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in diesem Zustande zu mir.

Nie werde ich den Eindruck dieser Stunde vergessen. Eine Art von Schauer überfiel mich, der Gedanke, wie mir zu Mute wäre, wenn ich an Valeriens Stelle wäre, und eben so von Agatokles scheiden müsste, drängte sich mir mit einer marternden Lebhaftigkeit auf, und ich weiss nicht, was es ist, Junia! aber ich kann ihn seit dem nicht wieder los werden. Bei jeder Veranlassung, oft sogar ohne dieselbe steigt er in meinem Gemüte empor, umzieht meine Seele mit düstern Schatten, und erscheint nicht selten in ängstenden Träumen unter tausenderlei Gestalten und Zusammenstellungen wieder. So bleibt, wenn an einem trüben Herbstmorgen die Sonne endlich das schwere Gewölk zerteilt, noch hier und dort auf den Bergen der düstre Nebelflor, die Ueberbleibsel der Nacht, gelagert, und ach! oft noch, ehe die Sonne sinkt, steigt er herauf, und begräbt den kurzen Tag in schnelle Schatten! O meine Junia! Wenn das nur keine Ahnungen sind! Ich darf meinem Agatokles nichts davon sagen, er verweiset sie in das Reich der Träume, aber ich habe mehr als eine Ursache, für meine Zukunft besorgt zu sein. Florianus heldenmütiger Tod, seine letzte Ermahnung an die Christen, die gesegneten Folgen, die man wirklich schon in dem Betragen unsrer Brüder fühlt, ihre grössere Standhaftigkeit, ihre mutige Verachtung irdischer Vorteile haben, wie ich fürchte, einen gefährlichen Funken in Agatokles Seele geworfen!

Den Tag, wo Florianus starb, sah ich ihn zum ersten und letzten Male. Der Zug ging in höchster Feierlichkeit, denn das Volk vermutete nichts weniger als seinen Tod, vor unserm haus vorüber. Er kamim vollen Schmucke seines Ranges, ungefesselt an der Seite des Präfects, ein schöner Mann in der vollen Reife der Jahre, gross, edel, kräftig. Sein dunkles Auge war mit einem Ausdruck von Wohlwollen und innerer Hoheit bald auf das Volk, das ihn umgab, bald auf seinen Begleiter gerichtet, mit dem er ruhig und, wie es schien, von gleichgültigen Dingen sprach. Nur ein paar Mal sah ich ihn den blick zum Himmel richten; dann aber war auch eine Verklärung darinnen, die mehr als Alles, was ich wusste, den nahen Bürger einer bessern Welt verkündigte, der im Begriff war, sein Leben für seine überzeugung aufzuopfern. Alles, was ich vorhin von ihm gehört hatte, und jetzt sah, machte es mir sehr wahrscheinlich, dass er eine solche leidenschaft in Valeriens Herzen hatte entzünden können.

Er hatte den Götzen nicht geopfert, seine Religion nicht abgeschworen, wie es das getäuschte Volk erwartetein dem beigeschlossenen Blatt findest du die weitläufige Erzählung des ganzen Vorfallsund endigte nun in den Fluten des Anasus sein Leben. Valeria war auf Alles vorbereitet. Sobald die schauerliche Scene vorüber, und der unwürdige Präfekt in seinem Palast angelangt war, eilte sie zu ihm, und ihr Gold erhielt, was ihren rührendsten Bitten nicht gewährt wurde, die traurige Gunst, den Leichnam ihres geliebten Freundes im Anasus suchen, und auf eine anständige Art bestatten zu lassen.

Der Strom war von einem Gewitterregen in den Gebirgen zu einer ausserordentlichen Höhe angeschwollen, und tobte in seinen Ufern strudelnd und reissend dahin. Kein Schiffer wollte es wagen, einen Kahn durch die wilden Fluten zu drängenaber was wäre der Liebe und dem Golde unmöglich! Valeria bestieg selbst einen Fischernachen, eine übermässige Belohnung verschaffte ihr ein Paar kühne Ruderer, sie zwangen den Kahn mitten durch die schäumende Flut, und fanden bald unweit der brücke unter den Gesträuchen des Ufers den teuern Rest, den sie suchten. Valeria weinte nicht, als ihn die Schiffer vor sie hin in den Kahn legten, kein Seufzer, keine Träne erleichterte ihren dumpfen Schmerz. So blieb sie diesen und den folgenden Tag, bis die fromme sorge einiger Christen der verehrten Leiche alle Dienste, der Treue erwiesen hatte. In der Gegend umher, die ziemlich flach ist, hatte Valeriens Liebe schon seit dem letzten Gespräch mit ihrem Freund zu diesem Vorhaben eine schickliche geheime Stelle gesucht und gefunden. Unfern von Laureacum erheben sich in Südwesten einige kleine Hügel mit Laubwäldern bedeckt. Hinter einem derselben in einem stillen Tale, an einer frischen Quelle, der einzigen, die diese wasserarmen Gefilde netzt und erquickt, wollte sie sein verborgenes Grab machen lassen. Ihre Liebe hatte sinnreich gewählt. An dem Ort, der allein Leben ausspendete, sollte das Kostbarste verwahrt werden, das sie besass, von seiner Ruhestätte aus sollte sich Segen verbreiten, und die fromme Dankbarkeit vielleicht einst in fernen Jahrhunderten, wo so gern alle Geschichten die Gestalt der Fabel und des Wunderbaren annehmen, diese einzige Quelle als ein Geschenk des verehrten Mannes betrachten, der hier nach seinem heldenmütigen Tod Ruhe gefunden hatte.1

Sie selbst begleitete die geliebte Hülle an den einsamen Ort. Hier begruben ihn ihre Begleiter, trauernde Christen, unter frommen Gebeten und heiligen Gefühlen. Als der Hügel erhöht, und ein einfaches Kreuz darauf gepflanzt, und nun jede Spur der teuren Gestalt von der Erde verschwunden war, da brach Valeriens gewaltsame Spannung, und ihre Kraft verliess sie. Mit einem lauten Schrei sank sie ohnmächtig auf das Grab, keine Bemühung vermochte sie wieder zu erweckenman brachte sie bewusstlos nach Laureacum zurück. Eine tödtliche Krankheit, die sie bald mit ihrem Freunde zu vereinigen versprach, stürzte ihre Pflegeeltern und alle ihre Freunde in die tiefste Bekümmerniss. Ihre Jugend überwand endlich den Sturm, und sie genas langsam dem Körper nach. Ihr