dem Agatokles in der künftigen Nacht entgegen geht; denn längern Aufschub von Galerius zu erhalten, war unmöglich. So bald ich dir etwas Besseres oder Bestimmteres zu schreiben habe, sollst du Nachricht erhalten.
Fussnoten
1 Die Alten hatten, um die Zeit zu messen, keine Uhren wie die unsrigen, sondern bedienten sich der Sonnen-, wasser- und ähnlichen Uhren, in welchen eine bestimmte Quantität Materie in einer bestimmten Zeit ablief, wie z.B. in unsern Sanduhren.
114. Agatokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 305.
Die letzte Stunde naht, und mit vollem Bewusstsein, in der Fülle der Jugend und Gesundheit, gehe ich ihr entgegen. Es ist seltsam, es ist ganz anders, wenn in des Greisen verwelktem Körper sich längst Alles zur Auflösung neigt, und die letzte Stunde nur der letzte Tod ist;1 anders, wenn eine Krankheit die künstliche Maschine zerstört, oder gewaltsam zerrüttet, und in peinlichen Gefühlen, oder dumpfer Betäubung der letzte Augenblick ein Leben endet, das diesen Namen nicht mehr verdient. Morgen um diese Zeit bin ich tot! Das konnte ich mir, das müssen sich viele tausend Menschen sehr oft denken, denn wer weiss, wie lange ihm zu leben bestimmt ist; aber im gewöhnlichen Leben mischt sich die Vorstellung der Ungewissheit und die tägliche Erfahrung des Gegenteils mächtig zu diesem Gedanken, und er verliert sich in ein dunkles Vielleicht, das nur bei dem Ernsteren eine lebhaftere Betrachtung des Todes, und den Entschluss erzeugt, stets wachsam und vorbereitet zu sein.
Ich weiss aber bestimmt, dass morgen um diese Zeit meine letzte Stunde bereits vorüber, und der dunkle Vorhang aufgezogen sein wird, der die Geheimnisse um diese Zeit ist dieser Körper, in dem ich jetzt noch denke, handle, als eine starre, kalte Masse zu nichts gut, als in dem Schooss der Erde in seine Elemente zurückzukehren. Agatokles ist nicht mehr. Sein Wirken hat aufgehört, kein Freundesauge erblickt ihn mehr, kein Ohr vernimmt den Ton seiner stimme.
Und der Geist? – Mit Entsetzen wendet sich in diesen ernsten Augenblicken die schaudernde Seele von dem Gedanken der Vernichtung hinweg, hinweg von allen spitzfindigen Systemen der Philosophie, und umfasst mit Innigkeit und kindlichem Glauben die trostvollen Verkündigungen der Religion. Ja, ich werde leben! Noch sehe ich die Bedingungen meines künftigen Seins nicht ein. Wir stehen aber vor der geschlossenen Pforte, und quälen und mühen uns ab, Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zu ersinnen; wie es aber sein wird, ob der Blindgeborne sich eine richtige Vorstellung von den Farben hat machen können, die, wenn sein Auge geöffnet wird, mit der Wahrheit übereinstimmt? Das ist eine Frage, die der menschliche Verstand beinahe mit Gewissheit verneinen kann. Alles, was wir mit grossem Rechte erwarten können, ist, dass es dem, dessen Wille redlich war, besser gehen muss, als hier.
Und war mein Wille redlich? – Ja, er war es. Dies zeugnis gibt dem Sterbenden sein Gewissen, und in diesen furchtbaren Augenblicken fällt jede Maske, auch die der Selbsttäuschung. Ich habe eine grosse idee im Herzen getragen, ich habe ihrer Verwirklichung Alles aufgeopfert, was Menschen teuer ist. Habe ich geirrt, so trage ich die Schuld der Menschheit. Aber ich habe nicht bloss mein, ich habe noch eines andern – über Alles edlen Wesens Glück auf jenem ernsten Altar geschtachtet – das Glück meines Weibes! – Durfte ich das? – O barmherziger Gott! Wenn ich das nicht durfte! – Wenn jene idee dieses Opfers nicht wert war! Wenn – mein Geist verliert sich in Zweifel und Unruhe, und ist in solchen Augenblicken der Verzweiflung nahe – aber leuchtend und siegreich erhebt sich der Gedanke wieder: Mein Wille war gut, und wie der Leitstern den Schiffer in stürmischen Nächten, führt er mich aus Angst und Dunkel heraus in lichte klarheit und stillen Frieden.
Mein Zeitliches ist besorgt. Ich habe an Constantin geschrieben, und ihm noch ein Mal mein Weib und meine Kinder empfohlen, wenn er einst das Ziel erreicht, zu dem er rasch hinstrebt. Mein Grab ist die erste Stufe, von der er sich mächtig aufwärts schwingt – so habe ich wohl ein Riecht, seinen Schutz anzusprechen.
Tiridates und Calpurnia, die edlen Freunde, deren Liebe ich so viel verdanke, haben mir tätige hülfe versprochen, sie haben sich angeboten, meine witwe, meine Waisen mit sich in ihr Reich zu nehmen, wenn ich es wünschte, wenn ich sie dort vielleicht sicherer glaubte. Aber Teophania sehnet sich, den Rest ihrer Tage unter Christen, an der Seite einer langgeprüften Freundin, die sie vor Jahren hat kennen lernen, zuzubringen? Welchen Schutz kann ihr auch ein bundesverwandter König gewähren, wenn es dem blutigen Galerius einfiele, seine Wut und Rache auch auf sie auszudehnen? Ist wohl B u n d e s g e n o s s e mehr, als ein tönender Name für U n t e r t h a n ? So wird sie in Apamäa nicht weniger sicher sein, als in Ecbatana; sie ist seinen Augen entrückt, das ist alle Sicherheit, die sie hoffen kann.
Ich habe sie noch ein Mal gesprochen, und meine Kinder noch ein Mal gesegnet. Nächtlich und furchtbar, und dennoch, so unaussprechlich teuer kehrt die Erinnerung an diese heilige Stunde nur zu oft in meine Seele zurück. Zu oft! denn ich soll ruhig sein, ich soll, durch keine irdische Bande mehr gefesselt