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sie, aber sie brauchte so lange, dass ich glaube, sie muss den Brief dreimal durchgelesen haben. Jetzt stürzten wohltätige Tränen, die ersten, die sie seit der Zeit ihres Unglücks vergossen hatte, aus ihren Augen, und man sah deutlich, wie dieser Ausbruch ihr gepresstes Herz erleichterte. Ich störte sie nicht, ich weinte still mit ihr. Als sie sich Luft gemacht hatte, stand sie auf, und sagte mit einer Würde und Festigkeit in Haltung und Ton, die ich lange nicht an ihr gesehen hatte: "Er hat mir geboten zu leben, so will ich ihm und der Tugend gehorchen, ich will das Leben ertragen." Ich sah, dass sie aus dem Zimmer gehen wollte, ich unterstützte sie, und fragte, wohin sie wollte? "Zu meinem Sohne!" antwortete sie. "Der Vater befiehlt, mich für das Kind zu erhalten." Ich bat sie ruhig zu sein, und schickte um das Kind. Der Kleine kam. Die Scene, die nun vorfiel, wird nie aus meinem Gedächtnisse schwinden, sie war in demselben Grade erhebend und schmerzlich. Wahrlich, es muss ein grosses Gefühl sein, was diese Menschen Glauben nennen, denn es gibt ihnen mehr als menschliche Kräfte. Seit dem fasst sie sich mit einer Stärke und Geduld, die Alles übersteigt, was ich je gesehen habe. Sie pflegt ihr Kind, so viel es ihre Schwäche erlaubt, sie folgt allen Vorschriften des Arztes, sie spricht mehr, sie strengt sich sogar an, zu tun, als könnte sie an etwas Anderm teil nehmen. So hat sie gestern von Sulpicien zu sprechen angefangen, ich ergriff dies Gespräch gern, weil ich dachte, es wäre ihr nützlich, sich zu zerstreuen, aber mitten im Reden, wo vielleicht irgend ein Wort, eine Nebenidee sie an ihr Unglück erinnerte, verstummte sie plötzlich, brach in Tränen aus und schwieg.

Und das Alles ist wirkung ihrer Liebe, ihrer Liebe zu einem mann, der sie seinem Freunde so auffallend nachsetzt, und ihr Glück, ihr Leben für die Freiheit des Andern aufopfert! O welche unselige Macht der leidenschaft! Und welcher ungeheure Missbrauch, den Euer Geschlecht von der Gewalt macht, die hergebrachte Sitte und unsere zu grosse Nachgiebigkeit euch über uns einräumen! Eher wird kein Weib zum Besitz ihrer natürlichen Rechte kommen, bis sie es über sich vermag, den tiefgewurzelten, durch tausend Vorurteile genährten Wahn auszurotten, dass wir nur in der Liebe, und also nur durch Euch glücklich werden können. Und wann wird diese goldne Zeit erscheinen, wo diese kühne Wahrheit allgemeine überzeugung werden wird?

110. Teophania an Junia Marcella.

Nikomedien, im Mai 305.

Agatokles stirbt. In wenig Tagen bin ich witwe. Ich setze nichts hinzu, du kannst meinen Schmerz ermessen, du weisst, wie ich liebte, obwohl du nicht weisst, wie ich geliebt wurde. Die um mich sind, fürchten für meinen Verstand, ich merke es wohl. O diese grosse Wohltat wird mir nicht zu teil, so wenig als der Tod!

Der Tod? Ich soll ja leben. Er will es. Ach sterben für den Geliebten, wer könnte es wagen, dies etwas Schweres, Grosses zu nennen? Es ist nichtsein trüber Augenblick zum Preise unendlicher Freuden! Aber leben, leben ohne ihn, und auf sein Geheiss, das ist das Schwerste, was die Liebe fordern kann!

Wie ein weiter, düstrer, uferloser Ocean umgibt mich das Leben, in dem ich versinke ohne Hoffnung der Rettung, ohne Hoffnung des Todes. Es sind gute Menschen um mich, Calpurnia und ihr Gemahl; sie haben mir, und dem, den ich bald verlieren werde, viel liebes, Herzliches erwiesen. Ihnen danke ich die einzigen Tröstungen, deren ich fähig bin, aber Calpurnia möchte mir gern noch andre geben. Ich kann sie nicht annehmen, denn ich kann sie nicht fassen. kälter.

Mein ganzes Wesen, jeder Gedanke, jede Regung ist ein unendliches Weh. So muss dem Menschen zu Mute sein in der Todesstunde, wenn sich die innigsten Bande des Lebens lösen, und der bessere teil sich gewaltsam von der morschen Hülle losreisst. Auch meines Lebens innigste Bande lösen sich jetzt, mein besserer teil schwebt verklärt und selig der Heimat zu, und lässt die tote Hülle im grab. Das ist die Welt für mich. Dort, dort ist Leben, wo er hingeht, und mich streng und unerbittlich zurückstösst!

Warum Agatokles stirbt, um welches Zweckes willen er mich, sich, unser Lebensglück opfert, kann ich dir jetzt nicht sagen; auch wage ich es nicht, in dieser Zeit so etwas einem Briefe anzuvertrauen. Calpurnia und der König glauben, er habe sich für Constantin geopfert, und die Welt urteilt eben so. Es ist viel höher, viel schöner, und mitten unter schmerzlichen Schauern muss ich seinen Entschluss billigen und verehren.

Er hat mir geschrieben. Dieser Brief kommt nie wieder von meinem Herzen. Ich habe mich bestrebt, ihm eine Antwort zu senden, die seine unendliche Liebe für mich, seinen Edelmut vergelte. Ich habe mich beherrscht, kein Wort der Klage ist mir entschlüpft, nur gegen dich öffnet sich das Herz, und mein Blut strömt gewaltsam aus den verhaltnen Wunden. O wenn nur er zufrieden mit mir ist, wenn nur der Gedanke, dass er mich ruhig gesprochen hat, auch Ruhe in seiner Seele verbreitet! Das zu bewirken, ist