1808_Pichler_085_17.txt

meine Kraft, und schien von Allen die Ruhigste, die Kälteste, sogar kälter als er, und das wollte Viel sagen! Da bemerkte ich denn – o was sind diese Männer für schwache Geschöpfe! Wie reizt sie so gar nichts, als was ihnen verwehrt ist! Wie wird die unbedeutendste Sache ihnen, wie den kleinen Kindern, nur dann lieb, wenn sie sich ihnen entzieht! – ich bemerkte deutlich, dass Agatokles in eben dem Maasse stiller, nachdenkender, missmutiger schien, je heiterer und fröhlicher ich wurde. Das verdoppelte meine Kraft; denn es flösste mir ein Gefühl von Spott ein, und so gelang es mir, bis zu Ende der Mahlzeit die Rollen ganz umzutauschen. Wir schieden scherzend auseinander. Ich ging auf mein Zimmerich hoffte ruhig bleiben zu können. Da trat deine Chromis ein, und ich las deinen Brief. Auf einmal fiel die Erinnerung an meine Lage, vermischt mit dem, was ich für dich empfand, wie eine Centnerlast auf mein Herz. An deinen Schmerzen erneuerten sich die meinigen, und meine Tränen fingen an so heftig zu fliessen, dass der Morgen bereits zu dämmern begann, als endlich ein mitleidiger Schlaf meine Augen schloss. So sind es denn Männer, und immer Männer, die die höchsten Qualen über unser Leben ausgiessen, sie mögen uns lieben oder hassen! Serranus liebt dich, dein Vater, so hart er scheint, nimmt doch gewiss innigen teil an dir, und Agatokles? O wie oft las ich das geständnis seiner Liebe in seinen Augen, seinen entschlüpften Worten! Und doch, doch können sie uns so grausam peinigen, so aller Rücksichten vergessen, und in der rohen wilden Kraft ihres Wesens auch nicht von fern ahnen, wie ein Weib fühlt, und was unsre Herzen bei diesen rauhen Berührungen leiden müssen!

Was ist es bei Agatokles? Philosophischer Stolz, keiner leidenschaft zu unterliegen? Spiel mit einer wachsenden Empfindung, oder lächerliche Treue gegen ein Schattenbild? Was es immer seier befolgt seinen Plan, weil er ihn einmal entworfen hat, ohne Rücksicht auf die, die Anteil an seinem Schicksal nehmen, die ihn in jedem Zimmer, bei jedem einsamen Mahle, bei jeder reizlosen Freude schmerzlich vermissen werden. Er denkt nicht daran. Er will reisen, und so tut er es. Und ich sollte ihm nachweinen? Nein, Sulpicia, diesen Triumph soll der kalte ernste Censor1 nicht erleben. O! ich will fröhlich und heiter sein, und lächeln, wenn er sein Pferd besteigt, und zum letztenmal aus dem Tore unsers Hauses sprengt. Ich willdenn er verdient es nicht anders!

Sieh doch, Sulpicia, was Stolz und Unmut für eine Gewalt über den Menschen haben! Ich habe mit Tränen zu schreiben angefangen, sie sind während des Briefes noch häufig geflossen; jetzt sind sie getrocknet. Ich weine nicht mehr, denn ich zürne, und finde in meinem Zorn eine Stütze gegen die unzeitige Weichheit meines Herzens. O man tadle mir den Zorn nicht! er ist eine erhebende, eine heldenmütige Empfindung, er hält der lähmenden Wehmut das Gleichgewicht, und stärkt uns, wenn mir zu unterliegen befürchten müssen.

Mit deinen zwei Peinigern wollen wir schon auch noch fertig werden. Sie sollen uns nicht über die Köpfe wachsen. Sind sie hart, wir wollen es noch härter; sind sie schlau, wachsam, wir wollen es noch mehr sein. Es soll ihnen nicht gelingen, uns zu trennen. Wir sehen uns bald und ungestört wieder. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Censor war eine obrigkeitliche person in Rom, unter deren Aufsicht die Sitten und das Vermögen der römischen Untertanen standen.

13. Sulpicia an Tiridates.

Rom, im März 301.

Aus einer düstern Einsamkeit, von keinem Trost, von keinem heitern Gedanken erhellt, nur von den Manen meines ehemaligen Glückes umschwebt, dessen Erinnerung die Stacheln meiner Leiden schärft, schreibe ich an dich, Tiridates! Bald vielleicht ist mir auch dieses letzte Gut geraubt. Härte und niedere Selbstsucht umgibt mich mit hundert feilen Argusaugen. Unser verhältnis ist auf eine unwürdige Art vom Unwürdigen enteiligt dem Serranus und meinem Vater verraten worden. Alles, was strenge, von trüben Ansichten geleitete Härte, was engherzige Kleinlichkeit und niedrige Eifersucht von Qual und Lasten auf ein zerrissenes Herz wälzen können, erdulde ich. Man hat gesucht, mich von Calpurnien zu trennen. Ihre treue Liebe und schlaue Kühnheit hat dies gedrohte Unglück von mir abgewandt. Sie hat Serranus rufen lassen. Ihr Verstand, ihre wohlangewandte Freundlichkeit hat ihn gewonnen. Das Geschlecht, aus dem sie stammt, und ihres Vaters Einfluss hat dem meinigen, Ehrfurcht geboten, und man wehrt ihr jetzt nicht, mit mir umzugehen. Nur fühle ich wohl, dass mich selbst in ihren Armen Verdacht und Argwohn umlauert. veranstalten, dass noch ein Besuch zu gelegener Zeit kommt, oder ein Mitglied der Familie sich etwas in unserm oder den anstossenden Gemächern zu schaffen macht. Wie klein, wie armselig, wie verächtlich mir das erscheint, brauche ich dir das wohl zu schildern? O wenn ich hier je hätte lieben können, die leiseste Empfindung wäre mit der letzten Wurzel durch ein solches Betragen vertilgt! Und vollends nunda ich nie liebte, nicht einmal achtete! Man lauert auf meine Briefe. Diese besorgt Calpurnia selbst, und auch ihre Briefe müssen durch Umwege an mich gelangen. Wenn nichts mich zum Hass, zur Rache berechtigte, wäre es nicht schon die fürchterliche notwendigkeit, in die