Ketten verhinderten es, ich schlang sie um mich, und so von klirrenden Fesseln umgeben, und selbst durch die Seltenheit dieser Lage noch mehr gespannt, warf ich mich von Neuem an seine Brust. Lange vermochte er nicht zu sprechen – endlich fand er Worte, und dankte mir für die Liebe und Sorgfalt, die ich seiner Frau, für die Freundschaft, die ich ihm bis an seinen Tod bewiesen. Nicht Freundschaft, hub ich mit ernster fester stimme an, nicht Freundschaft! Agatokles! Der Tod hebt alle Verstellung auf, und ich kenne deinen Edelmut. Lass mich dir ein geständnis tun, das ich unter keinen andern Umständen gewagt haben würde, lerne mich ganz kennen, und dann beurteile den Wert dessen, was ich für dich tat. Ich habe dich geliebt, Agatokles! von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit leidenschaftlicher Wärme geliebt! – Ich schwieg, und sah ihm ernst in's Gesicht.
Er schlug die Augen nieder, und liess die arme sinken, die Ketten klirrten wieder, und ihr Schall klirrte in meiner Brust nach. Ein schmerzhaftes Lächeln zuckte um seinen Mund. So habe ich denn auch deinen Kummer mir vorzuwerfen! fing er nach einer Pause an. Vergib, Calpurnia! Er reichte mir die Hand. Vergib, wenn ich manche Stunde deines schönen heitern Lebens getrübt habe, wenn ich dich missverstand, wenn vielleicht mein Betragen selbst dich berechtigte, mich falsch zu deuten! Vergib!
Diese Antwort war mir unerwartet. Ich schwieg verlegen. Es ward klar und kühl in meiner Seele, der Rausch des Entusiasmus war verschwunden – aber ich musste ihn achten. Ich reichte ihm die Hand, und sagte mit Herzlichkeit: "Glaube nicht, Agatokles, dass diese Erklärung so gemeint war. Ich mache dir keine Vorwürfe – ich habe nichts zu vergeben." Er drückte meine Hand an sein Herz: "Du bist immer gütig, immer freundlich! Habe Dank für jede schöne Stunde, die ich in deinem Umgange genoss, für jeden Beweis der Freundschaft, den du mir und meinem weib gegeben hast! Entziehe sie der Unglücklichen nicht, nimm sie als deine Freundin, als mein einziges teuerstes Vermächtniss auf!" Mit Tränen der innigsten Rührung, aber gewiss ohne leidenschaft, gelobte ich ihm, Teophanien als meine Schwester zu betrachten. Ich war jetzt wirklich seine Freundin geworden. O was hätte der Mann aus mir machen können, wenn keine frühere Verbindung eine unübersteigliche Kluft zwischen uns eröffnet hätte! Und er ist tot! –
Tiridates und Apelles, ein christlicher Priester, waren den letzten Tag viel bei ihm. Er war gefasst, und sogar heiter, wenn die Rede nicht auf seine Frau fiel. Den Abend wendete er an, um Briefe zu schreiben, legte sich dann schlafen, und schlief noch sehr ruhig, als Tiridates gegen den Morgen in sein gefängnis trat. Die Lictoren kamen bald darauf. Eine leichte Bewegung ward in Agatokles Zügen sichtbar, dann stand er ruhig auf, umarmte seine Freunde, gab Tiridates ein letztes Lebewohl an seine Hinterlassenen auf, und folgte den Lictoren. Seine vertrauten Sclaven empfingen ihn an der Tür des Gefängnisses, die Treuen wollten ihren geliebten Herrn noch ein Mal sehen. Er redete gütig mit ihnen, gab den Meisten die Freiheit, und verwies sie auf sein Testament, das er im Kerker geschrieben hatte, und jetzt Tiridates übergab. Dann bestieg er das Todesgerüste, betete mit stiller Rührung – und so verliess der Schatten des edelsten Mannes die Erde, die seiner nicht wert war! O mein Bruder! Nie, nie wird dieser ungeheure Verlust seinen Verlassenen, seinen Freunden ersetzt werden!
Teophania war, seit dem Abschied ihres Mannes, wenig bei sich gewesen, wir wünschten sehr, dass dieser Zustand noch eine Weile dauern, und die traurige Catastrophe ihr unbewusst vorübergehen möchte. Aber es ist seltsam, obwohl es nichts als Zufall sein kann; in der Nacht seines Todes, gegen den Morgen fuhr sie auf ein Mal aus dem Schlummer empor, nannte seinen Namen, sah uns Alle starr an, und sagte: Jetzt ist er tot. Wir suchten ihr diese Vorstellung zu benehmen, sie blieb ruhig auf ihrer Behauptung, fragte, welche Zeit es wäre, und schwieg zuletzt mit einem sonderbaren Lächeln. Als Apelles eintrat, sagte sie ihm die Stunde, in der ihrer Meinung nach ihr Mann geendet hatte. Er war erstaunt, denn sie traf ziemlich mit der Wahrheit zusammen. Apelles musste ihr alle Umstände, jeden blick, jedes Wort, jede Bewegung ihres Gemahls wiederholen. In dieser traurigen Beschäftigung, die mir so ganz zweckwidrig vorkam, schien sie Trost zu suchen, und fand ihn wirklich. Seitdem ist sie sich immer gegenwärtig, sie fasst sich mit unglaublicher Kraft, sie ist still, beinahe wortlos, aber sie ist bei Weitem nicht so gebeugt, und zernichtet, als ich es bei ihrem Charakter fürchtete. Woher kommt diesem sonst so zagenden Wesen dieser Mut, woher die Kraft, ohne den zu leben, der ihr einst so ganz unentbehrlich zu ihrem Dasein schien? Sollte ich glauben, dass dies die wirkung der Schwärmerei, der Religion sei? Wie kann sie das? Wie kann der Glaube an die Götter, oder an einen Gott solche Umwandlungen, solche Wunder hervorbringen? Wenn es aber wirklich so ist, so muss die Religion der Christen von ganz anderm Einfluss auf die Gemüter sein, als die unsrige.
Tiridates und ich haben ihr angeboten, sie mit nach Ecbatana