, stürzen dort schon in die Gewässer, in denen sie Namen und Dasein verlieren. Wie manchem Sterblichen sah ich ein gleiches los fallen! Wenn sein hartes Schicksal endlich abliess, ihn zu verfolgen, wenn seine stillen, gerechten Wünsche erhört schienen, dann rief ihn der Tod aus dem Kreise seiner Freuden ab, gleich als wäre hienieden nicht Raum für solch' ein Glück, das nur in bessern Wellen zu blühen bestimmt ist.
Agatokles hat mit mir manche kleine Reise in diese düstern Wildnisse gemacht, aus denen der Anasus, und alle die Ströme herkommen, die sich in den Danubius verlieren. An ihren Ufern winden sich die Strassen aufwärts, ihren Quellen entgegen, sie zeigen dem Wanderer den Pfad in die geheimen Täler, aus denen sie herabkommen, und der Weg, den die lebendige Flut bei der ersten Gestaltung dieser Erde nahm, die Tiefen, durch welche sie sich Bahn machte, um heraus in die Ebene zu gelangen, sind meist auch der einzige Weg, auf dem man hineingelangen kann. dicht verwachsene Wildnisse empfangen den Wanderer, in denen vielleicht noch nie eine Art erschollen ist, nie ein Fusstritt gewandelt hat; himmelanstrebende Felsen tragen selbst jetzt im Frühling noch Schnee auf ihren kahlen Häuptern, wilde Bergströme stürzen sich brausend von jähen Höhen; dann öffnet sich ein geheimes Tal, und im Schooss waldiger Berge und schroffer Felsen liegt ein stiller Wasserspiegel weit ausgebreitet, dessen einsames Ufer nur Vögel oder verirrte Gemsen besuchen. Keine Menschenspur ist Zu finden, nur die Laute der natur tönen hier, wir sind allein mit ihr, die in ungebrochener Kraft um uns waltet, allein mit ihr, und unserm gemeinschaftlichen Schörfer. Seine erhabene Gegenwart wird doppelt fühlbar in dieser einsamen Wildniss, sein Hauch erhält und trägt sie und uns, hier ergreift seine Nähe uns mit Schauer, Ehrfurcht und Liebe. Die tausendjährigen Eichen verschlingen die kühngeformten Aeste zum lustigen hohen Dach, und bilden einen würdigen Tempel; überall ist Hoheit, Einfalt, Stille und Grösse.
Unwillkührlich wirkt diese Umgebung auf unser Innerstes. Ich fühle es, dass ich hier ernster geworden bin, als ich in Syntium war. Der Himmel ist hier sehr oft trübe, in seltsamen Gestalten ziehen sich die Nebel, die aus dem Strom und den dichten Wäldern aufsteigen, um die dunkeln Berge herum, die nördlichere Sonne vermag sie nicht immer zu zerstreuen; dann sammeln sie sich, verdecken das freundliche Blau, oder ergiessen sich in unaufhörlichen Regengüssen über die winterlich düstere Landschaft. Solche trüben Tage machen unsere Ansichten ebenfalls trübe, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, und überdies tragen die täglichen begebenheiten auch nicht dazu bei, ein ernster gestimmtes Gemüt zu erheitern. Es sind zu traurige, zu gräuelvolle Scenen in diesen Gegenden vorgefallen, man hört von allen Seiten zu viel von dem Missbrauch des gewaltigen Uebermuts, von der Grausamkeit des Parteigeistes, und den tausendfachen Neckereien, Leiden, Qualen und Todesarten, die hier die verfolgte Unschuld von ihren Drängern erdulden muss, als dass man seines Lebens recht froh werden könnte, selbst wenn ein Paradies um uns her lachte. Es sind doch im grund nur die Menschen, die uns die Erde lieb oder leid machen können, und ein glückliches Paar, wie Agatokles und ich, würde auch in noch düsterern Gegenden, als diese sind, selig leben, wenn es möglich, wenn es billig wäre, auge' und Herz vor den Leiden seiner Brüder zu verschliessen.
Ich habe hier unter manchen seltsamen und anziehenden Gegenständen, die mir diese Gegenden schon zeigten, auch die Bekanntschaft eines Mädchens gemacht, die ganz zu diesen Umgebungen passt, die in sich das treuste Bild der natur um sich her darstellt. Es ist jene Valeria, die Frucht einer geheimen Liebe Diocletians, welche in Britannien geboren und erzogen worden war. Ich erinnere mich, dir einen teil ihrer geschichte geschrieben zu haben, wie ich sie von Constantin erzählen hörte. Ein stiller tiefer Kummer liegt auf diesem schönen Gesicht, dessen blendende Weisse kaum durch einen leichten Anflug des zartesten Rots belebt wird. Grosse dunkelblaue Augen bewegen sich langsam unter langen seidenen Wimpern, und die Farbe der Augen wiederholt sich lieblich in dem feinen Geäder, das die blendende Haut durchschimmert. Ihre lange schlanke Gestalt ist nicht stolz, kaum aufrecht, das schöne Köpfchen, von goldnem Gelocke umflossen, sinkt beständig auf die Brust, ihre ganze Haltung zeugt von tiefem Kummer. So erschien sie mir, als ich sie das erste Mal sah, das anziehendste Bild der Schwermut und stillen Ergebung. Seit zwei Jahren hat sie keine Nachricht mehr von ihrem Lehrer und Freund. Er wollte nicht, dass sie ihm noch schreiben sollte, und sein Wunsch ist ihr Gesetz, sie verehrt seinen Willen, seine Entschlüsse mit jener Heiligkeit, mit der vielleicht nur die ersten Jünger die Gebote ihres Meisters ehrten und hielten. Treu und unauslöschlich bewahrt sie sein Bild in ihrer Brust, Religion, Tugend und die Glut der ersten Liebe verklären es in himmlischem Glanz, und nicht inniger hängt sie an den Lehren unsers göttlichen Stifters, als an den Aussprüchen ihres Freundes.
Ihre Pflegeeltern haben sie auf Befehl ihres Vaters hierher geführt; denn seit man sie aus ihrer heimatlichen Insel, von der sie nie ohne wehmütige Begeisterung, ohne Tränen spricht, entfernt hat, ist ihr Leben sehr unstät, und ihr Aufentalt überall nur kurz. Sie ergibt sich in dies schwere Schicksal, nachdem mancher vergebliche Kampf, mancher vereitelte Versuch zur Flucht sie belehrt hat, dass eine höhere Macht über sie waltet