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, nur der Vorbereitung auf die grosse Zukunft leben. Aber das Herz behauptet mit unwiderstehlicher Kraft sein Recht. Ich liebe, Phocion! jetzt an der Schwelle der Ewigkeit liebe ich stärker als je, denn höher als je steht das Bild meines Weibes vor mir!

Gestern ward es mir vergönnt, sie zu sehen. Mit hochschlagendem Herzen trat ich den Weg an. Im Atrium erblickte ich von Weitem die Königin, aber sie floh bei meinem Anblicke in's Innere des Hauses. Ich folgte langsam mit heimlichem Beben, da öffnete sich die tür, und Teophania, bleich, zitternd, in fürchterlicher Bewegung, sank schreiend an meine Brust. Calpurnia entfloh zum zweiten Mal schluchzend, und liess mich mit der Ohnmächtigen allein. Meine Liebe, meine stimme brachte sie zu sich selbst, und nun begann eine Scene, deren Erinnerung noch in jener Welt mein Herz zerreissen wird, wenn anders dort unsre Empfindungen den irdischen gleichen.

Selbst tiefgebeugt, selbst von dem Anblicke Alles dessen, was ich so heiss liebte, und so bald verlassen sollte, verwundet, musste ich Stärke für sie und mich haben, ich musste ihr Trost zusprechen, ich musste sie zur Ergebung bereiten. Es gelang doch. O der ernste Wille ist allmächtig, er ist der Gott in unserer Brust! Und, Phocion! bei dieser reinen Seele, bei diesem kindlichen Glauben an Gottes weise Fügung, bei diesem heiligen Streben nach dem Guten, um des Guten willen, war es nicht so schwer, als ich fürchtete. Sie begriff mich, sie fasste sich, sie war fähig, ihre Gedanken von sich selbst hinweg auf etwas Andres zu richten, und wieder jene schöne Glut zu empfinden, die oft in unvergesslichen Stunden, wenn Constantin und ich mit ihr von unsern Planen sprachen, ihre Seele begeistert hatte. Sie war nicht bloss Gattin und liebendes Weib, sie war Christin im erhabensten Sinn des Worts. Ach, sterben für ein Idealfür einen grossen, Menschen beglückenden, Planes ist schwer, es ist gross, wenn man Geliebte zurücklässt! Aber leben, leben ohne dichrief sie, indem sie mich heftig umschlangdas ist weit schwerer, es ist unaufhörlicher Tod! Ich fühlte die Wahrheit dieser Klage, und dieser Ausdruck der Liebe und des Schmerzens überwältigte mich, ich hielt meine Tränen nicht zurück. Sie sah sie fliessen. Jetzt umfasste sie mich noch inniger, und bei dem herben Schmerz der Trennung, bei dem Bewusstsein, wie elend wir Beide ohne einander sein würden, beschwor sie mich, ihr eine Bitte zu gewähren, die sie schon lange im Herzen trüge, die allein es ihr möglich gemacht habe, ihr Leid zu ertragen. Ich versprach es ihr unbedingt; denn was konnte dies reine Gemüt wohl verlangen, was nicht mit der Tugend übereinstimmte? Schüchtern und behutsam, in leisen aber kühnen Mutmassungen über die Möglichkeit des Zusammenhangs im Geisterreiche über den Zustand nach dem tod, über die Macht der Sympatie, entwickelte sie zu meinem Erstaunen ein schönes seltsames System, das aus christlichen und platonischen Ideen zusammengesetzt, mich durch seine Consequenz überraschte, und in mir zugleich die süssesten Hoffnungen erregte, deren Wahrscheinlichkeit ich nichts entgegen zu setzen wusste, als den Mangel an solchen Erfahrungen. Nun drang sie mit heisser Liebe in mich, ich sollte ihr versprechen, wenn es möglich wäre, ihr sichtbar zu erscheinen, oder falls dies ausser den Grenzen meiner Macht wäre, sie doch nie zu verlassen, und um sie und unsre Kinder zu schweben, damit sie den süssen Trost geniesse, meine Gegenwart zu ahnen, und vielleicht in jenen leisen Einwirkungen, wie aufmerksame Fromme sie wohl kennen, gewahr zu werden. Ihre Schwärmerei riss mich hin, es war mir in diesem Augenblicke mehr als möglich, es war mir beinahe gewiss, dass wir uns einander so nahe bleiben könntenundnoch ist der hohe Zauber dieser Hoffnungen nicht entkräftet, und weder Philosophie noch Religion erheben sich s i e g r e i c h gegen sie. So lass sie mich halten und pflegen. Morgen um diese Zeit ist Alles klar.

Ich hatte meinem weib den heiligen Schwur getan; aber ich sollte auch das Abendmahl mit ihr zugleich zur Besieglung dieses Bundes empfangen. Dies, hoffte sie, würde mein Versprechen unwiderruflich, und für die Geisterwelt bindend machen. Ich versprach ihr auch dies – o was hätte ich diesem so liebenden, durch mich so tief verwundeten Herzen versagen können! Nun ganz zufrieden, ganz gefasst liess sie unsre Kinder bringen. Sie legte mir das jüngste, das ich noch nicht gesehen hatte, in die arme, ich sollte es segnen. Welch' ein Augenblick für das Vaterherz! Dies Kind, das in der Geburt schon verwaiset war, jener hoffnungsvolle Knabe, dessen Erziehung der süsseste Wunsch meines Herzens gewesen war, dieses Weib, an deren Seite zu leben, seit meiner Kindheit mir die höchste Stufe irdischer Seligkeit geschienen hatteund nun AllesAlles das verlassen und aufgeben zu müssen!

Es erhob sich ein Sturm in meiner Seele; aber Ein blick auf mein Weib, das still und ergeben das Kind am Mutterbusen hielt, auf dies Gesicht, im das ich den Frieden zurückgeführt hatte, gab mir Kraft, ihn nicht wieder zu zerstören. Jetzt trat Apelles ein, er reichte uns das Abendmahl. Vielleicht war es seit seiner Einsetzung nicht mit mehr Wehmut und Rührung empfangen worden! Auch hier schied der Liebende von Geliebten in Erwartung eines nahen