So endete dein trefflicher Freund ein Leben, das, stets der Tugend geweiht, auch noch in den letzten Augenblicken nur diesen Zweck hatte, und schied mit dem Bewusstsein aus dieser Welt, ein hohes Beispiel gegeben, und einen Eindruck in den Gemütern hinterlassen zu haben, der bald segensvolle Früchte der Treue, des Muts tragen würde.
Ich setze nichts weiter hinzu. Alles, was ich sagen könnte, würde den Eindruck, den die einfache Erzählung bei dir sicher hervorbringen muss, nur schwächen oder stören. Ihm ist wohl, und selig derjenige, der einst mit solchem Bewusstsein, zu solchem Zwecke, wie Florianus, sein Leben hingeben kann! lebe' wohl.
Fussnoten
1 Der heilige Florian ist einer der bekanntesten und am meisten verehrten Volksheiligen in Oesterreich. Die Legende erzählt von ihm, dass er – ein römischer Offizier von bedeutendem Range – nach Laureacum, dem heutigen Enns, gekommen, um dort entweder die Christen zur Standhaftigkeit zu ermahnen, oder selbst zum Muster zu dienen, und für seinen Glauben zu sterben. Der Präfect Aquilinus ermahnte ihn, den Götzen zu opfern, er weigerte sich, und wurde in die Enns gestürzt. Hier soll nun eine christliche Matrone, mit Namen Valeria, seinen Körper aus dem Strom ziehen, und auf einem mit Ochsen bespannten Wagen bis an jenen Platz haben führen lassen, wo jetzt das bekannte schöne Stift Florian steht. Ich habe diese geschichte so zu benutzen gesucht, wie sie in meinen Plan zu taugen schien, und die wunderbare Erzählung von der Entstehung einer Quelle am fuss des berges, um die müden Tiere zu laben, die den Wagen nicht mehr weiter ziehen wollten, auf etwas andere Art eingeflochten.
93. Teophania an Junia Marcella.
Laureacum, im Julius 304.
Ich habe sehr trübe Tage durchlebt, meine Junia! Schon seit ich Noricum betrat, verging vielleicht keine Woche, wo nicht irgend ein Beispiel unerhörter Grausamkeit von Seiten unserer Verfolger, oder schimpflicher Weichheit und niedrigen Eigennutzes von Seiten so mancher Abtrünnigen mein Herz mit Trauer, meine Einbildungskraft mit düstern Bildern erfüllte. Das traurigste von Allen erlebte ich hier in Laureacum. Florianus ist tot. Er fiel, ein Opfer des Hasses, ein strahlendes Beispiel für so Manche seiner Brüder, schmerzlich und ewig von dem zärtlichsten Herzen betrauert, das vielleicht je in einer weiblichen Brust schlug.
Sie erfuhr seine Nähe, seine Anwesenheit an dem Orte, wo sie sich zufälliger Weise befand, nur durch die Nachricht von seiner Gefangennehmung, von seiner dringenden Gefahr. Er war nicht fern, er atmete e i n e Luft mit ihr, nach drei hoffnungslosen Jahren hatte ihn ein günstiges Geschick in ihre Nähe gebracht, und – er war gefangen und die Möglichkeit, ihn noch ein Mal zu sehen, zu sprechen, für die sie noch vor wenig Monaten den Rest ihres Lebens hindurchdringliche Mauern, durch den strengen Befehl des Präfects, keinen Menschen mit dem Gefangenen sprechen zu lassen, verwehrt. Es ist schlechterdings unmöglich, den Zustand zu beschreiben, in welchem sich Valeria in dieser Zeit befand. Ich fürchtete, dass er ihr Leben aufreiben werde. Diese gespannte Tätigkeit, diese glühende Liebe, diese schwärmerische Verehrung, und diese überzeugung ewiger Trennung! All' ihr Gold, alle Versuche, die sie auf jedem nur ersinnlichen Wege machte, um den Präfect mit Recht und Unrecht für ihren heissen Wunsch zu gewinnen, bewirkten ihres Freundes Freiheit nicht. Sie erhielt nicht ein Mal die erlaubnis, ihn in Gegenwart von Zeugen zu sprechen. Eine finstere Stille trat nun auf ein Mal an die Stelle ihrer vorigen Lebhaftigkeit. Man sah, dass sie über einem Entschluss brütete. Gott weiss, woher diesem sonst so sanften, so schüchternen Mädchen die List, die Kühnheit kam, Alles das in's Werk zu setzen, was sie tat. Genug, an einem Abend trat sie bleich, verstört, mit verweinten Augen, und einer unruhigen Heftigkeit in ihrem ganzen Wesen in mein Zimmer, sie sah sich überall ängstlich, scheu herum. Sind wir allein? fragte sie mit dumpfer hastiger stimme, dann warf sie sich an meine Brust, und mit einem schmerzlichen Schrei rief sie: Ich habe ihn gesehen! – nun will ich sterben – er stirbt auch!
Es war ihr auf Wegen, über die ich erstaunte, als sie späterhin uns Alles zu erzählen vermochte, gelungen, die Wachen zu bestechen, und verkleidet in sein gefängnis zu dringen. O welch' ein Wiedersehen nach drei Jahren! Sie war der Verzweiflung nahe. Aber Florianus Geist erhub und stärkte sie. Noch ein Mal vor dem gewissen tod erlaubte er sich, den Regungen seines Herzens ganz zu folgen, noch ein Mal schwelgten ihre Seelen in den leidenschaftlichen Ergiessungen unglücklicher Zärtlichkeit, noch ein Mal wiederholte er ihr, was durch drei Jahre sein Mund streng verschwiegen hatte, das geständnis seiner grenzenlosen Liebe, seiner Trauer um sie, seiner heissen sehnsucht nach diesem Augenblick, den er, ach! nicht so bald, und nicht auf diese Art zu erleben glaubte. In ihre treue Brust legte er seine Geheimnisse nieder. Sie presste in dem kurzen Raum von ein paar Stunden, der ihnen vergönnt war, alle Leiden, alle Hoffnungen, alle bitteren Erfahrungen von drei traurigen Jahren, und alle wehmütige Seligkeit eines solchen Wiedersehens zusammen. Sie genoss dies traurige Glück mit vollen Zügen. Sie riss sich endlich halb ohnmächtig aus seinen Armen, und mit dem festen Bewusstsein, ihn nie wieder auf dieser Erde zu sehen, und kam