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mehr Furcht, sie war dem Mitleid verwandt, und so trat ich ein paar Schritte näher. Da streckte er mir die Hand entgegen, und richtete sich, von Zweien seines Gefolges unterstützt, mühsam auf. Komm, mein Kind! sagte er: komm näher, dass ich dich recht ansehe. Der leise gütige Ton der väterlichen stimme, die ich jetzt zum ersten Mal hörte, überwältigte jeden Rest von Scheu, ich eilte hinzu, sank vor ihm nieder, und drückte die zitternde Vaterhand fest an meine Lippen, an mein Herz. Ich war zu bewegt, um zu sprechen, und auch mein Vater schien erschüttert. Bald aber fasste er sich wieder, hiess mich aufstehen, und betrachtete mich genau, indem er meine Züge mit einem Bilde verglich, das ihm ein sehr schöner junger Mann, dessen Gesicht ganz allein unter allen, die ich hier sah, einen freundlichen Eindruck auf mich machte, von einem Tische herüber gelangt hatte. Ach, es war wahrscheinlich das Bild meiner nie gekannten Mutter! Der Gedanke ergriff mich sehr, und ich fing an zu weinen. Da winkte mir einer der glänzenden Herren, und ich verstand, dass ich mich bezwingen sollte, weil allzugrosse Rührung dem Kranken schädlich sein konnte. Ich musste also im ersten Augenblick der Ergiessung mein volles Herz verschliessen, und meine Tränen verschlingen. Ach, da offenbarte sich der Fluch, der auf Macht und Hoheit liegt, an mir. Ich begann, in meine alten Gedanken zurückzusinken, als mein Vater das Bild bei Seite legte, und mich sehr liebreich über allerlei Umstände meines früheren Lebens befragte, auch mit einer Schonung, für die ich ihm ewig danken werde, Alles vermied, was mich an mein grösstes Unglück erinnern konnte. Endlich stellte er mir mit einem bedeutenden aber nicht strengen blick, den schönen jungen Mann, als meinen LandsmannConstantin vor. Ach, ich hatte es dunkel geahnet, als ich ihn sah, ich hatte wenigstens gewünscht, ihn so zu finden. Nun ward mir viel leichter. Ich hatte nebst meinem teuern Vater noch ein Herz in dieser freudenlosen Welt gefunden, das teil an mir nahm, mich verstand, und über das, was mir allein wichtig ist, gleich mit mir dachte.

So endigte der erste Besuch viel besser, als ich gehofft hatte; ich soll nun, so gebeut es mein Vater, ihn täglich besuchen, so lange er in Byzanz bleibt, dann mit ihm nach Nikomedien gehen, und ihn nie wieder verlassen.

lebe' wohl, Teophania! Ich muss mich bereiten, am hof zu erscheinen. Einer Kaisertochter wird es nicht so gut, wie der Tochter des gemeinsten Handwerkers, dass sie ihrem Vater unvorbereitet, und mit ihrem alltäglichen Anzuge, an die Brust fliegen könnte.

96. Constantin an Agatokles.

Nikomedien, im März 305.

Nach einer sehr langsamen, und sehr unangenehmen Reise bin ich endlich vor einigen Wochen mit dem Augustus hier eingetroffen. Sein Zustand ist bedenklich, obwohl für den jetzigen Augenblick ohne Gefahr. Die ärzte oder vielmehr sein Leibarzt, der durch sie spricht, derselbe, den ihm Galerius überlassen hat, erklären, dass nur Entfernung von allen Geschäften, w e n i g s t e n s a u f e i n i g e Z e i t , nur vollkommene Ruhe seine ganz zerrüttete Gesundheit wieder herstellen kann. Ob sie in der Tiefe ihrer Kunst, oder in der Politik des Galerius diese Kunde geschöpft haben, entscheide ich nicht. Dieser, der uns von Syrmium auf dem fuss hierher gefolgt ist, um keinen Augenblick zu versäumen, und überall selbst gegenwärtig zu sein, steigert seinen Ton und sein Betragen an Bestimmteit und Hoheit mit jeder schlimmen Nachricht von des Augustus Befinden, und zwischen den Höfen von Nikomedien und Mailand waltet ein ununterbrochener Briefwechsel.

Nicht umsonst wird Salona, wie ich mich selbst überzeugt habe, mit kaiserlicher Pracht erbaut und eingerichtet. Es ist ein äusserst lieblicher Aufentalt, der schönsten Gegend von Dalmatien gelegen. Diocletian schien mit auffallender Vorliebe und allem Eifer, den ihm seine Schwachheit übrig liess, die Vollendung dieses Baues zu betreiben, der so ganz das Gepräge einer stillen Freistatt nach den Stürmen und Mühseligkeiten eines tatenvollen Lebens trägt. Ich sehe im geist Alles vor, es ist, als ob eine geheime stimme mir es zuflisterte. Freiwillig oder halbgezwungen, aus Philosophie, oder um das untergehende Gestirn dem bösen Einfluss des gewaltsam empordringenden zu entziehen, wird Diocletian die Zügel der Regierung niederlegen, GaleriusAugustus heissen, und wie Diocletian, Herr der Welt sein wollen. Auch spricht man am hof und in der Stadt zu viel, zu allgemein, zu laut von dieser wahrscheinlichen Zukunft, als dass dies Gerücht bloss der aufgetriebene Schaum des Müssigganges und der Langeweile sein sollte, die schon so manches Gerede erzeugt haben. Heimliche Boten sind ausgesendet, um im Gespräch gleichsam zufällig die Nachricht zu verbreiten, und die Welt auf das seltsam wichtige Schauspiel vorzubereiten. Man erwartet das jüngst kaum Geglaubte, das halb Unmögliche, fast schon als gewiss. Der Ehrgeiz, die Ruhmsucht, der Eigennutz in seinen innersten Tiefen durch neue Hoffnungen, Besorgnisse und Aussichten geweckt, kommt in gährende Bewegung, die Neugierde zermartert sich in Vermutungen und Erwartungen, und der müssige Pöbel des Hofes und der Stadt sieht mit gespannter Aufmerksamkeit dem grossen Ereigniss, wie einem interessanten Schauspiel, entgegen, von dem er sich Zerstreuung und Zeitkürzung erwartet. So stehen die Sachen hier. Seit dem diese Gerüchte