. Was mir aber unbegreiflich bleibt, ist, dass er, die Götter wissen woher? von Allem weiss, was für die Zukunft zwischen Tiridates, mir und dir verabredet ist. Mein Vater wütet. Der Gedanke einer Scheidung, einer Verbindung mit einem b a r b a r i s c h e n T y r a n macht ihn aller Schonung, aller väterlichen Liebe vergessen. Calpurnia! Ich würde trotz des Kummers und der Kränkungen, die ich ausstehen muss, dennoch diese Ausbrüche seines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen, wenn ich sie als Folgen wirklicher Schwachheiten und eingewurzelter Vorurteile, die nicht mehr in die zeiten passen, ansehen könnte; aber ich fürchte, es liegt dieser unverhältnissmässigen Wut etwas anders zum grund, das vielleicht nicht so edel, so verzeihlich, – – o lass mich darüber hingleiten! Das Geschlecht der Anicier ist mächtig, ihr Einfluss am hof bedeutend. Mein Vater ist ehrgeizig, er hat drei Söhne zu versorgen, die zum teil schon in Hofämtern (wie wenig stimmt das mit ächtem Republikanismus überein!) dienen, die er gern weiter bringen möchte! Das empört mich, das macht mir meine hülflose Lage unter diesen Händen unerträglich!
Serranus würde sich nicht unterstehen, mich mit bittern Vorwürfen, mit niederm Verdacht, so wie er tut, zu verfolgen, wenn nicht die Aufreizungen meines Vaters und sein Ansehn dies schwache unselbstständige Gemüt zu einer ihm selbst unerreichbaren Härte und Kraft aufregten. So aber stützt sich seine Armseligkeit auf jenen festen Grund, und er peinigt mich um so mehr, je weher es tut, sich von Jemand misshandelt zu sehen, den man nicht achten kann, der alle Augenblicke die gelernte Rolle vergisst, und die Inconsequenz seines inneren durch unzusammenhängendes Betragen äussert, jetzt schilt, jetzt trauert, in dieser Stunde mich durch niedrigen Verdacht herabsetzt, in der nächsten die alte Liebe wieder hervorbrechen lässt, und mich mit Klagen, Bitten und Vorwürfen ärger als mit Scheltworten martert. Seit acht Tagen währt diese Qual, die im Anfange noch erträglich, jetzt jeden Tag peinlicher wird, seitdem Serranus, gewiss auf Anstiften oder Befehl meines Vaters, so weit geht, mich durch meine Sclavinnen beobachten zu lassen, seitdem ich – o ich erröte, indem ich es schreibe – wie ein Kind behandelt, nicht einmal allein ausgehen darf, wenigstens nicht zu dir. Dich hält man für meine Mitverschworne. Man weiss, dass du des Tiridates und meine Vertraute bist, und man traut dir und mir und dem Prinzen Dinge zu, die zu wiederholen, mir Stolz und achtung verbieten. Genug, ich soll dich nicht sehen, wenigstens nicht allein. Lucia2, die Amme meines Gemahls, oder er selbst begleiten mich bei jedem Ausgang. Seit ich das fühle, verlasse ich den Umkreis meiner wohnung nicht mehr. Ich erkenne meines Vaters unbeugsamen Sinn in diesen Anstalten, der vor der Verbindung mit dem Prinzen zu erröten vorgibt, aber nicht errötet, seine Tochter vor ihren Sclaven zu erniedrigen! Calpurnia! Fühlst du ganz, wie tief ich gesunken, wie elend ich bin? und Tiridates ist fern, und dein Umgang mir versagt! Ich bin einsam und hülflos, den Händen meiner Peiniger überlassen! O welcher Gott gibt mir Kraft, dies zu ertragen, oder Mut und List, meine Ketten zu zerbrechen.
Fussnoten
1 Die Römer nannten voll Nationalstolz alle fremden Völker Barbaren, und Tyrann war im Altertume der Name eines jeden Monarchen, ohne dass man eben den gehässigen Begriff damit verband, den wir bei diesem Worte denken. 2 Die Ammen der Vornehmen jener Zeit blieben meistens bis an ihren Tod in den Häusern ihrer Pfleglinge, und spielten manchmal die Rollen der Vertrauten und Gehülfinnen bei heimlichen Verhältnissen, wie man in den Teaterstücken der Alten findet.
11. Agatokles an Phocion.
Rom, im März 301.
Dieser Brief ist der letzte, den du aus Rom erhältst. Ich verlasse es in wenig Tagen, um Kriegsdienste zu nehmen, und jetzt, wo das Auge der Welt auf die grosse Entscheidung geheftet ist, mit und für Tiridates zu streiten. Zeihe mich keiner Unbeständigkeit, wenn du mich, nach dem, was ich dir unlängst geschrieben habe, doch diesen Stand, der so viel von seiner ursprünglichen Würde und Zweckmässigkeit verloren hat, ergreifen siehst! Ich brauche Beschäftigung, bestimmte, unnachlässige Tätigkeit; denn ich fühle, dass in meiner jetzigen Lage jene Musse, in der sich sonst meine Seele so wohl befand, Gift für mich wäre. Calpurnia ist zu reizend und zu leichtsinnig. Um sie zu sein, und sie nicht zu lieben, ist unmöglich; sie zu besitzen und glücklich zu sein, noch unmöglicher. So sehr sie mich anzieht, so tief fühle ich, dass wir nicht für einander geboren sind. Darum ist es Pflicht gegen mich, gegen sie, dass dieser Zauber zerstört werde, und das kann und wird er sicher durch Entfernung. Weniger als je widert mir diesmal der Zweck und die Art des angefangenen Krieges. Es gilt keine neue Eroberung, kein prunkendes Hinzufügen neuer Provinzu vernachlässigen und auszusaugen, wie die vorigen. Dem rechtmässigen Beherrscher soll der Tron seiner Väter erstritten, und die Schmach vergangener Jahre an übermütigen Barbaren gerochen werden. So ehrt der Zweck die Mittel, und ich erröte nicht, ich freue mich vielmehr, in diesem Kriege auch meine Kräfte zu versuchen, und eine edle Absicht mit Aufopferungen befördern zu helfen. Tiridates ist nach Mailand zum Augustus Maximian. Ich folge ihm bald,