und an ihrer Seite ein sehr schönes, aber blasses Mädchen, Diocletians neue Tochter Valeria. Wir begrüssten uns als alte Bekannte, sie war erst vor ein paar Tagen aus den Abendländern hier angekommen, und eben so wie ich mit dem, was heute geschehen sollte, angelegentlich beschäftigt. Nur nahm sie nach ihrer Weise die Sache sehr ernstaft, und schien eine böse Zukunft zu fürchten. Uebrigens ist sie, das sieht man in jedem ihrer Blicke, in jedem Worte, noch unaussprechlich glücklich, sie hat einen Sohn von ungezweiten Kindes entgegen. Indessen wir schwatzten, kam der Wagen des Augustus langsam von der Stadt herab gefahren, von einer Menge Männer zu Pferde begleitet. Galerius, Tiridates, Constantin und Agatokles waren unter ihnen. Ich hatte diesen seit andertalb Jahren nicht mehr gesehen, ich bin verheiratet nach meinem Wunsche, mit einem würdigen Gemahl – warum klopfte mein Herz dennoch, als ich ihn von seinem mutigen Rosse, das sich unter ihm bäumte, abspringen, und in der schimmernden Rüstung stolz und ernst seinen angewiesenen Platz einnehmen sah? Seltsame Bewegung, wunderbarer Zug des Herzens, dessen ich nie ganz mächtig werden kann.
Jetzt war der Wagen des Augustus an der Tribüne angekommen, die für ihn bereitet war. Von zwei Personen unterstützt, stieg er mühsam die wenigen Stufen hinan, und hielt eine wohl ausgesonnene, und wie mir schien, künstlich geordnete Rede an's Volk; er erinnerte es an die mancherlei Wohltaten, die es in der langen Zeit seiner Regierung genossen hatte, an die gewonnenen Schlachten, den Triumph über die Perser u.s.w. Er hielt öfters inne, ob aus Schwäche, oder um zu sehen, welche wirkung seine Rede machen würde, weiss ich nicht. Sie machte keine, oder wenigstens nicht die, die er vielleicht erwartet hatte. Keine stimme erhob sich, ihm zu danken, kein Mensch schien an dem Vorgange ein anderes Interesse als das der Neugier zu haben. Endlich kam er auf seinen jetzigen Zustand, und die Unmöglichkeit, mit so geschwächten Kräften länger die grosse Last der Staatsverwaltung zu tragen, er kündigte seinen Entschluss an, sich dieser Bürde zu entziehen, und das Ruder des Staates jüngeren, stärkeren Händen anzuvertrauen. Er hielt von Neuem inne – es regte sich Niemand. Da rief er den Cäsar Galerius zu sich, stellte ihn dem volk als den künftigen Augustus vor, zog den Purpur aus, mit dem er sogleich seinen Nachfolger bekleidete, und verliess die Tribüne. Nun erhob sich ein lautes Beifallrufen, von dem man nicht recht wusste, ob es der Abdankung des alten, oder der Wahl des neuen Augustus gelte. Galerius nahm auf der Stelle den Platz seines Vorfahrers ein, dieser stieg mit seiner Tochter in den Wagen, und fuhr schnell in die Stadt zurück, wo bereits Alles zu seiner schleunigen Abreise nach Salona bereitet ist.
So endigte die grosse Komödie, und ich muss dir bekennen, dass sie meine achtung für das Menschengeschlecht nicht vermehrt hat. Ueberhaupt habe ich, seit der Zufall mich zur Gattin eines Königs machte, in dieser Rücksicht widerliche Erfahrungen gemacht, und meine kalte, nüchterne Ansicht der Welt ist noch viel kälter geworden. Wie armselig sind die meisten Menschen! An was für elenden Faden werden sie gezogen!
Wäre ich vielleicht nicht glücklicher gewesen, wenn ich das nie erkannt hätte? Es gibt doch menschliche Verhältnisse, wo die Verächtlichkeit des Geschlechts sich nicht so unverhüllt zeigt, wie an Höfen, wo vielleicht bei wenigeren Anlockungen auch weniger Böses geschieht, und unversucht sich stille Tugenden entwickeln. Ein solches los hätte einst mein werden können, wenn nicht ein neidisches Schicksal mich tückisch verfolgt hätte. Ich bin nicht unglücklich, aber ich kann der Erinnerung nicht verbieten, zuweilen ihren welken Blumenkranz neben meine schimmernde Tiare zu legen, und verborgner Schmerz im Innersten meiner Seele löst sich dann in einen Seufzer auf.
103. Agatokles an Phocion.
Nikomedien, im Mai 305.
Nun ist der wichtige Schritt geschehen. Gestern Morgens hat Diocletian auf eine sehr feierliche Art der Regierung entsagt, und den Purpur an Galerius übergeben, und diese Nacht ist Constantin von hier fort. Eher war es nicht möglich, ohne auffallend Verdacht zu erregen, und morgen möchte es vielleicht nicht mehr möglich sein, weil Galerius bereits Schritte getan hat, um sich seiner person zu versichern. Um die Rechtmässigkeit selbst, um den Vorwand zu dieser empörenden Greueltat kümmert sich ein Augustus, wie der, nicht, und die geschichte liefert genug Beispiele solcher Taten, wenn Beispiele ein Verbrechen entschuldigen können. Die Anstalten zu Constantins Entweichung sind zweckmässig getroffen, und ich erwarte mit Ungeduld einen Boten aus Chalcedon, der mir die Nachricht bringen soll, dass er das Schiff bestiegen hat. Von Byzanz aus ist sodann Alles geheim bereitet. Nichts wird seine Reise aufhalten, er kann ungehindert bis nach Lutetien1, oder nach Eboracum gelangen, wo immer er seinen Vater zu treffen hofft, und dieser wird als Augustus den Sohn zum Cäsar ernennen. So ist dann die notwendige erste Stufe ersichern.
Am andern Tage.
Der Bote von Chalcedon ist noch nicht zurück. Dreissig tödtlich lange Stunden sind vorüber, er könnte längst da sein. Meine Brust ist voll banger Unruhe, und trübe Ahnungen sinken, wie Mitternächte, über meinen Geist herab. Was ist geschehen? Was haben wir zu fürchten? Ich sende den Brief nicht ab, bis ich dir etwas Bestimmtes sagen kann. Gott gebe, dass es nichts Schlimmes ist.
Fussnoten