jetzt der Punkt, auf den alle Kräfte meines erschütterten Wesens gerichtet sein müssen – seine letzten Augenblicke zu erheitern! O allmächtiger Gott! Agatokles letzte Augenblicke!
Er ist so jung, es lag ein so langes, so schönes Leben vor uns! Er entreisst sich ihm, und ich darf nicht klagen!
lebe' wohl, meine Junia! lebe' wohl. O warum bist du nicht bei mir! Wie wohltätig wäre es mir in diesen Augenblicken, eine treue Freundin von ganz gleicher Sinnesart um mich zu haben! Calpurnia ist sehr gut, ich verkenne gewiss weder ihre Vorzüge, noch was ich ihr jetzt schuldig bin, aber sie ist keine Christin, und – sie ist Königin. Auf dem Tron verlernt sich so Manches, dessen das Herz in den Beziehungen des gewöhnlichen Lebens so sehr bedarf.
Ein Gerücht hat mir gestern verkündigt, Apelles sei in der Nähe, und halte sich in Nicäa auf. Tiridates, der, um des teuern Verlornen willen, mir innig wohl will, hat kaum meinen Wunsch erraten, als er schon einen Eilboten nach Nicäa abfertigte. O wenn Apelles käme, mich in den Stunden, die mir bevorstehen, zu stärken, und zu erhalten, ich würde Tiridates treuer Freundschaft eine der grössten Wohltaten danken!
111. Teophania an Agatokles.
Nikomedien, im Mai 305.
Ja, mein einzig geliebter Freund, ich werde leben. Du sollst dich nicht an mir getäuscht haben. Du befiehlst es, die Tugend befiehlt es durch dich. Glaube nicht, dass je der frevelhafte Gedanke in meine Brust gekommen sei, mein Dasein gewaltsam abzukürzen; aber dass ich gewünscht habe zu sterben, das kannst du, das kann Gott selbst nicht dem schwachen zerrissenen Herzen zur Schuld anrechnen.
Jetzt werde ich aber auch diesen Wunsch unterdrücken; er könnte zu lebhaft werden, und Unterlassungen erzeugen, die mittelbar auf jenen Zweck hinwirkten. Ich werde nicht zu sterben wünschen, bis unser Sohn erzogen, bis des Vaters vielgeliebtes hohes Bild in seiner Seele noch ein Mal dargestellt ist. Ich werde Mut haben zu leben, und den Entschluss, den du gefasst hast, zu billigen. Du sollst mich nicht umsonst deinen einzigen Freund nennen. Ich werde dein Zutrauen rechtfertigen, es erhebt mich über meinen Schmerz, über mich selbst, über mein Geschlecht. Ja, Agatokles! du hast recht getan – ich klage nicht.
Was ich fühlen muss, wie öde mein Leben ist, weisst Seele offen, ich könnte dir diese Gewissheit nicht entziehen, selbst wenn ich es aus falscher Grossmut wollte; aber ich gelobe dir bei unserer Liebe, bei unserm kind, bei Gott, der unsere Herzen für einander gebildet hat, und dessen heiligen Willen ich selbst in dieser Trennung erkenne, dass ich dies öde Leben ertragen werde.
Mit fester Zuversicht erwarte ich von Gott die Kraft, welche mir hierzu nötig sein wird. Er hat sie dem redlichen Willen, der kindlichen Unterwerfung noch nie versagt, und ich werde viel brauchen!
Noch ein heisser Wunsch liegt in den Tiefen meines bekümmerten Herzens. Ich möchte dich noch ein Mal sehen, nur e i n Mal, e i n M a l noch auf dieser Erde! Ich habe etwas Wichtiges, sehr Ernstes mit dir zu sprechen – Etwas, was schlechterdings keinem Briefe, keinem, auch noch so treuen fremden mund anzuvertrauen ist. Gern würde ich zu dir kommen, es liesse sich leicht tun, in Männerkleidern, als Tiridates Sclave, dem ja deines Kerkers Tore sich stets öffnen; aber – ich weiss, ich erschrecke dich nicht, und sage dir auch nichts Unerwartetes – meine Gesundheit hat etwas gelitten, und ich sehe nicht ohne Besorgniss der Erscheinung eines Wesens entgegen, das unter solchen Umständen geboren, entweder das Licht gar nicht sehen, oder ein trauriges Dasein nicht lange geniessen wird. So sagen es mir die ärzte vor, und ich gehorche ihnen, denn ich gehorche dir, deinem Wunsch nach meiner Erhaltung. Es ist aber gewiss nicht unmöglich, selbst von dem grausamen Galerius die erlaubnis zu erhalten, unter allen möglichen Vorsichtsmaassregeln, die deine Henker nach Gefallen nehmen mögen, dein Weib, dein Kind, vielleicht deine K i n d e r , von denen du keinen Abschied nahmst, nur e i n M a l noch zu sehen. Ich habe Tiridates gebeten, sich für diesen heissen Wunsch zu verwenden, ich habe an meine Valeria geschrieben, diese Bitte ihrem Vater vorzutragen; vielleicht erhalten wir sein Fürwort. Dem Vater, dem Wohltäter so vieler Cäsarn, wird doch der begünstigte Sohn, dem er erst das ungeheure Geschenk der unumschränkten herrschaft machte, diese Nachgiebigkeit nicht verweigern. Fürchte diese Zusammenkunft nicht, auf meine Gesundheit wird sie gewiss keine nachteilige, auf mein Gemüt die beste wirkung haben; auch sollst du keine z a g h a f t e n Klagen, keine u n e r s c h ö p f l i c h e n Tränen sehen. Nur sehen, nur sehen muss ich dich noch e i n Mal, noch e i n Mal die teuern Züge mit heissen Blicken betrachten, in mich aufnehmen, noch e i n Mal den Ton deiner stimme in meinem inneren wiederhallen hören, noch e i n Mal Stärke, Freudigkeit, Ruhe und Kraft, ach! für eine lange, einsame Zukunft aus deinem Umgange schöpfen! Schlage mir diese letzte Bitte nicht ab, sie ist heilig, wie die Bitte einer Sterbenden. Ist es denn nicht