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wir schiffen uns in Ravenna ein, und in ein paar Wochen denke ich in Nikomedien zu sein. Dass ich dich nicht mehr dort treffen soll, war eine schmerzliche, eine niederschlagende Nachricht für mich, die ich aus dem Briefe meines Vaters vernahm. Du bist als Lehrer in der Akademie nach Aten berufen, du verlässest deine Vaterstadt, vielleicht in dem Augenblicke, wo ich mich anschicke, sie wieder zu sehen. Wie hätte ich mich gefreut, dich noch dort zu finden! Es sollte nicht sein. So will ich denn auch diese fehlgeschlagene Hoffnung, wie so viele andere, woran mich mein Geschick von Jugend an gewöhnte, gelassen ertragen. Mein Vater hat mir geschrieben, so väterlich, so gütig, wie seit langer Zeit nicht. Ich weiss wohl, und fühle es dankbar, dass diese Milderung seiner Gesinnungen gegen mich dein Werk, dass es das schöne Vermächtniss ist, das du scheidend mir im väterlichen haus zurücklässest. Habe Dank dafür, jenen innigen aber wortarmen Dank, den du weder verkennst, noch verschmähst! Ich hoffe endlich meinen Vater, auch in dieser Hinsicht, mit mir zufrieden zu sehen. Ich habe ihm meinen Entschluss, Kriegsdienste zu nehmen, geschrieben, und ihn um seine Verwendung gebeten. Er wünschte längst, mich in irgend einer Laufbahn tätig zu sehen; und so fällt sein Wunsch mit meinen Absichten zusammen. Trifft dich dieser Brief noch in seinem haus, so schildere ihm meine kindliche Dankbarkeit für seine Güte, und sage ihm, dass ich es nächstens selbst tun werde. lebe' wohl, teurer, väterlicher Freund!

12. Calpurnia an Sulpicien.

Rom, im März 301.

Zum erstenmal in meinem Leben setze ich mich mit rotgeweinten Augen, erschöpft von einer halbdurchwachten Nacht, nieder, um deinen Brief zu beantworten, den mir deine treue Chromis gestern in der Dämmerung verstohlen brachte, dein Schicksal mit dir zu beklagen, und, was mich selbst schmerzt, in deinen mitteilenden Busen auszugiessen. arme, unglückliche Freundin! Und durch wen unglücklich, als durch das boshafte Geschlecht, das, zu unserer Qual geschaffen, uns durch seine Fehler und Tugenden gleich empfindlich martert! O glaube mir, Sulpicia, ich fühle mit dir. Die Aussicht, einen Freund zu verlieren, dessen Vorzüge mich eine Weile verblendeten, zeiget mir, was es sein muss, einen G e l i e b t e n zu vermissen. Agatokles ist im Begriffe fortzureisen. Du staunst? – So plötzlich, so unerwartet, sowie soll ich sagen? ohne alle hinlängliche Veranlassung! Sein Eifer für die gute Sache deines Tiridates wurde auf einmal so brennend, und seine Pflicht, dem Wunsche seines Vaters entgegen zu kommen, so dringend, dass er sich auf der Stelle entschloss, Kriegsdienste zu nehmen, und den Feldzug wider, die Perser mitzumachen. Beruf günstig oder gemäss war, er, der in so Manchem, fast in allen Stücken von seinem Vater verschieden denkt; er hat nun nichts Angelegeneres zu tun, als sich zur Reise anzuschicken, und einen Ort bald zu verlassen, wo ihn nichts auf der Welt zurückhält. O! Er hat vollkommen Recht; aber diejenigen, die sich über seine Entfernung grämen wollten, hatten eben so vollkommen Unrecht.

Das weiss ich, das fühle ich, und doch, Sulpicia

wie muss ich mich meiner Schwachheit schämendoch, gestern, als er es mir ankündigte! Ich war nicht vermögend, ihm sogleich zu antworten. Meine Kniee wankten, mein Blut schien auf einen Augenblick stille zu stehen, und ich empfand, dass auch meine Gesichtsfarbe, wenigstens zum teil, die Bewegung verraten musste, die in meinem inneren vorging. Indessener war ja so gefasst, so ruhig, so aus freiem Willen entschlossen! Was hätte ich für ein verworfenes geschöpf sein müssen, wenn ich mich nicht an d i e s e r Kälte abgekühlt, an dieser b e w u n d e r u n g s w ü r d i g e n Kraft gestärkt hätte! Ich wurde auch stark! Ich fand in ein paar Secunden, ja indess er noch, ich weiss nicht mehr was, sagtedenn zum V e r s t e h e n war ich zu sehr, o gegen dich darf ich ja den Ausdruck brauchen! zu sehr b e t ä u b t – ich fand die Kraft wieder, ihm mit Gelassenheit, ja sogar scherzhaft zu antworten. Schnell, mit einer leichten Wendung drehte ich das Gespräch auf Nebensachen, auf die Anstalten zu seiner Reise, die günstige Witterung u.s.w. Mein Vater und meine Brüder waren gegenwärtig. Es ward mir leicht, unter einem Vorwande das Zimmer zu verlassen, und in der Einsamkeit die mühsam zurückgehaltne Erschütterung meines ganzen Wesens austoben zu lassen. Gern hätte ich auch den Tränen, die Schmerz und Zorn unaufgehalten hervorriefen, freien Lauf gegeben; aber das durfte ich nicht wagen, denn die Stunde des Abendessens war nahe, und Agatokles, wie immer, bei uns. Ich wendete also bloss die einsame Viertelstunde an, um eine leidentliche Haltung anzunehmen; dann kam ich in's Speisezimmer zurück. Die Abreise, welche mein Vater und die Brüder recht aufrichtig bedauerten, war, wie du denken kannst, der Gegenstand aller gespräche. Ich tat mir Gewalt an, so viel Gewalt, dass mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing; aber ich erstaunte selbst über