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, der zu entfliehen sie zu schwach ist. Uebrigens liebt sie ihre Pflegeeltern, die mit schwerem Herzen die Befehle des Augustus an ihrem geliebten Schutzbefohlenen üben, und dies einzige Gefühl, sagte sie mir neulich, schützt sie vor Verzweiflung.

Ich sehe wichtigen und erschütternden Auftritten entgegen. Agatokles weiss, dass Florianus auf dem Wege hierher ist, um nach Salona zu gehen, und dort mit Constantin zu sprechen. Noch ahnet Valeria nichts davon, und ich weiss nicht, ob ich es ihr sagen oder verbergen, und ihre Pflegeeltern bitten soll, sich mit ihr zu entfernen. Ich würde sie sehr schmerzlich vermissen, wenn ich sie verlieren sollte; denn ich bin ihres Umgangs schon sehr gewohnt, und ich fühle wohl, dass auch sie mit Liebe und innigem Vertrauen an Agatokles und mir hängt.

Von meinem häuslichen Glücke sage ich dir nichts; du kennst es, es ist grösser, als ich es je dachte, je hoffen konnte. Ein gesunder blühender Knabe knüpft seit etlichen Monaten ein neues inniges Band zwischen uns. Agatokles, meine teure Junia! ist der beste Vater, wie er der zärtlichste Gemahl, der treueste Freund ist, und mir bleibt keine sorge für diese Welt, als Gott zu bitten, dass er mir mein Glück, und die stille Scheu erhalte, mit der ich es zitternd, aber selig geniesse.

Fussnoten

1 Anasus, der alte Name des Ennsflusses.

92. Agatokles an Constantin.

Laureacum, im Junius 304.

Grosse Gemüter hat, wie ich glaube, und wie die geschichte lehrt, die Vorsicht darum von Zeit zu Zeit erweckt, und mit vorzüglichen Gaben ausgerüstet, dass sie gleich himmelanstrebenden Felsen die Gewitter, welche das Menschengeschlecht treffen, mit höherm Haupt tragen, und so den Uebrigen zum Schutz und zum Beispiel dienen sollen, woran ihre Schwäche sich erhebe und stärke. Noch erhebender wird solch ein Muster, wenn jenes starke Gemüt zugleich ein zum Herrscher berufenes ist, und sich sein göttlicher Beruf, Andre zu leiten und zu zügeln, zuerst an der Macht offenbart, die es über sich selbst und seine edelsten Triebe ausübt. So, o mein Constantin! kenne ich dich seit dem ersten Augenblicke, wo wir uns sahen, so hast du dich stets bewährt, und so wirst du es bei der Nachricht tun, die ich dir zu geben habe. Wir erwarteten seit einiger Zeit die Ankunft deines verehrten Lehrers und Freundes, des Centurio Eneus Florianus, hier in Laureacum. Ein Zufall wollte, dass gerade jetzt auch Valeria mit ihren Pflegeeltern sich hier befand. Von dir unterrichtet teilte ich dem Asinius Ponticus meine Nachricht mit, und überliess es machte auch wirklich in aller Stille Anstalten zur Abreise, aber unvermutet traf Florianus um mehrere Tage früher ein, und Aquilinus, der Präfect der Stadt, ein geschöpf und treues Werkzeug des grausamen Galerius, liess ihn auf der Stelle als einen Ausspäher, als einen verdächtigen Abgesandten des Constantins verhaften, und ihm abnehmen, was er an Briefen und Schriften für dich und Diocletian nach Salona bei sich hatte. Vergebens wandte ich Alles an, was in meiner Macht stand, um dem Präfecten die Ungerechtigkeit, die Gefahr seines widerrechtlichen Unternehmens einsehen zu machen, und Florianus zu befreien, mit dem mir sogar nicht erlaubt wurde zu sprechen. Sie Ruhe, mit der der Präfect auf seinem Beginnen bestand, die Sicherheit, mit der er verfuhr, liess mich bald fürchten, dass er nicht ohne höhern Befehl handle, dass das, was mir Anfangs ein Ausbruch unverständiger Härte schien, lange bereitete, geheissene Maassregel war, wodurch sich Galerius Einsicht in alle unsere Plane, und Rache an dir verschaffen wollte. Sein widriges Vorhaben misslang doch zum teil. Florianus war besonnen genug gewesen, die geheimsten Briefe auf seiner Brust zu verwahren. Er verlangte mit mir zu sprechen, man verweigerte es ihm durchaus. Asinius Ponticus, der, so lange Florianus verhaftet war, keine Gefahr für Valerien sah, blieb in Laureacum, und wandte Alles an, um seinen alten Freund zu befreien, oder ihn wenigstens zu sehen; auch seine Bemühungen waren fruchtlos. Valeria schwebte zwischen Furcht und Hoffnung, Freude und Verzweiflung. Da fasste, als er keine Möglichkeit sah, seine Briefe, seine Nachrichten, den ganzen Zweck seiner wichtigen Sendung an dich und den Augustus in treue hände niederzulegen, Florianus endlich mutig den Entschluss, sie zu vertilgen. Unbemerkt, wie er hoffte, und langsam war er dahin gekommen, an der Flamme der Lampe, die sein gefängnis erhellte, und zu der er, damals noch ungefesselt, mit einiger Mühe zu gelangen gewusst hatte, die Briefe zu verbrennen. Sein Beginnen ward entdeckt. Die Gewissheit, dass er noch geheimere Briefe besessen, und der Verdruss darüber, dass er sie den Augen seiner Feinde zu entziehen gewusst hatte, entfesselte nun den ganzen Grimm des Aquilinus, und liess ihn ohne Schonung gegen seinen Gefangenen wüten. Unter nichtigen Vorwänden, denen man eine Art von rechtlicher Form zu geben suchte, ward er vor das Tribunal gezogen, dessen Beisitzer, würdige Gehülfen des Präfects, das Urteil schon gefällt hatten, ehe noch der Angeklagte erschienen war. Er ward zum tod verurteilt.

Ich eilte zum Aquilinus, ich versuchte Alles, was in meiner Macht stand, um, wo nicht das Leben deines Freundes, doch wenigstens unter allerlei scheinbaren Vorwänden einen Aufschub von ihm zu erhalten, bis der Eilbote, den ich gleich bei Florianus Gefangennehmung an dich abgefertigt hatte, zurück sein würde. Sei