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zu führen; denn ich liebeund verehre sie wirklich, und ihre Gesellschaft wäre mir äusserst erwünscht. Sie zieht aber vor, nach Syrien zu einer Freundin zu gehen, die sie lange kennt und liebt, und mit der viele alte Bande, auch der Religion, sie verknüpfen. Hiergegen konnte ich nichts einwenden, – und so sehe ich mit Wehmut dem Augenblicke der Trennung entgegen. Es wird mich schmerzen, von Allem zu scheiden, was einst dem teuren Freund noch angehörte, und nichtsgar nichts mehr für ihn an seinen Verlassenen tun zu können. Ach ich fand bei dem unendlichen Verlust einen kleinen Ersatz darin, das, was ich ihm nicht sein konnte, den Seinigen zu werden! O Lucius! Er war mir so viel, so viel! – Noch kann ich mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er tot ist, noch kann ich es nicht fassen, dass ich ihn nienie wieder sehen soll!

lebe' wohl, lieber Bruder! Sobald Teophania im stand ist, ihre Reise anzutreten, brechen auch wir auf. Mein Vater geht nach Rom zurück, und ich habe es geschworen, die Umgebungen dieser Stadt, in der das edelste Blut vergossen ward, deren Annäherung mir nichts als Unheil gebracht hat, nie wieder zu betreten.

Fussnoten

1 Titon, Aurorens Gemahl der von den Göttern zwar das Geschenk der Unsterblichkeit, aber nicht der ewigen Jugend erhielt, und daher endlich aus Mitleid in eine Heuschrecke verwandelt wurde.

116. Apelles an Junia Marcella.

Nikomedien, im Junius 305.

In drei Tagen, meine teuerste Freundin, wird unsre arme Teophania sich mit ihren Waisen auf den Weg zu dir machen, und ich werde sie begleiten. Seit dem tod ihres Mannes habe ich sie wenig verlassen, und vielfach gelegenheit gehabt, die geheime Kraft ihrer Seele, und ihre Ergebung in den Willen des Schöpfers, und ihres Gemahls zu bewundern. Er hat sie gebeten, zu lebener hat gewünscht, dass sie sich für ihre Kinder erhalte. Das war genug für sie. Das Dasein ist ihr unzweifelbar eine drückende Last, alle ihre Gedanken wohnen im grab, und dennoch hat sie sich aufgerafft, und ihre liebsten Neigungen bekämpft, und ihre Gesundheit gepflegt, wie wenn das Leben das wünschenswerteste Gut für sie wäre. Sie spricht oft und am liebstenund fast nur von ihmund diese gespräche dienen nicht, wie in ähnlichen Fällen, ihren Zustand zu verschlimmern, sie scheinen vielmehr ihre gepresste Brust zu erleichtern. Ach, ihre Wunden können nicht aufgerissen werden, denn sie haben noch keinen Augenblick aufgehört zu bluten!

Darum kann ich auch kein langes Leben für sie hoffen, und ich müsste wahrlich die Selbstsucht bis könnte. Wir und ihre Kinder werden unendlich durch ihren Tod verlieren, denn wie ein guter Geist waltet sie sanft, beruhigend und erheiternd, selbst jetzt in allen ihren Schmerzen unter uns, und die fremdartigsten Gemüter bezwingt und fesselt ihre unwiderstehliche Güte, ihr tiefer innerlicher Wert. Aber sie ist nur mehr halb auf dieser Erde. Ihre bessere Hälfte, so sagt sie selbst, ist hinübergegangen, und der traurige Rest muss verwelken, wie der Baum abstirbt, dem ein Sturmwind oder die Art des Landmanns alle seine Aeste geraubt, und den grössten teil des Stammes zersplittert hat. So lange die matten Säfte noch aufund absteigen, grünt die Rinde noch, und sprossen noch einzelne Blätter hervor; aber jeden Frühling weniger, und immer weniger, bis, wenn einst der Wanderer kommt, und ihn sucht, er ihn dürr und abgestorben findet, und mitleidig die morschen Ueberbleibsel zu den längst gefällten Teilen gesellt.

Nur ein Punkt ist ausser ihren Kindern auf der Welt, der ihr lebhafte Teilnahme einflösstConstantins Schicksal. Sie hat vor zwei Tagen durch den König einen Brief von ihm erhalten. Er ist Augustus. Als er an der gallischen Küste ankam, fand er seinen Vater schwer krank, und im Begriff, sich nach Britannien bringen zu lassen. Kaum in Eboracum angelangt, starb er in den Armen seines Sohns. Die Legionen standen keinen Augenblick an, zwischen dem würdigen Sohne ihres geliebten Kaisers, und irgend einem Fremden, den ihnen Galerius aufdringen würde, zu wählen, und riefen ihn einmütig zum Augustus und Imperator aus.1 Dies Alles meldete ihr Constantin mit der Genauigkeit und dem edlen Zutrauen eines Freundes, und in dem Ton eines Mannes, dem ein doppelter Verlust für diesen Augenblick den Glanz des Purpurs verdüstert, und ihn für nichts als den Schmerz für Vater und Freund empfänglich gemacht hat. Teophania ergriff diese Nachrichten mit Wärme, ja ich kann sagen mit Heftigkeit. Sie brach in Tränen aus, faltete die hände und schlug den leuchtenden blick zum Himmel. O mein Agatokles! rief sie dann mit lebhafter Zärtlichkeit: Du hast es gewusst! Du weisst es auch jetztund das ist dein Lohn!

Sie entfernte sich bald darauf, und schloss sich in ihr Zimmer ein. Lange darauf kam sie sehr bleich, und wie es schien, erschöpft, aber mit einer unaussprechlich milden Heiterkeit wieder zu uns. Ihre Tränen flossen beinahe den ganzen Abend, aber es schienen keine Tränen des Unglücks zu sein. Ueberhaupt ist es zuweilen, als hätte sie Tröstungen, die weit über unsre Begriffe und alle Macht der menschlichen natur erhaben wären. Ihr scheint Agatokles nicht ganz tot zu sein, sie fühlt sich manchmal nicht völlig von ihm getrennt; es ist, als beglücke sie noch ein unsichtbares