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mir, das Schicksal auf diesen blutigen Kampf herauszufordern; aber ich glaube, ich würde Kraft haben, sie zu opfern, wenn ich mit überzeugung die notwendigkeit davon einsähe. Ich glaubeaber ich bete, Constantin! dass mich die Vorsicht nicht auf diese schreckliche probe setzemein Herz würde durch ihren Verlust eher brechen, als durch den Todesstreich.

Ich darf keinen dieser Gedanken laut werden lassen, Teophaniens zarte Seele hat in jener Zeit, wo Florianus Tod uns Alle weich und finster stimmte, nur zu viel in der meinigen gelesen. Sie versteht mich so ganz, dass es keines Wortes, keiner noch so leisen Aeusserung bedarf, um Alles zu wissen, was in mir vorgeht. Ja, aus Einem Stoffe, aus denselben Fäden sind unsre Herzen gewoben, und keiner kann in dem Einen erschüttert werden, ohne dass sie alle in dem Andern mit beben. Das macht jetzt unser höchstes Glück, und macht vielleicht einst das Unglück desjenigen, dem die Vorsicht ein längeres Leben bestimmt.

Du, mein Constantin, bist glücklich oder weise genug, nichts von diesen Gefühlen zu wissen. Zu einem andern Zwecke bestimmt, hat dich der Schöpfer mit andern Gaben ausgerüstet, auf einen andern Platz gestellt, den du würdig und allgemein beglückend behaupten wirst. Das ist mir entschieden gewiss, und so darf ich dir nichts empfehlen, als was eben grösseren Gemütern oft so nötig ist, Vorsicht, und kluge Schätzung möglicher Gefahren. Sollte der Augustus den entscheidenden Schritt wirklich tun, dann bedenke, dass dein alter Feind unumschränkter Herr in jenen Gegenden wird, dass du sein erster, aber immer sein Untertan bist, und was dem freisteht, der mit der höchsten Gewalt zügellose Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet, was dem Menschen teuer und heilig ist. Sichre dir eine schnelle Flucht, und bestimme über mich und Alles, was mein ist, zur Ausführung jedes deiner Plane. lebe' wohl.

Fussnoten

1 Diocletian und Maximian waren ihrer Herkunft nach Illyrische Bauern, wie denn überhaupt sehr viele Kaiser jener Zeit aus den untersten Ständen waren.

99. Constantin an Agatokles.

Nikomedien, im März 305.

Es ist entschieden. Diocletian legt den Purpur ab. Was hier noch vorgefallen ist, um ihm diesen Entschluss, der vielleicht bei zunehmender Krankheit seit längerer Zeit in seiner Seele lag, so schnell, so plötzlich zu entreissen, vermag Niemand mit Gewissheit zu bestimmen. Galerius hat vielelange, und öfters heftige Unterredungen mit ihm gehabt. Genug, der erste Mai ist zu dem feierlich ernsten verhängnissvollen Schauspiel bestimmt. Von allen Seiten zieht Neugier, Erwartung, Furcht und Hoffnung, Fremde und Einheimische in die Stadt. Auch der edle König von Armenien ist mit seiner Gemahlin von zwei Tagen hier angelangt. Sie ist, das sage ich dir im Vertrauen, und um dich zur nötigen Stärke aufzufordern, falls noch ein Ueberrest alter Neigung in dir wohntschöner als je, besonders in der üppigen reichen Kleidung ihres neuen Vaterlandes. Er sieht mit Grund den Folgen des wichtigen Ereignisses nicht ohne Besorgniss entgegen. Was ist sich von der alten Zuneigung eines Mannes, wie Galerius, zu versprechen, der mehr als das Interesse eines Bundesgenossen, der das Wohl des eigenen staatesseinen wilden Begierden zu opfern im stand als höchst nötig erkannt, das hat deine treue Bruderliebe mir neuerdings an's Herz gelegt. Auch sind schon alle Anstalten getroffen. So wie Diocletian vom Trone steigt, und dem Galerius die Zügel übergibtist Nikomedien kein sicherer Aufentalt mehr für mich. Du aber komm, komm schnell, du musst Zeuge jenes tages sein, du musst hier zurückbleiben, um für mich zu wirken, wenn meine persönliche Sicherheit mich des Galerius gefährliche Nähe fliehen heisst. Die beigeschlossene geheime Schrift entält alle Maassregeln, die du auf dem Wege hierher für mich zu treffen hast, damit ich denselben Pfad zurück bis nach Britannien sicher und schnell machen könne, wo ein geliebter Vater mir wichtige und würdige Geschäfte bereitet hat. Ich erwarte und bitte dich, in so kurzer Zeit, als möglich ist, mit Teophania und deinem Sohne den Weg von Laureacum bis hierher zu machen. lebe' wohl.

100. Teophania an Junia Marcella.

Byzanz, im April 305.

Da bin ich wieder, im Angesichte des teuern Vaterlandes. Gegen mir über liegt die Küste von Bitynien. Bald, in wenig Stunden werde ich sie betreten, und ein geheimer Schauder ergreift mich bei dem Gedanken an Alles das, was ich dort schon erfahren habe, was ich vielleicht noch zu erfahren haben werde. Warum kann ich mich nicht freuen? Warum erfüllt, was ich von der nächsten Zukunft weiss, die Abdankung des Diocletians, Constantins Maassregeln, seine hochfliegenden kühnen Plane mein Herz mit geheimer Angst? Ach, Agatokles und sein Wohl, und so auch das meine sind zu tief, zu innig mit Allem diesem verwebt, um mir einen freien, frohen blick in die wildverworrene Ferne zu gestatten. Dunkle Gestalten regen sich im Hintergrunde, wilde Leidenschaften gähren sich in grauenvoller Stille, und nur das Auge, vor dem die Nächte sonnenhell, und tausend Jahre wie einer unserer Tage sind, weiss, wie sich diese düstere Zukunft entwickeln wird.

Ach wie glücklich war ich in Syntium! Warum konnte ich es nicht lange, nicht immer bleiben? Ich erkenne die Würdigkeit des Zweckes, den Constantin gungen loben, ihre Maassregeln billigen, aber ich fürchte, mein stilles Glück geht in dem grossen Kampf gewaltiger massen