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1 Lutetiä, das heutige Paris.

104. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.

Nikomedien, im Mai 305.

Der Vogel geht in die Schlinge. Nun ist es an dir, sie geschickt zuzuziehen. Der Bote, der dir diesen Brief bringt, ist um einige Stunden vor Constantin voraus. Er bildet sich ein, den Augustus überlistet zu haben, und wir lassen ihm die Freude, sich eine Weile an dem stolzen Gedanken zu ergötzen. Einige Drohungen, und ein ziemlich merklicher Versuch des Galerius, ihn mit Gewalt hier zu behalten, haben seinen Entschluss bestimmt. Du ergreifst ihn, und schickest ihn unter starker Bedeckung, und unter dem strengsten geheimnis zurück; denn das Volk liebt ihn, und die Armee hängt an ihm. lebe' wohl.

105. Teophania an Phocion.

Nikomedien, im Mai 305.

Einschluss in dem hundert und dritten Briefe.

Alles ist verloren, Phocion! Was wird aus uns, was wird aus meinem Gemahl, meinen Kindern werden? Constantin ist in Chalcedon ergriffen, und vor einer Stunde gefesselt, und stark bewacht in den kaiserlichen Palast zurück gebracht worden. Ein vertrauter Sclave brachte Agatokles diese Nachricht. Ich sah ihn erbleichen, zittern, ohne laut, ohne Antwort auf alle meine fragen riss er sich von mir los, und ging auf sein Zimmer. In einer halben Stunde ungefähr kam er verstört und todtenbleich zurück, drückte mich und sein Kind heftig, fast schreiend an seine Brust, und trug mir auf, den Brief zu schliessen, und dir zu melden, was vorgefallen ist. Kein Bitten, kein fragen hielt ihn auf. O mein Gott, was soll das bedeuten! Ich tue, was er mir befahl; aber meine Hand zittert, indem ich den Brief schliesse.

106. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.

Nikomedien, im Mai 305.

Welche unerhörte Sachen geschehen hier! Es ist, als ob man sich den Mauern dieser unseligen Stadt nur nähern dürfte, um sogleich in den Strudel der Verwirrung, der Angst und Qual gezogen zu werden, der den grössten teil der Einwoher immerwährend mit sich fortreisst. Ach, Bruder, mein Herz hat richtig geahnet, und richtig empfunden, als es beim ersten Anblick des unvergesslichen Freundes stärker als je bei eines andern Mannes Anblick schlug! Was habe ich um seinetwillen schon gelitten! Was werde ich noch zu leiden haben! Der Streit zwischen Constantin und Galerius ist offenbar ausgebrochendieser hat Jenem, wie man sagt, nach dem Leben gestrebt. Constantin ist hierauf entflohen, aber in Chalcedon ergriffen, und wieder nach Nikomedien gebracht worden, und Galerius hat einen lauten Schwur getan, ihn öffentlich hinrichten zu lassen. So standen die Sachen gestern. Agatokles hört diese Nachrichter erkennt die Gefahr seines Freundes, und reisst sich aus den Armen eines geliebten Weibes, aus dem Schoosse des häuslichen Glückes, besticht die Wachen, die den Constantin lieben, und ohnedies den verehrten Feldherrn unTode bestimmt sahen, und beredet diesen, an seiner Statt und in seinen Kleidern den Kerker zu verlassen, indem er sich für ihn dem tod weiht. Constantin nimmt das ungeheure Opfer an, entflieht, und ist jetzt schon vielleicht in Byzanz. Galerius wütet über den Betrug, der ihm gespielt wurde, und hat öffentlich erklärt, dass kein Mensch bei Lebensstrafe sich erkühnen dürfe, auch nur e i n Wort für Agatokles Leben zu sprechen, den er jetzt noch ärger als Constantin hasst, und zu verderben geschworen hat; und der schändliche Marcius Alpinus unterlässt nichts, was in seiner Macht steht, um die alte Nache am Agatokles zu kühlen. So wird der edelste Sterbliche, den ich je gekannt, ein Opfer seiner überspannten Begriffe, und der Bosheit niedriger Menschen, und es übrigt kein Strahl von Hoffnung, um ihn zu retten.

Vorgestern noch war er bei mir, so fröhlich, so heiter, dass unwillkührlich die schönen Stunden in Rom vor meine Seele zurückkehrtenund heute? Tiridates war der erste, der die Schreckensbotschaft hörte. Agatokles fand die Möglichkeit, einen Soldaten von der abgehenden Wache zu ihm zu senden, und ihm sein Weib, seine Kinder zu empfehlen. Ich habe Tiridates nie liebenswürder gesehen, als in dem Augenblick, wo er tief erschüttert und mit Tränen mir die Gefahr seines Freundes ankündigte, und mich bat, die unglückliche Frau auf die schreckliche Nachricht vorzubereiten, und sie in ihrem Schmerz nicht zu verlassen. Ich fiel ihm weinend um den Hals, und wir gelobten uns mit Tränen, Alles zu tun, was zur Rettung oder zur Erleichterung des edlen unglücklichen Paares in unserer Macht stand.

Ich liess mich sogleich zu Teophanien führen. Ich fand sie in unbeschreiblicher Angst; denn Agatokles war vor mehreren Stunden fortgegangen, ohne dass sie wusste, wohinaber in einer Fassung, die sie Alles fürchten liess. Langsam und nach und nach liess ich sie mehr erraten als hören, was geschehen war, und nun fing sie heftig an zu zittern, eine Todtenblässe überzog ihr Gesicht, und sie sank leblos von dem stuhl herab. Es brauchte mehr als eine Stunde Zeit, bis sie wieder ein Zeichen des Lebens gab, dann aber wechselten Ohnmacht und halber Wahnsinn mit einander ab, und in diesem bedauernswürdigen Zustande ist sie noch. Die ärzte fürchten sehr für ihr Leben, besonders wenn die erschütterte natur den Zeitpunkt, der ihr nahe bevorsteht, beschleunigen sollte. Ich habe mir vorgenommen, sie nicht zu verlassen, und werde es halten; es ist