrt dein Herz, für das zu leben meine einzige Bestimmung ist! Was soll ich denn auf der Welt? O lass mich dir nacheilen! Lass mich mit dir in's öde Reich der Nacht hinabsteigen, oder an deiner Seite liegen und schlafen! Beneidenswertes los, wenn uns im Reiche des Lichtes und fröhlichen Wirkens kein Glück mehr beschieden ist! O schreibe mir bald, Tiridates! Reiss mich aus dieser Angst, die oft bis zur Verzweiflung steigt! Nur dies, dass du lebst, dass ich hoffen kann, dich noch einmal zu sehen, macht es mir möglich zu leben.
Auch Agatokles hat uns verlassen. Er eilte dir bald nach, um sich mit dir einzuschiffen. Ich vermisse seinen Umgang, seine tätige warme Freundschaft recht sehr, obwohl wir über viele und wichtige Punkte nicht gleich dachten. Aber ich war die Geliebte seines Freundes, und das war genug, ihn für mich zu gewinnen. Er hat Manches für mich getan, das ihm mein Herz nie vergessen wird. Er ist sehr edel, aber ich fürchte, er wird nie glücklich werden; denn seine Begriffe passen nicht in sein Zeitalter Calpurnia hat sicher einen starken Eindruck auf ihn gemacht; dennoch erlaubte er sich – die Götter mögen wissen warum – nicht, diesem sanften zug zu folgen. Man sah die Gewalt, mit der er dieser Einwirkung widerstand. Er ist ein sonderbarer Mensch! Bei ihm gilt nicht, was in ähnlichen Fällen Calpurnien vor heftigen Eindrücken bewahrt – Leichtigkeit des Sinnes, und ein fröhliches Temperament. Seine Kälte ist Gewalt über sein Gemüt, seine Gelassenheit die Frucht eines schmerzlichen Kampfes. Die glückliche Calpurnia! Agatokles war ihr sehr wert. Sie war wohl zu stolz, es ihm zu zeigen, da sie die strenge Entfernung bemerkte, in der er sich geflissentlich von ihr hielt. Ich weiss aber, dass sie ihn sehr geliebt hat. Viele und bittere Tränen sind über seine Abreise in meinen Schooss vergossen worden. Ich hatte sie noch nie gesehen, als am Tage nach seinem Abschiede. Dennoch nach drei Tagen kam sie zu mir, ihre Tränen flossen noch bei jeder Erwähnung des teuren Namens, und – sie hoffte schon auf die Linderung, die ihr die wohltätige Zeit bringen würde, auf die allmählige Schwächung jedes heftigen Eindrucks, auf die Kraft der Zerstreuung, der sie sich zu überlassen recht ernstlich vornahm! O wie glücklich ist sie!
Soll ich – darf ich sie beneiden? Nein, Tiridates! Ich kann nicht, wenn ich auch dürfte. Nein, dass ich dich liebe, und so innig, so unaustilgbar, so mit aller Kraft meines Wesens, ist mein Glück, und wenn es mich auch verzehrt. Du aber, der du weisst, dass deine Briefe jetzt mein einziger Trost, der einzige helle Strahl in der Nacht meines Kummers sind: schreibe mir bald, oft, Alles, was dich betrifft, jede Kleinigkeit, jeden Gedanken, jeden Wunsch. Bedenke, was mir diese Briefe zu ersetzen haben, für was sie mich entschädigen sollen – und lass mich nicht verzweifeln.
14. Agatokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 301.
Nach einer ziemlich beschwerlichen Seereise, wo unstäte Winde, und ein empörtes Meer uns beinahe auf immer von dem Ziele unserer Reise