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anfangen laut zu werden, und vom hof aus ihnen Niemand widerspricht, handelt und befiehlt Galerius als Einer, der bald allein zu handeln und zu befehlen haben wird. Er möchte sich doch verrechnet haben. Der Titel eines morgenländischen Augustus entält noch nicht den Titel des Herrschers der Welt, nicht jeder Augustus ist ein Diocletian, und gerechte Ansprüche zu sichern, und von ihnen geleitet und geschützt so weit zu gehen, als Sterblichen möglich ist, ist der hohe Beruf, den die natur in manche Seelen legte, und den zu überhören, sie eben so unwürdig als unmöglich dünken würde.

Was mein Vater für mich im Stillen bereitet hat, was mir aus jenen Gegenden droht, und was ich dort durch seine und deine rastlose sorge und Anstrengungen zu hoffen habe, habe ich teils durch deine geheimen Briefe, die mir der treue Vipsanius aus Laureacum brachte, teils durch die mündlichen Nachrichten erfahren, die mir die edle Valeria, als das letzte Vermächtniss ihres und meines sterbenden Freundes, mitgeteilt hat. Ich habe sie in Byzanz gesehen, und auf den ersten blick die Landsmännin in ihr erkannt. Solche schlanke weisse Gestalten, so gelbes Haar, so dunkelblaue Augen erzeugt nur Britanniens lieblich düsterer Himmel. Sie ist sehr unglücklich. Eine ihrer ersten Bitten an mich, dem sie als einem Bruder sich mit schöner Zuversicht offen nahte, war, wenn sie stürbe, ihre Ueberreste nach Laureacum zu senden, und sie an unsers verehrten Lehrers Seite begraben zu lassen. Sie scheint nur Raum für diesen Gedanken zu haben, und in ihm allen Trost zu finden, dessen ihre Lage fähig ist. Schmerzlich hatte ihr Anblick, ihr Gespräch jene alten Wunden wieder in mir erneuert, ihr Umgang mich weich und wehmütig gestimmt, und ich fand es bald nötig, meine Einbildungskraft mit Gewalt von diesen Bildern abzuziehen, deren lähmende wirkung ich mit Verdruss in meiner Empfindungsund Handlungsweise empfand. Die hiesigen Angelegenheiten boten mir bald würdige Gegenstände, und Valeria, die ich übrigens so sehr achte, als es ihre Vorzüge und ihr Unglück verdienen, wird mich, wie ich hoffe, nicht verkennen, und nicht glauben, dass das Andenken unsers verklärten Freundes darum in meiner Seele schwächer fortlebt, weil ich selten und mit mehr Ruhe, als sie vermag, von ihm spreche.

So wie es scheint, haben ihr wirklich grosser Reiz und ihre sanften Tugenden das Herz ihres Vaters ganz gewonnen; man sagt, er denke sie in seine Einsamkeit mit zu nehmen, und habe sie desswegen schon vor einem halben Jahre zu sich kommen lassen, und als seine Tochter anerkannt. Ein neuer Beweis, dass der Plan, dem Trone zu entsagen, schon lange in seiner Seele gelegen, und er Alles geheim und langsam dazu vorbereitet hat. So handelt der kluge, der vorsichtige Mann, und gibt uns ein nachahmungswürdiges Beispiel. Auch wir sollen langsam und geheim bereiten, was der entscheidende Augenblick plötzlich in seiner ganzen Grösse und Vollendung der erstaunten Welt entüllen muss. Hindernisse spornen den Eifer, und wichtige Gegner lehren uns unsre Blicke schärfen, und alle Kräfte anstrengen, in deren lebendiger Tätigkeit dem rüstigen starken Mann erst recht wohl wird. Galerius ist auch tätig, ich weiss es wohl, aber jeder Augenblick wird zeigen, wer sichere, und bessere Maassregeln genommen hat.

Sende mir das nächste Mal Nachricht, wie es mit den Legionen steht, die mein Vater in Britannien bei sich hat. In Gallien sind mehrere Legionen, teils Römer, teils Eingeborne zerstreut, auf deren Treue ziemlich sicher zu zählen ist, und die sich, wenn es nötig ist, leicht versammeln lassen. Es muss auf Alles gedacht, nichts dem Zufalle überlassen, und auf den schlimmsten Fall uns ein würdiger Rückzug gedeckt sein, der keiner Flucht gleiche, und uns nur die Musse verschaffe, mit erneuerter Kraft einst wieder hervorzutreten. Auch in Italien habe ich meine Zeit nicht vergebens zugebracht. Unter Maximians Augen in seinen Provinzen wird, ohne dass er es ahnet, an dem Plane gearbeitet, dessen Vollendung den Erdkreis neu gestalten soll. Der römische Senat hat längst aufgehört zu sein, in dem Sinne, in welchem ihn einst die versammelten Vater und der staunende Erdkreis kannten. Warum sollen wir aus altem Wahn, oder unzeitiger Schonung eine Form behalten, die längst nichts mehr als eine leere Hülle ist, aus der der Geist entfloh? Der römische Staat ist reif zur Wiedergeburt; so werde er wiedergeboren, und eine neue Aera1 beginne für die erneuerte Welt.

Vor allen Dingen ist es nötig, um jede Wurzel des Alten zu vertilgen, dass der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme. Dein Vorschlag wegen Byzanz scheint mir sehr klug und ausführbar. Ich habe an Ort und Stelle Alles überlegt und bedacht, was du mir früher schriebst. Wie gar kein anderer Punkt in der Welt eignet sich dieser zur Hauptstadt des Ganzen, hier, wo zwei Erdteile einander berühren, und das freie Meer ein unmittelbares Verkehr mit dem Dritten eröffnet. AberEine HauptstadtEin ReichEin HerrscherEin Gott!

Ganz neu muss Alles werden, und von dem Alten auch keine Spur mehr übrig bleiben, die zur Vergleichung mit Ehemals oder zum Schlupfwinkel für Widerspenstige dienen könne. Erstaunt und betäubt sollen sie sich zuerst in der neuen Schöpfung umsehen, und dann, bis sie sich erholt haben, wird die neue Ordnung ihnen nicht mehr fremd sein. Nur so kann man hoffen, den Keim alles alten Unglücks, das Schwankende der Verfassung, und die