gewissen Todes.
Als ich aufstand, fiel mein blick auf die Wasseruhr. Die letzte glückliche Stunde auf Erden war vorüber. Der Offizier trat ein, und jetzt war meine und Teophaniens Standhaftigkeit dahin. Mit einer krampfhaften Heftigkeit umschlangen wir uns und wünschten und dachten Eins an des Andern Brust zu vergehen. Ich drückte die Kinder an mein Herz, es schien mir unmöglich, mich loszureissen, das Verhängniss gebot – der Centurio kam zum zweiten Mal – Teophania sank mit einem lauten Schrei in Ohnmacht, ich legte sie in die arme ihrer herbei geeilten Sclavinnen, und floh.
Im Atrium fand ich mich wieder schluchzend an eine Säule gelehnt, als eine bekannte stimme mich beim Namen rief. Es war die Königin, auf dem ernsten Wege zum tod erschien sie mir noch ein Mal. Sie winkte den Zeugen, sich zu entfernen, sie trat auf mich zu, schlug ihre arme um mich, und gestand mir, dass sie mich von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an geliebt, dass sie mich jedem andern mann vorgezogen habe, und dass ich ihr noch jetzt über Alles in der Welt teuer sei. Welcher Moment, zu welchem geständnis! So war ich bestimmt, zwei der edelsten Herzen zu brechen! Und warum sagte sie mir das? Warum goss sie diesen bittern Tropfen noch in die Schale, die ohnedies so voll war? Das hätte Teophania nicht vermocht. Sie hätte ihr geheimnis mit in's Grab genommen, wenn seine Entüllung dem Freunde so schmerzlich sein musste.
Aber ich habe ihr verziehen, ich ehre ihre Vorzüge, und danke ihr die Liebe und sorge für mein teures unglückliches Weib, gleichviel aus welcher Quelle sie fliessen mag.
Und so ist mein Tagwerk vollendet. Mit Scheu, aber dennoch mit Zuversicht nahe ich mich dem Trone des allsehenden Richters. Unendlich ist unsre Schwäche, aber auch seine Güte ist unendlich, und wenn auf der richtenden Wage die schimmerndsten Tugenden in nichtigen Staub zerflattern, und so mancher geheime Gedanke in schrecklicher Blösse vor uns stehen, und wider mich zeugen wird – dann flüchtet der zagende Sohn des Staubes zu dem erbarmenden Vaterherzen; denn von dem Blut, das auf Golgata strömte, floss auch ein Tropfen der Entsühnung für mich. Das ist unser Erbteil – wir sind Erlöste!
Nun lebe wohl, teurer Phocion! Wenn du diese Tafel in deiner Hand halten wirst, ruht meine Hülle längst im Schoosse der Erde, und die Verwesung verzehrt die Gestalt, unter welcher dein Freund, dein Schüler, dir erschien. Aber, er stirbt dir nicht! Auch jenseits wird ihn dein Andenken begleiten, und der Dank für so manche mir geweihte Stunde, so manche Lehre, und so manches wirksamere Beispiel wird in jener Welt vielleicht noch reiner und stärker gegen dich entglühen. Am offenen grab lass ihn mich dir noch ein Mal wiederholen, mein Lehrer, mein zweiter Vater! und sei versichert, wenn es die Vorsicht erlaubt, und die furchtbaren gesetz der Geisterwelt, so wird nicht Teophania allein ein Zeichen meines Daseins erhalten.
Es ist Mitternacht. Die kleine Lampe, die mir leuchtete, erlischt – so erlischt bald mein Leben. Ich gehe zur Ruhe, der Schlaf behauptet seine Rechte auf den erschöpften Körper – morgen schläft er einen unweckbaren. lebe' wohl.
Fussnoten
Seneca.
115. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Mai 305.
Es ist vorüber – er ist tot! In der Nacht dem Auge des Volkes verborgen, weil man kleinherzig die Rache der Jovianer fürchtete, floss das edelste Blut, das je vielleicht auf der Erde ein menschliches Herz bewegt hatte. Ich habe mich seines Betragens nicht zu rühmen. Manche meines Geschlechts würde nie verziehen haben, was er an mir tat; dennoch sage ich mit Stolz, ich habe ihn geliebt, wie ich noch nie einen andern Mann geliebt habe, wie ich nie einen lieben werde.
Zwei Tage vorher sah ich ihn zum letzten Mal. Er kam, Abschied von seiner Frau zu nehmen. Und wenn ich Titons1 Jahre erreichte, so würde keine Zeit die Erinnerung dieses Anblicks aus meiner Brust vertilgen, wie er bleich, gefesselt, aber in diesen Fesseln stolz und frei zwischen den Centurionen in's Atrium trat. So mögen einst die gefangenen Könige vor den Wagen der Triumphatoren gegangen sein. Das Herz wendete sich mir in der Brust, ein ungeheurer Schmerz zerriss mein Innerstes. Ich eilte zu Teophanien – ich wollte Zeugin des Wiedersehens sein. Er folgte mir auf dem fuss, in meiner Seele wiederhallte dem Ton des wildesten Schmerzens in die arme seines Weibes. Ich wurde gar nicht bemerkt, und entfloh, denn es war mir nicht möglich, hier auszuhalten.
Eine tödtlich lange Stunde verschlich – die schwerste in meinem Leben, bis man endlich kam, mir zu melden, dass sich Agatokles entferne. Ich hatte es verlangt, denn ich wollte ihn noch ein Mal sprechen. Ich eilte in's Atrium. Da stand er an einer Säule gelehnt, ich rief ihn, er hörte mich nicht, nur einzelne Töne des Schmerzens drangen aus seiner Brust hervor. Meine Liebe erwachte in ihrer alten Macht; ich eilte auf ihn zu, und schlang die arme um ihn. Was hatte ich zu fürchten! Er stand am offenen grab, und nahm mein geheimnis mit sich. Er sah sich nach mir um, und eine Mischung von Erstaunen und sanfter Rührung malte sich in den zerstörten wilden Zügen. Er wollte seinen Arm um mich schlagen, seine